Talsperre Cranzahl erhält neue Lebensader

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Der Füllstand in dem Trinkwasserreservoir ist wieder leicht gestiegen. Von Entwarnung kann aber nicht die Rede sein. Jetzt ist mit einem Neubau begonnen worden, der für mehr Stabilität sorgen soll.

Cranzahl.

Reichlich 1,78 Millionen Kubikmeter Wasser befinden sich in der Talsperre Cranzahl. Das entspricht laut Katrin Schöne von der sächsischen Landestalsperrenverwaltung einem Füllstand von knapp 63 Prozent. Im Vergleich zum Oktober eine Steigerung um fast zwölf Prozentpunkte. "Das zeigt, dass sich vor allem die Niederschläge in der zweiten Oktoberhälfte und die bisher getroffenen Maßnahmen zu Notwasserüberleitungen positiv ausgewirkt und die Situation etwas stabilisiert haben." Von Entspannung könne aber noch keine Rede sein. Und so bleibt vorerst bei den Bewohnern des Einzugsgebietes, das von Oberwiesenthal bis nach Gelenau reicht, die drängende Frage: Wie lange reicht das Wasser der Talsperre Cranzahl in Sachen Kapazität und Qualität zur Versorgung?

Ein neues Bauwerk soll nun mehr Stabilität für die regionale Wasserversorgung bringen: Nach Angaben der Landestalsperrenverwaltung ist in dieser Woche mit den Bauarbeiten für eine vier Kilometer lange Überleitung aus der Zschopau begonnen worden. Mit ihr soll Wasser, dass oberhalb von Crottendorf entnommen wird, in den Hanggraben der Talsperre eingeleitet werden, erläutert Katrin Schöne. Für die notwendigen Bauwerke - einschließlich Pumpwerk inklusive der notwendigen Energieversorgungsanlagen für den Antrieb - stellt der Freistaat Sachsen rund 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Die Fertigstellung ist bereits für das zweite Quartal des Jahres geplant. Das sei aber witterungsabhängig.

Zur Frage der Versorgungssicherheit, die unter anderem von Familie Leonhardt aus Annaberg-Buchholz aufgeworfen wird, heißt es: "Nach derzeitigem Kenntnisstand ist die Versorgung des Wasserwerkes mit Rohwasser aus der Talsperre für das Jahr 2021 gesichert." Allerdings macht Sprecherin Katrin Schöne auch deutlich, dass mittlerweile "alle kurzfristig möglichen Maßnahmen" zur Stabilisierung der Situation umgesetzt sind. So werde seit dem Frühjahr beispielsweise Wasser aus dem Übertage- und Untertagebereich des Kalkwerkes in Hammerunterwiesenthal der Talsperre zugeleitet. Anfang August sei zudem der stillgelegte Stollen 111 in Niederschlag angeschlossen worden. Die innerhalb der Diskussion um die Talsperre aufgeworfene Vermutung, dass die Inbetriebnahme des zweiten Tagebaus in Hammerunterwiesenthal eine der Ursachen für die Verringerung des Wasserstandes in Cranzahl sein könnte, wird von der Behörde nicht bestätigt.

Vielmehr wird davon ausgegangen, dass die geringen Zuflüsse aus den unterdurchschnittlichen Jahresniederschlägen der vergangenen drei Jahre resultieren. Sie hätten zur Austrocknung des Bodens und zum Rückgang des Grundwasserspiegels geführt. Das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie bestätigt diese These: "Im Einzugsgebiet der Talsperre Cranzahl hat es in den Jahren 2018, 2019 und bis einschließlich September 2020 weniger Niederschläge gegeben als im langjährigen Mittel. Zudem haben hohe Temperaturen und viel Sonnenschein im Sommerhalbjahr dazu beigetragen, dass bis dahin nur eine sehr geringe Grundwasserneubildung stattfinden konnte", erläutert Sprecherin Karin Bernhardt. Der Grundwasserspeicher fülle sich normalerweise hauptsächlich in den niederschlagsreichen Perioden im Herbst und Winter wieder auf. In den vergangenen zwei Winterhalbjahren habe es in der Region aber nur kurze Phasen gegeben, in denen die Grundwasserstände angestiegen sind. "In dem für das Erzgebirge typischen, kluftigen Untergrund prägte sich eine Grundwasserdürre aus, die noch immer anhält. Diese führte auch dazu, dass kaum Grundwasser in die oberirdischen Fließgewässer gelangt ist." Ob und wann sich die Grundwasserstände erholen, hänge davon ab, wie viel Niederschlag falle und wie sich Temperatur- sowie Sonnenscheinverhältnisse entwickelten. Deshalb wird auch in der Landestalsperrenverwaltung davon ausgegangen, dass selbst bei Monaten mit normalen Niederschlägen kurzfristig keine normalen Abflüsse zu erwarten sind.

Mit Sorge wird diese Entwicklung auch beim Zweckverband Fernwasser Südsachsen beobachtet. In dessen Wasserwerken wird das Rohwasser aus den zwölf Talsperren im Erzgebirge und im Vogtland zu Trinkwasser aufbereitet und an die regionalen Wasserversorger verteilt. Das Verfahren: Der Verband kauft beim Freistaat Sachsen Rohwasser aus Talsperren und bezahlt dafür eine Rohwasserbereitstellungsmenge. Für die Talsperre in Cranzahl sind das nach Verbandsangaben 95 Liter pro Sekunde. Die Trinkwasseraufbereitung erfolgt dann im Wasserwerk Cranzahl. "Diese läuft aktuell sicher und stabil - sowohl in Bezug auf die notwendigen Mengen als auch auf die Güte des bereitgestellten Trinkwassers", versichert die Verbandsführung. Um diese Rohwasserüberleitung in das Wasserwerk abzusichern, hat der Verband seinerseits ein Rohwasserpumpwerk an der Weißen Sehma errichtet und fördert damit seit Juni Rohwasser in die Talsperre. Weiterhin sei ein zusätzliches Pumpwerk im Wasserwerk errichtet worden, um bei extrem niedrigen Füllstand Rohwasser in die Filteranlage fördern zu können.

Langfristig werden aber dennoch Probleme gesehen. So reichen aus Sicht des Verbandes die bisher von allen Beteiligten umgesetzten Maßnahmen noch nicht, um die notwendige Sicherheit für die Wasserversorgung herzustellen: Da diese in Cranzahl in Form einer Insellösung ausgebildet sei und Grundwasserdargebote in ausreichender Menge hydrologisch bedingt nicht verfügbar seien, könne es bei einem Ausfall der Anlage zur Rationierung von Trinkwasser kommen. Ein Krisenszenario, das man auch beim heimischen Versorger auf dem Schirm hat, der Erzgebirge Trinkwasser GmbH. Auch dort sind bereits verschiedene "Entlastungsmaßnahmen" realisiert worden. Dazu gehört laut Geschäftsführerin Carla Schneider unter anderem die Nutzung der maximalen Kapazitäten aus den eigenen Quellgebieten sowie Überleitungen aus Versorgungsgebieten mit örtlichen Wasserreservoiren. "Damit konnten die Entnahmemengen aus dem Fernwassernetz um durchschnittlich 500 Kubikmeter pro Tag reduziert werden."

Zur Frage nach der Qualität des Wassers erklärt Pressesprecherin Katrin Schöne von der Landestalsperrenverwaltung: "Trotz des niedrigen Füllstandes weist die Talsperre Cranzahl derzeit eine vergleichsweise gute Wasserbeschaffenheit auf." Derzeit werde davon ausgegangen, dass bis zum Erreichen des Mindeststauinhaltes die Rohwasserbereitstellung gewährleistet werden kann. Allerdings sei es bei einem weiteren Absinken des Stauspiegels möglich, dass gegebenenfalls erhöhte Aufwendungen bei der Trinkwasseraufbereitung anfallen.

Unterdessen kündigt Sachsens Umweltminister Wolfram Günther an, dass die Anfang 2020 gegründete Arbeitsgruppe unter der Leitung der Landesdirektion Sachsen sich so lange um die besondere Situation in Cranzahl kümmern werde, bis sich die Situation entspannt habe. Zudem beschäftigten sich alle Beteiligten derzeit im Rahmen einer Grundsatzkonzeption intensiv mit der künftigen Wasserversorgung in ganz Sachsen. Das Konzept soll Mitte des Jahres vorliegen.

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