Technik-Desaster am Fichtelberg: Plan B für Junioren-WM in Arbeit

Keiner - weder Baufirma noch Oberwiesenthals Bürgermeister - gibt mehr eine Garantie dafür ab, dass die Aufstiegshilfe zum Saisonhöhepunkt 100-prozentig funktionieren wird. Warum aber gibt es keine Vertragsstrafe für die Baufirma? Und was ist mit den ganzen Gerüchten?

Oberwiesenthal.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, besagt eine Redensart. Doch wann ist zuletzt? In Oberwiesenthal ist das jetzt. Knapp fünf Monate vor der Junioren-WM (JWM) am Fichtelberg, dem Saisonhöhepunkt des Winters, will keiner mehr für den Mountain-Climber seine Hand ins Feuer legen. "Für mich ist das inzwischen ein Lotteriespiel", sagt Bürgermeister Mirko Ernst. Und selbst die Herstellerfirma Graessner GmbH aus Wien möchte keine Garantie dafür abgeben, dass die neue Aufstiegshilfe zur JWM 100-prozentig funktioniert. Dementsprechend werde jetzt an einem noch nicht näher definierten Plan B gearbeitet. "Wir können das nicht mehr länger laufen lassen", so Ernst.

Eigentlich war vertraglich zwischen der Stadt als Bauherr und der Firma Graessner ein Bauzeitraum von einem Jahr und 14 Tagen vereinbart worden. Danach hätte die Aufstiegshilfe Anfang Juli 2017 fertiggestellt sein müssen. Inzwischen schreiben wir Anfang Oktober 2019. Weit mehr als das Doppelte an Zeit ist ins Land gegangen. Und es wird noch immer gebaut, weil es ständig neue Probleme mit dem System gibt, das eigentlich nur eine Aufgabe erfüllen soll: Skispringer nach oben zu den Jugendschanzen sowie zur großen Fichtelbergschanze befördern.

Obwohl der zwischen Stadt und der Graessner GmbH abgeschlossene Vertrag in Teilen längst Makulatur ist, hat die Stadt noch keine Vertragsstrafe angestrebt. "Das würde uns in der jetzigen Situation nicht helfen", sagt der Bürgermeister. Hintergrund: Das österreichische Unternehmen ist Anfang 2016 das einzige gewesen, das sich auf die laut Ernst "systemoffene Ausschreibung" beworben hatte. "Da das Angebot im vorgegebenen Preislimit lag, hatten wir keine Möglichkeit und zu dem Zeitpunkt auch keinen Grund, die Ausschreibung zu annullieren", erklärt Ernst. Als Referenzobjekt der Firma Graessner gab und gibt es eine ähnliche Anlage an der Schanze in Bischofshofen. "Die haben wir uns auch angeschaut und für gut befunden." Eine Warnung, dass die Firma Graessner ein solches Projekt nicht stemmen könne - so eines der inzwischen zahlreichen Gerüchte - habe es nicht gegeben, sagt der Bürgermeister.

Der Bau eines Sesselliftes, der immer wieder von verschiedenen Seiten ins Spiel gebracht wird, stelle keine Alternative dar. Erstens ist er deutlich teurer, zweitens benötigt man Personal zur Bedienung und drittens ist dafür ein Planfeststellungsverfahren erforderlich, erklärt Ernst. Ein solcher Prozess sei langwierig, wie etwa große Straßenbauprojekte immer wieder zeigten.

Auch wenn es eine Vertragsstrafe bislang nicht gibt, zahlt die Firma Graessner. So habe sie unter anderem den Shuttleservice beim Sommer-Grand-Prix der Biathleten 2018 finanziert, weil der Mountain-Climber nicht funktionierte. Und auch für ausgelagertes Training der Sportler übernimmt die Graessner GmbH die Kosten. "Das gilt etwa für die Auslagen, die entstehen, wenn unsere Athleten auf Schanzen nach Klingenthal, Oberhof oder in den Alpenraum ausweichen müssen", sagt Jacob Winkler, Bundesstützpunktleiter beim Deutschen Skiverband.

"Für uns ist es sehr schwer, an diesen Kosten auch unsere Vorlieferanten zu beteiligen, da dies immer auf einen Prozess hinauslaufen würde, und wir dann keine weitere Unterstützung dieser Firmen erwarten könnten. Das wäre für die Stadt Oberwiesenthal und für uns katastrophal", sagt Gernot Kapl von der Graessner GmbH. Der dafür aufgebrachte finanzielle Betrag sei mittlerweile beträchtlich.

Für die Stadt bedeutet das Desaster um den Mountain Climber keine Mehrkosten. "Entgegen sich hartnäckig haltender Gerüchte schießen wir nicht ständig neues Geld zu. Mit der Firma Graessner ist ein Festpreis ausgehandelt, zu dem die Aufstiegshilfe hergestellt werden muss", betont der Bürgermeister. Dieser liege bei 1,77 Millionen Euro für den Mountain-Climber. Inklusive weiterer Kosten unter anderem für Planung, Tiefbau- sowie Elektroarbeiten ergebe sich eine Gesamtsumme von 3,27 Millionen Euro. Geld, das von Bund, Land sowie dem Landkreis zur Verfügung gestellt wird. Und auch der plant nicht mit weiteren Mitteln für das Projekt, sagt Landratsamtssprecherin Stefanie John. Dass die Graessner GmbH irgendwann pleitegehen könnte und Oberwiesenthal mit einer Investruine zurücklässt, davon geht der Bürgermeister nicht aus.

Und wo liegen nun eigentlich die Ursachen dafür, dass die Aufstiegshilfe nicht fertig wird? Nach Version der Herstellerfirma sind sie in der sehr speziellen Anlage mit diversen Forderungen und auch der manchmal unterschätzten Witterungsgegebenheit vor Ort zu suchen. "Zum anderen auch in nicht gehaltenen Zusagen unserer Vorlieferanten bzw. Partner. So manche Komponente, oder Software hat nicht so funktioniert, wie in der Projektphase mit ihnen besprochen und vereinbart", erklärt Kapl. Ein Beispiel sei eine Entwicklungssoftware eines renommierten deutschen Lieferanten, die ganz essenziell für das System ist. "Diese nutzen wir seit Projektstart. Viele der reklamierten Punkte sind bis heute aber nicht gelöst, obwohl es inzwischen schon mehrere Updates gegeben hat", so Kapl. Viel Zeit und Geld habe ferner gekostet, dass im laufenden Projekt ein wesentlicher Programmierer einer Partnerfirma aufgehört hat.

Bürgermeister Ernst erkennt das Bemühen der Graessner GmbH an. Dennoch sagt er, "sie hätten sich für das Projekt nicht bewerben dürfen". Er glaubt, die Firma hat sich gemeinsam mit ihren Lieferanten übernommen. Deshalb habe er auch kein Gefühl mehr dahingehend, ob die Anlage zur JWM laufen wird oder nicht. Die Hoffnung aber stirbt bekanntlich zuletzt.

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 9 Bewertungen
4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    Haju
    04.10.2019

    Ups, eine Zustimmung und erst 4 Ablehnungen für meine Grönland-Idee?! Ich habe jeden Tag 10 Ideen, eine ist gut und die anderen Unsinn. Ist wie bei den Marketing-Experten: 10 Kundengespräche und ein Vertrag kommt dabei heraus.
    Aber vielleicht starten die Grünen ja von sich aus mal eine Ausschreibung dazu? Immerhin gehört Grönland ja nun doch nicht demnächst dem Trump.
    Ich denke, ich erfahre in der FP dann von der Ausschreibung - wie auch immer!
    ;-))

  • 3
    3
    Einspruch
    03.10.2019

    Vielleicht hat man bei der Vergabe wieder mal nur aufs niedrigste Angebot geschaut?

  • 2
    4
    Haju
    03.10.2019

    Ja, das Problem der langwierigen Genehmigungsverfahren. Dies und die vollen Auftragsbücher der Firmen führen dazu, daß finanzielle Mittel in Milliardenhöhe einfach nicht abgerufen werden, wie Finanzminister Olaf Scholz beklagte. Vielleicht hätte man "Klimarettung" auf die Anträge schreiben sollen?
    (Übrigens: woanders in Sachsen hat man mit einer Folie zur Abdeckung die Hälfte des zu einem großen Haufen zusammengeschobenen Kunstschnees über den Sommer retten können. (Meine) Idee für Grönland?)

  • 11
    2
    Steuerzahler
    02.10.2019

    Das beschreibt die Situation in Deutschland wie sonst nichts! Weil die Genehmigungsverfahren in Deutschland inzwischen so kompliziert und langwierig geworden sind und jeder reinreden darf, wurde eine Variante bevorzugt, die hinten und vorn nicht funktioniert. Nun hat O‘thal auch seinen eigenen kleinen BER!



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