"Thum muss sich nicht verstecken"

Der stellvertretende Bürgermeister Sebastian Dittrich über Familienfreundlichkeit, die Zukunft der Stadt und seine persönlichen Pläne.

Thum.

"Freie Presse": Familienfreundliche Kommune ist ein Schlagwort, das man in Thum immer wieder hört. 1997 wurde die Stadt von der Bundesfamilienministerin als "Kinder- und familienfreundliche Gemeinde" ausgezeichnet. Sie waren lange Jahre Stadtrat und stellvertretender Bürgermeister, sind Familienvater. Wie familienfreundlich ist Thum im Moment?

Sebastian Dittrich: Wenn man den Begriff familienfreundlich nur an Spielplätzen aufhängt, dann nicht besonders. Ansonsten muss sich Thum nicht verstecken. Die Stadt macht längst nicht nur, was Pflicht ist. So werden im Herolder Kindergarten zusätzliche Integrativplätze geschaffen. Wir haben ein Freizeit- und Familienzentrum mit Ferienangeboten. Die Vereine, die das Volkshaus nutzen, müssen nur anteilig Nebenkosten zahlen. Die Jugendfeuerwehr ist so gefragt, dass es sogar eine Warteliste gibt. Wir haben die Mühlteich wieder hergerichtet, die Jahnsbacher Kindergartenkinder waren letzten Sommer oft dort. Thum ist Standort eines Gymnasiums in freier Trägerschaft, was auch ein Darlehen der Stadt ermöglicht hat. Früher hatte der Kindergarten im Sommer eine Schließzeit von 14 Tagen, das haben wir abgeschafft.


Wie sehen Sie die generelle Entwicklung der letzten Jahre in Thum? Was ist gut, wo hapert es?

Der Wohnstandort hat sich gut entwickelt, in Jahnsbach entsteht etwa ein neues Wohngebiet, und wir haben eine Bandbreite von Ärzten in der Stadt. Leider stirbt der Einzelhandel, da liegt es an jedem Einwohner, die kleinen Läden zu unterstützen, statt im Internet zu bestellen. Im Rathaus gab es zeitweise eine schwierige Situation: ein Kämmerer wurde gesucht, die Hauptamtsleiterin war in Elternzeit, der Bürgermeister erkrankt. Als ehrenamtlicher Bürgermeister habe ich gemeinsam mit zwei Sekretärinnen den Laden am Leben gehalten. Neuen Aufgaben und Zielen konnte man sich da nicht groß widmen. Jetzt ist die Verwaltung aber wieder gut aufgestellt.

Jüngst war die Zukunft des Hartplatzes ein Thema, das in der Bevölkerung Befürchtungen weckte. Tenor: Es wird den Kindern und Jugendlichen wieder was weggenommen. Dabei hätte im Gegenteil etwas entstehen können, doch das war nur Thema hinter verschlossenen Türen. Ähnlich in Jahnsbach. Täte der Stadt mehr Offenheit und Transparenz bei Debatten gut?

Es macht Sinn, den Leuten einen realistischen Rahmen vorzugeben und sie dann mitzunehmen. Vieles ist ja gar nicht finanzierbar. Ins Blaue zu fragen "Was denkt ihr?", das funktioniert nicht. Das Thema Hartplatz war ein Schnellschuss, jedoch ist noch keine endgültige Entscheidung gefallen, was dort passiert, keine Tür wurde verbaut. Jetzt soll er zunächst fürs Stadtfest als Festplatz dienen. Generell würde ich mir wünschen, dass der Stadtrat dem Bürgermeister mehr Freiheiten gibt und Vertrauen schenkt. Der Rat soll natürlich Ideen einbringen und Aufsichtsgremium sein. Aber es ist nicht seine Aufgabe, nächtelang Kleinigkeiten zu diskutieren und Dinge zu zerreden.

Haben Sie ein Beispiel?

Die defekte Wasserversorgung der Jahnsbacher Turnhalle. Im Rat war ein Drittel dafür, das zu reparieren. Ein Drittel meinte, dass die Mittel anderswo besser eingesetzt wären und das übrige Drittel war unentschlossen. Durch die Diskussionen haben wir vier Wochen verloren. Am Ende habe ich als amtierender stellvertretender Bürgermeister entschieden, dass es einfach gemacht wird. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Stadt mit sich selber beschäftigt ist.

Sie haben als stellvertretender Bürgermeister insgesamt fast ein Jahr lang die Amtsgeschäfte übernehmen müssen. Wie ist Doppelbelastung zu stemmen?

Sagen wir: Es ist geschafft worden. Aber so was ist kein dauerhafter Zustand. Ohne das Verständnis meiner Familie, die Freiheiten, die mir mein Chef Reiner Gränz gewährt hat, und die Unterstützung der Sekretärinnen Karla Hildebrandt und Tatjana Schliep wäre das unmöglich gewesen. Manche Wochen saß ich nach der Arbeit jeden Abend im Rathaus. Bürgermeister ist aber kein Job, den man nebenbei machen kann. Das kostet auf Dauer zu viel Kraft und man tut damit auch der Stadt nichts Gutes. Das ist auch der Grund, warum ich nicht mehr zur Gemeinderatswahl antrete. Nur zu sagen, ich mache keinen stellvertretenden Bürgermeister mehr, das hätte nicht funktioniert.

Mit welchem Gefühl verlassen Sie den Stadtrat?

Mit einem guten. Das war nie ein Stadtrat, der in Parteien gespaltet war, sondern sich um Probleme gekümmert hat. Es hat Spaß gemacht. Und ich will hin und wieder als Bürger an Sitzungen teilnehmen.

Was muss der neue Stadtrat anpacken?

Er sollte federführend sein beim weiteren Zusammenwachsen der Ortsteile. An konkreten Vorhaben muss der Stadtrat das Thema gemeinsames Feuerwehrdepot vorantreiben. Die Stadt und die Wehren haben sich dazu bekannt, im Moment geht es um die Standortfindung und die Finanzen. Zudem gilt es, für die ehemalige Mittelschule Jahnsbach eine Lösung zu finden sowie den Wohn- und Gewerbestandort zu entwickeln. Was das Zusammenleben betrifft, kann es aber nicht immer heißen: Stadt, mach' mal. Jeder Bürger ist im Kleinen gefragt. Es gibt sehr gute Ansätze, wie die Interessengemeinschaften Güterschuppen und Schmalspurbahn oder die Arbeitseinsätze im Thumer Stadtpark. Es reicht nicht, auf andere zu zeigen. Früher haben sich die Bauern untereinander geholfen, die Heuernte einzubringen, wenn ein Gewitter aufzog. Heute steht man am Fenster und sagt: Schau mal, das Heu wird nass. Alle sollten wieder mehr an einem Strang ziehen. Ich glaube aber, das verbessert sich.

Sie ziehen sich zurück aus dem Stadtrat, kandidieren aber für den Kreistag. Warum?

Ich hatte vor, mich zu 100 Prozent aus der Politik zurückzuziehen. Weiterzumachen wie bisher, dagegen hatte ich mich trotz vieler Anfragen vehement gewehrt. Dann meldete sich unser ehemaliger Pfarrer und Superintendent Johannes Schädlich. Er hat es geschafft mich zu überzeugen, für den Kreistag zu kandidieren. Er meinte, dass ich auch dort für die Region viel Gutes tun könnte, sofern ich gewählt werde natürlich. Und er versicherte mir, dass ich nicht den Landrat vertreten müsste, wenn der mal fehlt. (lacht)

Ist ihr Abschied aus der Lokalpolitik endgültig?

Sag niemals nie. Jetzt ist nach 15 Jahren der Punkt erreicht, wo ich raus muss. Nun stellen sich gute, neue Leute zur Wahl, die bringen frische Ideen mit. Ich bin nicht weg, bleibe im Ort. Meine Stadt werde ich niemals hängen lassen. Schauen wir mal.


Zur Person

Sebastian Dittrich, 40, arbeitet als Metallhändler in Niederdorf. Dem Thumer Stadtrat gehört der Familienvater seit 15 Jahren an. Zehn Jahre davon war der Bürgerliste-Lokalpolitiker stellvertretender Bürgermeister.


Die Stadt

Thum hat 5162 Einwohner (31. März 2019). Sie verteilen sich wie folgt auf die Ortsteile: Jahnsbach 1237, Herold 1043, Thum 2882. Zum 1. Januar 1999 erfolgte der Zusammenschluss der bis dahin eigenständigen Gemeinden.


Das wünschen sich Bürger

Frank Weber: "Ich wünsche mir, dass Jahnsbach nicht alleine gelassen wird. Das heißt auch, dass die Vereine die nötige Unterstützung finden. Das bedeutet unter anderem, dass unsere Turnhalle, die 1929 eingeweiht und mit viel Initiative der Einwohner errichtet worden ist, erhalten bleibt. Nötige Reparaturen müssen durchgeführt werden", so Frank Weber. Keiner könne verlangen, dass Gemeinschaften, die das Gebäude benötigten, irgendwann einmal die Thumer Halle nutzen müssten, so der Vorsitzende des Kleintierzüchtervereins Jahnsbach. Dazu gehörten unter anderem die Hobbyfußballer, Rentner, die Sportfrauen oder der Kindergarten. Auch für Kleintierschauen werde die Halle benötigt. Ebenso plädiert der Jahnsbacher für die Erhaltung des ehemaligen Güterschuppens der Schmalspurbahn. Die Ortsteile Herold und Jahnsbach dürften nicht alleine gelassen werden, fasste Frank Weber nochmals zusammen. (lomü)

Peter Jäger: "Ich wünsche mir vom neuen Stadtrat, dass er mehr wirtschaftliches Geschick an den Tag legt." Der Vorsitzende der Thumer Bergbrüderschaft spielt dabei auf den Thumer Hartplatz an. Der werde so gut wie nie genutzt und es sei eine schlechte Entscheidung gewesen, das Areal als Wirtschaftsstandort abzulehnen. "Das wäre eine Alternative zur Nutzung gewesen und die übrig gebliebene Fläche hätte trotzdem noch für Sport- und Freizeitaktivitäten ausgereicht", so das Mitglied der FFW Thum und langjähriger Wehrleiter. Als positiv bezeichnete er die Unterstützung der Feuerwehr, die gut funktioniere. Anderseits plädiert Jäger dafür, dass die Nutzung des Volkshauses einschließlich seiner Anlagen für die örtlichen Vereine kostengünstiger gestaltet werden muss. Als regelrecht bedauerlich bezeichnet er den Zustand einiger kommunaler Straßen. Das Ausbessern der Schlaglöcher sei längst überfällig. (lomü)


Die Kandidaten

Es bewerben sich 38 Kandidaten für die 18 Plätze im Thumer Stadtrat. Die Wahl findet am 26. Mai statt.

Bürgerliste: Stefan Groß, Matthias Feist, Jürgen Reuther, Mario Schöne, Sven Kretzschmar, Brigitte Seidel, Sebastian Ullmann, Phillip Kirmse, Frank Schubert, Stefan Loos, Sandra Mann, Marek Siegel

CDU: Thomas Mauersberger, Christian Loos, Rita Epperlein, Jörg Tobisch, Matthias Haase, Tino Mehlhorn, Lutz Uhlig, Andreas Einenkel, Martin Herrling, Robert Lippmann, Thomas Lesch, Michael Hummitzsch, Ines Müller, Thomas Deutscher, Barbara Atmanspacher

Verein Jugendblasorchester der Stadt Thum: Sven Lerchenberger, Thomas Marschner, Thomas Hänel, Robert Seibt, Max Bärthel, Steve Heller, Maria Emmrich, Arndt Vettermann, Harry Müller

Die Linke: Frank Schubert

AfD: Giso Lieberwirth

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