Tragödie unterm Hakenkreuz - Die Geschichte der Anne Frank

In der "Alten Brauerei" ist ein Theaterstück auf der Grundlage des weltbekannten Tagebuchs aufgeführt worden. Nach der Vorstellung hatte Regisseur Cüneyt Ogan eine schwerwiegende Frage an das Publikum.

Annaberg-Buchholz.

Eine donnernde Stimme hallte durch den dunklen Saal und das Getuschel im Publikum verstummte sofort. Gespannt richteten sich die Blicke der rund 100 Zuschauer auf die Bühne. Dort hing etwas seitwärts eine Hakenkreuzflagge. Dahinter verkündete die dröhnende Stimme Sequenzen aus der deutschen Geschichte: 1933 Machtübernahme der Nationalsozialisten, Einrichtung der ersten Konzentrationslager und die Flucht einer Familie, deren Schicksal Millionen Menschen bewegte. Die Rede ist von Otto und Edith Frank sowie ihren Töchtern Margot und Anne.

Das weltbekannte Tagebuch der Letztgenannten bildete die Grundlage für das Theaterstück "Ein Menschenrecht für Anne Frank" des türkischstämmigen Regisseur Cüneyt Ogan. Am Donnerstag inszenierte das Ensemble des Berliner Theaters Scheselong das Werk auf der Bühne der "Alten Brauerei". Im Publikum saßen hauptsächlich Schüler der Freien Schule Annaberg - und diese waren erstaunt, als deutlich wurde, dass sie Teil des Theaterstücks sein würden. Denn schon zu Beginn der Vorstellung marschierte Schauspielerin Janka Brütting in Militäruniform durch die Reihen und verteilte willkürlich gelbe Davidsterne - das stigmatisierende Symbol, das Juden ab 1941 zu tragen hatten. Dazu polterte sie "Du darfst nicht mehr ins Kino!" oder "Du musst ab sofort eine jüdische Schule besuchen!".

Wenig später betrat Brütting zusammen mit ihrer Schauspielkollegin Maéva Roth die Bühne. In einer Kiste entdecken sie neben allerlei Dingen auch das Tagebuch der jungen Anne Frank. Szene um Szene wurde daraus die Geschichte des Mädchens wieder lebendig, das mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten erst geflohen und dann mit Bekannten untergetaucht war.

Den beiden Schauspielerinnen Brütting und Roth gelang es, Angst, Langeweile und vor allem aber die Sehnsucht der Untergetauchten auf die Bühne zu bringen. Entsprechend gebannt folgte das Publikum der Darstellungen aus dem Leben der Anne Frank. Erst als es um das Entdecken der eigenen Sexualität und die erste Liebe ging, flammte unter den jugendlichen Zuschauern wieder Getuschel und zuweilen auch das ein oder andere Lachen auf. Die Scham vor dem ersten Kuss zwischen Anne und dem mit untergetauchten Peter van Daan - viele der Jugendlichen im Publikum mussten sie so ähnlich selbst erlebt haben.

Am Ende der Vorstellung stellten sich die beiden Schauspielerinnen zusammen mit Cüneyt Ogan den Fragen des Publikums. Wie es denn sei, tagtäglich das tragische Leben der Anne Frank spielen zu müssen, wollte eine Schülerin wissen. Schauspielerin Maéva Roth fand für diese Frage klare Worte: "Am Anfang hatte ich Angst, jeden Tag mit dieser traurigen Geschichte konfrontiert zu werden. Doch bald wurde mir bewusst, dass wir das Leben der Anne Frank darstellen und nicht ihren Tod." Zum Abschluss der Diskussion hatte Regisseur Ogan eine schwerwiegende Frage an das Publikum: "Wer von euch fühlt sich heute schuldig für die damals begangenen Verbrechen?", wollte der Regisseur wissen. Nur zögerlich antworten einige Schüler auf die Frage. Schuldig fühlte sich niemand im Saal, aber - und da war man sich einig - verantwortlich dafür, dass sich ein Ereignis wie die Schoah in Deutschland niemals wiederholen dürfe.

Genau diese Botschaft kam bei den Zuschauern auch an. "Das ging mir alles unter die Haut", sagte der angehende Erzieher Christian Schröder. "Als die Sterne verteilt wurden, da war ich froh, dass es nicht mich traf."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...