Vom Künstlerleben unter dem Kinosaal

LIEBLINGSSTÜCKE: Museen im Altkreis Annaberg beherbergen Tausende Exponate - vom Raachermannl bis zu Skiern. Aber was finden die Menschen am spannendsten, die in den Häusern tätig sind? "Freie Presse" fragt sie - heute Margit Kreißl vom Annaberger Studienraum Carlfriedrich Claus.

Annaberg-Buchholz.

Die alten Dielen knarren und quietschen - und das soll so sein. Sie taten das sicher schon, als Carlfriedrich Claus noch in der kleinen Wohnung unter dem Annaberger Kinosaal gelebt und gearbeitet hat. Heute befindet sich darin ein Studienraum, der Besucher einlädt, sich mit dem Künstler auseinanderzusetzen - in dem Umfeld, in dem er jahrzehntelang zuhause war. "Die Familie ist 1933 hier eingezogen, damals war er drei Jahre alt", sagt Margit Kreißl, die Vorsitzende des Fördervereins Carlfriedrich Claus - Lebens- und Arbeitsort in Annaberg-Buchholz. Bis zu seinem Weggang sollten mehr als 60 Jahre vergehen. Seine letzte Lebenszeit habe er von 1993 bis 1998 in Chemnitz verbracht.

In den Jahrzehnten vorher waren die spartanischen Räume unweit des Annaberger Marktes sein Reich. "Er ist bis zu seinem Lebensende Mieter dieser Wohnung geblieben, kam einmal pro Woche hierher", erzählt Margit Kreißl. Für sie ist der heutige Studienraum in seiner Gesamtheit das Lieblingsstück. Es sei nicht möglich, ein Detail auszuwählen. Die Annaberg-Buchholzerin findet es etwa faszinierend, dass an dem kleinen runden Holztisch, der erhalten werden konnte, wohl zum großen Teil das Lebenswerk von Carlfriedrich Claus entstanden ist. Heute ist er mit einem Teil seiner Kunst zum Beispiel im Bundestag vertreten. Präsentiert sich der Annaberger Studienraum aufgeräumt und gut sortiert, war das zu seinen Lebzeiten anders. Fotos zeigen Claus inmitten von Büchern und Blättern, die sich bis unter die Decke stapelten. In der damaligen Volksbuchhandlung an der Buchholzer Straße habe es ein eigenes Fach für seine Bestellungen gegeben. Schon früh habe er eine kindliche Lust an Geheimschriften und -symbolen entwickelt, wie es in einem Vorwort einer Publikation zur aktuellen Ausstellung im Studienraum heißt. Wie weiter beschrieben wird, erlernte er daraufhin das armenische, georgische und kyrillische Alphabet sowie chinesische Schriftzeichen. Später wurde der Künstler Claus etwa für seine Sprachblätter bekannt. Darauf überlagert sich Handgeschriebenes so, dass grafische und bildhafte Assoziationen geweckt werden, wie die Kunstsammlungen Chemnitz diese Arbeiten umschreiben. Dort befindet sich seit seinem Tod das Carlfriedrich-Claus-Archiv.


Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche mit Waschgelegenheit: In seiner einstigen Wohnung, in der er bis 1944 mit beiden Eltern, danach noch weitere Jahre mit seiner Mutter lebte, war es eng. Diese führte nach dem Tod des Vaters das Schreibwarengeschäft der Familie weiter, Claus selbst habe dort Handelskaufmann gelernt. Auch später hatte er nach Schilderungen von Margit Kreißl einen strukturierten Tagesablauf, was etwa aus Tagebuchaufzeichnungen hervorgehe. Eine umfangreiche Korrespondenz mittels Briefen gehörte dazu. Mehr als 22.000 sind in seinem Nachlass erhalten. "Carlfriedrich Claus korrespondierte mit international bekannten Persönlichkeiten des Kultur- und Geisteslebens: Künstlern wie Raoul Hausmann, Fritz Winter, Hans Arp, Literaten wie Christa Wolf und Erich Ahrend, dem Philosophen Ernst Bloch oder dem Kunsthistoriker Will Grohmann", informieren die Kunstsammlungen Chemnitz. Daher will die aktuelle Jahresausstellung im Annaberger Studienraum mit dem Titel "Carlfriedrich Claus - Freundschaften von Künstlern und Weggefährten" auch mit einem Klischee brechen - dem des sozial isolierten Einzelgängers. Das sei Claus aus ihrer Sicht nicht gewesen, so Fördervereinsvorsitzende Margit Kreißl. "Er hat viele Kontakte über Jahre gepflegt."

Besucher des Studienraums bleiben oft lange dort, befassen sich mit seinem Leben und Schaffen. Es sei nichts, was sich schnell konsumieren lasse. "Gerade das Prozesshafte ist bei ihm spannend", findet die Annaberg-Buchholzerin. Claus sei in allen Bereichen Autodidakt gewesen und eine Art Universalgenie mit Interesse an vielen Gebieten wie Psychologie und Philosophie. Seine Kunst sei aber unter Repression entstanden, sie und sein Lebensstil waren von DDR-Funktionären nicht gewollt. Erst 1980 gab es die erste staatlich geduldete Einzelausstellung im Kupferstichkabinett Dresden. Und so bezeichnen es auch die Kunstsammlungen Chemnitz als Paradoxon, dass "dieser Künstler, dem es in der DDR so schwer gemacht worden ist, sich selbst immer als Kommunist begriffen hat". Erst im letzten Jahrzehnt der DDR hätten sich die Arbeitsbedingungen für ihn etwas verbessert, die Jahre nach der politischen Wende ihm dann zahlreiche große Ausstellungen und Ehrungen gebracht. In seiner Heimatstadt Annaberg-Buchholz ist er 1994 zum Ehrenbürger ernannt worden. Seit 2018 gibt es nun auch einen Carlfriedrich-Claus-Platz - direkt vor seiner einstigen Wohnung.


Der Studienraum Carlfriedrich Claus: von Öffnungszeiten bis zu einem Angebot für Kinder

Der Studienraum Carlfriedrich Claus wird vom Förderverein Carlfriedrich Claus - Lebens- und Arbeitsort in Annaberg-Buchholz betrieben. Er befindet sich in der Johannisgasse 10. Eröffnet worden ist die besondere Stätte am 4. August 2005 - an diesem Tag wäre der 1998 verstorbene Künstler und Ehrenbürger von Annaberg-Buchholz 75 Jahre alt geworden.

Aktuell ist im Studienraum bis 4. August die Jahresausstellung "Carlfriedrich Claus - Freundschaften von Künstlern und Weggefährten" zu sehen. Gezeigt werden ausgewählte andauernde Beziehungen und Freundschaften mit Intellektuellen, Literaten und Künstlern, die im Zusammenhang mit seinem visuellen, poetischen und lautakustischen Werk stehen.

Geöffnet ist der Studienraum Carlfriedrich Claus mittwochs bis samstags von 12 bis 17 Uhr. Erwachsene zahlen 2 Euro Eintritt, Kinder ab 6 Jahre 1 Euro.

Spezielle Führungen für Kinder werden auf Anfrage auch angeboten. Es bestehe die Möglichkeit, den Kunstunterricht im Studienraum Carlfriedrich Claus abzuhalten und den Kindern und Jugendlichen den Künstler nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu vermitteln.

Kontakt zum Förderverein: während der Öffnungszeiten unter der Telefonnummer 0151 22582600 oder per E-Mail.

info@carlfriedrich-claus.de

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