Vom Warten: Ein Abend auf dem Hochsitz

Seit es Menschen gibt, gehen sie jagen. Unumstritten ist das heute nicht mehr - auch im Erzgebirge wird diskutiert, was, wann und wie gejagt werden sollte. "Freie Presse" hat sich mit auf die Lauer gelegt. Ein Gespräch über Natur, Respekt vor dem Leben und die Notwendigkeit der Jagd.

Königswalde.

Es ist ein warmer Sommerabend, als Tim Buchau am Waldesrand irgendwo zwischen Königswalde und Grumbach mit seinem Quad steht. Er ist einer von fünf Jagdpächtern, die gemeinsam ein knapp 1100 Hektar großes Gebiet bewirtschaften. An diesem Abend will er auf die Jagd gehen. Doch bevor Buchau die Jagdhütte ansteuert, macht er am Wegesrand halt und zeigt auf eine Gruppe Buchen. Sie sind noch klein, bis sie zu gestandenen Bäumen werden, wird es noch Jahre oder Jahrzehnte dauern. Doch an ihnen zeigt der Jäger, warum er das tut, was er tut. Waldumbau, Naturschutz, Regulierung - darum gehe es in erster Linie. Damit der Wald stark und widerstandsfähig werden kann, müssen Bäume wachsen können. Doch der Waldumbau mit seinen vielen jungen Pflanzen sowie andere Faktoren wie beispielsweise die Landwirtschaft bieten dem Wild auch eine hervorragende Kinderstube, wie Tim Buchau, der Jäger erklärt. Also müssen einige Tierbestände reduziert, andere geschützt werden. "Wenn du die Jagd richtig machst, dann musst du Flora und Fauna verbinden", sagt der Königswalder.

An der Jagdhütte angekommen, zeigt sich die Tradition, die in der Jagd liegt. Ein gemütliches Häuschen mitten im Wald. Im Winter, wenn draußen der Schnee liegt, treffen sich hier die Jäger, um sich aufzuwärmen. Jagd ist auch Gemeinschaft. Dann geht es los. Weiter in den Wald hinein, bis zu einer Lichtung, einer der Lieblingsplätze von Tim Buchau. Vor ihm erstreckt sich ein Meer aus blühenden Gräsern, Blumen, Pflanzen. Eine Schmetterlingswiese. Doch nicht nur für Insekten ist das ein Paradies, auch andere Tiere werden davon angelockt. Und Tim Buchau legt sich auf die Lauer. Nun ja, nicht ganz. Buchau klettert auf einen Hochsitz. Er sagt dazu Kanzel. Von hier oben kann er seine Umgebung fast komplett einsehen. Schmale Fenster werden geöffnet. Erst hier oben lädt Buchau sein Gewehr. Bevor er Stunden später wieder nach unten steigt, wird er die Patronen wieder herausnehmen. Sicherheit habe oberste Priorität.


Und dann beginnt das Warten. Geduld scheint eine der größten Tugenden der Jäger zu sein. Tim Buchau lauscht, bestimmte Vögel können mit ihren Rufen das Nahen des Wildes ankündigen. Wer jagen geht, der müsse die Natur kennen und sie lieben, auch wenn es im Grunde das Ziel ist, zu töten. Das tut auch Tim Buchau, der Jäger, der eigentlich ein Naturschützer ist. Da ergibt es Sinn, wenn er sagt: "Am liebsten schieße ich auf gar nichts." Doch es sei nun einmal notwendig, dass der Mensch eingreift. Das sollte er allerdings nur tun, wenn es notwendig ist, wenn eine Übermenge da ist.

Seit Langem tobt beispielsweise ein Streit darüber, ob im Erzgebirge zu viel Rotwild gejagt wird. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Wildschweine, die unter anderem in der Landwirtschaft für Probleme sorgen. Buchau kennt die Diskussionen. Auch er als Jagdpächter ist angehalten, genug zu schießen, sodass dem Waldbesitzer keine Schäden entstehen. Passiert das doch, kann der Waldbesitzer von den Jägern finanzielle Entschädigungen fordern. "Wenn wir nicht schießen, müssen wir bezahlen."

So einfach ist es aber nicht. Nur jedes zehnte Mal werde überhaupt geschossen. Buchau und seine Kollegen, die sich zusammen Grenzlandjäger nennen, halten sich an eine Art Ehrenkodex für Jäger. Zwar greifen sie in die Natur ein, aber wenn, dann nur, wenn es schmerzfrei für das Tier ist. Zudem müsse das Reh oder der Hirsch oder das Wildschwein das richtige Alter haben. "Wir brauchen mehr alte Hirsche und alte Säue, die ihre Erfahrungen weitergeben." Bodenständigkeit, Naturverständnis, Begreifen der Zusammenhänge - all das mache einen guten Jäger aus. "Es kann alles nur miteinander funktionieren, ansonsten verkommt die Jagd zur Schießerei."

Die Stunden vergehen. Die Nacht bricht herein. Tim Buchau spricht über Unfallwild, Jägertraditionen wie das Jagdhornblasen, das Innehalten nach einem Abschuss, Übungen am Schießstand, Nachwuchsmangel ... Dann steigt er von der Kanzel herunter, schwingt sich aufs Quad und fährt nach Hause. In dieser Nacht ist kein Schuss gefallen.

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