Von der großen Vision ist der Saisonverkehr geblieben

Zwischen Weipert und Bärenstein spannt sich eine imposante Eisenbahnbrücke über das Pöhlbachtal. Mit ihrer Sanierung konnte der grenzübergreifende Bahnverkehr vor 25 Jahren wieder aufgenommen werden. Doch das Millionenprojekt hat seine Wirtschaftlichkeit nie bewiesen.

Weipert/Bärenstein.

Vor einem Vierteljahrhundert ging am 1. August 1993 die älteste Schienenverbindung über das Erzgebirge wieder in Betrieb. Damit wurden erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg die 132,8 Kilometer von Chemnitz bis Komotau wieder regelmäßig befahren. Lokführer Uwe Schulze erinnert sich: "Ich selbst übernahm an diesem Tag genau 9 Uhr die erste Fahrt als eine Lok-Leerfahrt über die Grenze. Damit ging für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung. Als ich auf die Brücke fuhr, gab mir das Weiperter Einfahrsignal freie Fahrt. Kurz darauf bremste ich die Lok am Gleis 8 in Weipert. Es war unbeschreiblich." Eine halbe Stunde vorher hatte sich Lokführer Bernd Drechsel mit dem Eröffnungssonderzug 18853 von Chemnitz auf den Weg nach Weipert gemacht.

In den sechs Schnellzugwagen saßen nicht nur geladene Gäste. Die Waggons füllten sich schnell mit Eisenbahnfans. 10.27 Uhr erreichte der Zug den Grenzbahnhof Bärenstein. "Um die 1000 Menschen belagerten das Gelände", erinnert sich Schulze. Auf beiden Seiten der Grenze wurde gefeiert. In den kommenden Monaten passierten dann täglich vier Zugpaare die Grenze. Viele Fahrgäste nutzten nun die regelmäßige Verbindung ins Nachbarland für Einkäufe, Gaststättenbesuche, Wanderungen oder eine Durchfahrt bis Komotau. In beiden Ländern hofften Bahnbeamte und Politiker jetzt auch auf eine Wiederbelebung des Güterverkehrs. Man sprach davon, täglich 1800 Tonnen Güterlast bewegen zu wollen. Das hätte drei Güterzügen mit je 600 Tonnen Last entsprochen. Doch nach fünf Monaten Regelbetrieb im Personenverkehr wurde der schwer erkämpfte Neuanfang auf der Strecke wieder gebremst. Der Grund: Die Deutsche Bahn AG übernahm den bisherigen Betrieb und setzte auf Wirtschaftlichkeit. "Jetzt begann ein neues Zeitalter bei der Eisenbahn", reflektiert Uwe Schulze seine Erfahrungen. Viele Firmen auf beiden Seiten der Grenze mussten Anfang der 1990er-Jahre Konkurs anmelden. Mit dem empfindlichen Rückgang der Industrie im Gebirge wurden folglich kaum noch Güterzüge gebraucht. Die Vision vom grenzübergreifenden Güterverkehr konnte auch die teuere Komplettsanierung der großen Bahnbrücke nicht befeuern.

Aktuell ist von der abenteuerlichen Neueröffnung des grenzübergreifenden Schienenverkehrs vor 25 Jahren nur der saisonale Sommer-Wochenendbetrieb über die Grenze geblieben, und das auch nicht ohne Kampf verschiedener Kommunalpolitiker. Ein gut vertakteter Fahrplan macht es möglich, am Morgen mit dem Zug von Komotau bis nach Chemnitz oder Oberwiesenthal zu fahren und am Abend wieder zurück. Cranzahl wurde zum Umsteige- und Grenzbahnhof.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...