Von der Nacht, in der Bomben auf die Kirche fielen

Die Kirchgemeinde Mildenau hat an die Zerstörung ihres Gotteshauses vor 75 Jahren erinnert. An jenem Tag wurden Dutzende weitere Gebäude in dem Dorf zerstört. Es ist eine Geschichte der Verwüstung - und des Wiederaufbaus.

Mildenau.

Ein Dreivierteljahrhundert ist es her, als der Krieg das kleine Dorf Mildenau und viele andere Gemeinden und Städte im Erzgebirge erreichte. Bomben fielen, brachten Zerstörung, Not und Leid. In Mildenau wurde dabei neben Dutzenden Wohnhäusern und Scheunen auch die Kirche zerstört. An dieses Ereignis erinnerte die Kirchgemeinde nun mit einer Gedenkveranstaltung in dem Gotteshaus.

"Auch dunkle Erinnerungen gehören zu unserer Geschichte", sagte Erdmann Paul, ehemaliger Pfarrer Mildenaus. Er spielte damit auf die 750-Jahr-Feier an, die das Dorf in diesem Jahr begeht. Und zu der Historie gehört eben auch die Geschichte von der Zerstörung der prächtigen Kirche. "So sind wir Menschen", sagte Paul, "das tun wir einander an." Dabei sei es wichtig, an Vergangenes, so schrecklich es auch sein mag, zu gedenken. Sonst verirre man sich auf den Weg in die Zukunft. Und der Pfarrer i. R. meinte damit nicht nur, die Bombenangriffe auf das Erzgebirge und auf andere deutsche Städte, sondern alle Gräueltaten während des Zweiten Weltkrieges. "Die Gewalt kam zu uns zurück."

Im Februar 1945 gehörte Fliegeralarm bereits zum Alltag der Menschen in Mildenau. Doch niemand rechnete wohl wirklich damit, dass das Dorf eines Tages tatsächlich angegriffen wird. Es war der 14. Februar, als am späten Abend das Brummen der Flieger im ganzen Dorf zu hören war, schilderte ein Mildenauer in einem Augenzeugenbericht, der während der Gedenkveranstaltung vorgetragen wurde. Dann fielen die ersten Brandbomben, die an jenem Tag eigentlich Chemnitz treffen sollten. Doch wegen schlechter Sicht drehten die Flieger ab und warfen ihre zerstörerische Fracht über dem Erzgebirge ab. Mildenau stand in Flammen. Mehr als 30 Gebäude fielen den Bränden zum Opfer. Heiko Melzer hat in seiner Chronik, die er anlässlich 750 Jahre Mildenau geschrieben hat, die betroffenen Gebäude im Unter- und Oberdorf sowie im Ortszentrum aufgelistet. Die brennende Kirche hat sich besonders ins Gedächtnis gebrannt. Flammen loderten aus den Fenstern, der Turm stürzte ein. Die Glocke zersprang, die Orgel wurde zerstört. Der damalige Pfarrer Johannes Eichler konnte dennoch, unter Einsatz seines Lebens, die Altarbibel, das Kruzifix, Altarleuchter, den Altarteppich und den Lesepultbehang den Flammen entreißen und damit retten. Der Rest wurde zerstört.

Die Geschichte der niedergebrannten Kirche ist damit aber nicht zu Ende. Denn an das Schreckliche fügt sich die Hoffnung an. Nur wenige Tage später begann der Pfarrer, die Ruine zu beräumen. Nach und nach wurden die Trümmer aus der 1839 geweihten Kirche herausgetragen. Im Juni 1946 fand der erste Gottesdienst in der Ruine statt. Kurz darauf trat der Dresdner Kreuzchor unter Leitung von Rudolf Mauersberger auf. Ein Konzert, das Mut machen sollte. Und im September 1947 lag schließlich tatsächlich die Baugenehmigung für den Wiederaufbau vor. Im Frühjahr 1948 ging es los. Die Mildenauer kämpften für ihre Kirche, für jedes Stück Holz, für neue Glocken, für Geld. Im Oktober 1955, etwas mehr als zehn Jahre nach der Bombardierung, fand die Glocken- und Kirchweihe statt. Beendet war der Wiederaufbau noch nicht. Doch Mildenau hatte seine Kirche wieder.


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