Von streikenden Busfahrern und gestrandeten Fahrgästen

Innerhalb von vier Wochen haben die Mitarbeiter der Regionalverkehr Erzgebirge GmbH (RVE) am gestrigen Mittwoch zum dritten Mal gestreikt. 24 Stunden fuhr kein Bus. Kommt es zu keiner Einigung im Tarifstreit, droht ein unbefristeter Streik.

Annaberg-Buchholz.

Etwas verloren steht ein 16-jähriger Schönfelder an der Bushaltestelle an der B 95. Eigentlich muss er in die Schule nach Annaberg-Buchholz. Doch an diesem Tag wird das nichts. Die Mitarbeiter der Regionalverkehr Erzgebirge GmbH (RVE) streiken, der Bus wird nicht kommen. Das heißt für ihn einen Tag schulfrei. Es ist nicht das erste Mal, dass er in den vergangenen Wochen gar nicht oder zumindest später zur Schule kommt. Bereits am 10. April, als die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zum Streik aufrief, blieb der 16-Jährige auf der Strecke. Beim zweiten Warnstreik am 25. April waren Ferien und der Schülerverkehr damit nicht betroffen, auch wenn die RVE-Mitarbeiter an diesem Tag, genauso wie am gestrigen Mittwoch, die Arbeit sogar für 24 Stunden niederlegten.

Warum wird gestreikt? Es geht um eine bessere Bezahlung. Konkret wird ein Stundenlohn von 15,66 Euro für Facharbeiter gefordert. Aktuell werden 12,30 Euro als Einstiegsgehalt gezahlt. "Wir fahren bei Wind und Wetter und haben eine große Verantwortung für die Sicherheit unserer Fahrgäste", sagt Roberto Claußner. Er arbeitet bei der RVE und ist einer der Streikenden, die vor dem Betriebshof auf ihre Forderungen aufmerksam machten. Er erklärt, dass seine Kollegen in Sachsen-Anhalt schon auf dem gewünschten Lohnniveau sind. Ein Zeichen dafür, dass es geht. "Wir sind es einfach wert", so Claußner. Steigen die Löhne nicht, werde es in Zukunft immer schwerer werden, gutes Personal zu finden. Für das Geld sei kaum noch einer bereit, auch an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten.


Ferner würden die Arbeitsbedingungen nicht leichter. Der Verkehrsstress nehme zu. Auch die Fahrgäste werden zum Teil komplizierter. "Es gehört mehr dazu, als sich nur hinzusetzen und das Lenkrad drehen." Nichtsdestotrotz sei es ein schöner Beruf, den alle, die am gestrigen Mittwoch vor dem Betriebshof bis in die späten Abendstunden streikten, gern machen. Doch Zurückhaltung sei das falsche Zeichen, so Claußner. Er hofft, dass bei der am heutigen Donnerstag stattfindenden Verhandlungsrunde ein akzeptables Angebot vorgelegt wird. Sollte das nicht der Fall sein, könnte es zu weiteren Streiks, gegebenenfalls sogar unbefristet, kommen.

Doch auch schon der 24-stündige Warnstreik, der diese Nacht 2 Uhr beendet wurde, hatte Folgen. Nicht jeder Fahrgast hatte die Vorankündigung mitbekommen und wartete an der Bushaltestelle vergebens auf den Bus. Eine 68-jährige Annabergerin gehörte dazu. Sie war aus dem Adam-Ries-Gebiet zu Fuß zum Arzt gelaufen. Nach Hause wollte sie mit dem Stadtverkehr fahren. Die Seniorin nahm es aber gelassen. Sie unterstütze die Busfahrer und ging einfach auch zu Fuß nach Hause. Taxifahrer Mathias Eberlein hatte hingegen etwas mehr zu tun als an einem normalen Mittwoch. Er hatte sich zeitweise am Busbahnhof positioniert, um gestrandete Fahrgäste zu chauffieren.


Kommentar: Lenkt ein!

Sind 12,30 Euro zu wenig Stundenlohn für einen Busfahrer? Eindeutig ja. Warum? Weil auf den Schultern der Frauen und Männer hinter dem Lenkrad der tonnenschweren Fahrzeuge eine enorme Verantwortung lastet. Sie sind es, die Kinder jeden Wochentag sicher zur Schule und wieder nach Hause befördern müssen. Sie sind es, die älteren Menschen ohne Führerschein die so wichtige Mobilität im ländlichen Raum ermöglichen. Das erfordert nicht nur eine Ausbildung, sondern höchste Konzentration - jeden Tag, zu jeder Stunde. Diese Verantwortung muss entsprechend entlohnt werden. Deshalb sollten die Arbeitgeber im Öffentlichen Personennahverkehr Sachsens in der Verhandlungsrunde einlenken und die geforderten 15,66 Euro zahlen. Das ist es wert, dass Menschen sicher befördert werden. Doch dieses Bewusstsein müssen auch Fahrgäste entwickeln. Schließlich werden folglich wohl auch sie höhere Fahrpreise in Kauf nehmen müssen.

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