Warum sogar die Großstädter ins Kaffeehaus nach Weipert pilgerten

Unweit der Gemeinsamen Mitte gibt es ein Haus, das einst ein florierender Anziehungspunkt selbst für Gäste von weither war. Heute lebt ein Teil davon in Oberwiesenthal fort. Was hat es damit auf sich?

Weipert.

Wenn Mauern reden könnten: Diese Devise gilt auch für eine unscheinbare Fassade an der Pohranicní stráže in Vejprty (Weipert). Unweit vom mit dem Nachbarort Bärenstein errichteten Zentrum "Gemeinsame Mitte" gilt einem als Wohnhaus genutzten Objekt längst keine Aufmerksamkeit mehr. Dabei zählte diese Adresse an der früheren Annaberger Straße einst zu einem florierenden gastronomischen Anziehungspunkt. Die über böhmische Landesgrenzen hinaus geschätzte Konditorei Karl Weis empfing hier bis zum Zweiten Weltkrieg ihre Gästeschar.

Allenfalls ältere Erzgebirger wie Helmut Frank kennen noch das Haus mit seinem legendären Ruf. Der Bärensteiner Chronist hat sich dort als Knirps Kuchenränder abgeholt. "Es gab einen extra Zugang zur Backstube beziehungsweise war die vom Gaststättenverkehr abgetrennt. Hier erhielt man die von den Torten abgeschnittenen Teile, standen die Tüten mit dem leckeren Rest des nicht über die Gebäcktheke verkauften Kuchens", erinnert sich der 93-Jährige. Und er weiß noch, dass dafür ein kleiner Obolus fällig war: "Zwölf Reichspfennige oder eine Krone für eine solche Tüte."


Auch die in der Chronikgruppe engagierte Rosi Meyer erinnert sich an das Geschäft. "Als Knirps bin ich mit den Eltern hin und wieder sonntags eingekehrt", blickt die Bärensteinerin zurück. In Erinnerung seien ihr die selbst gemachten Torten, vor Augen habe sie noch die Einrichtung im Wiener Caféhausstil: "So verschnörkelt schön und sehr gediegen stilvoll." Als Drei- oder Vierjährige habe sie sich mit auf dem Podium des Klavierspielers postiert. "Da konnte ich besser zuschauen, wenn der Pianist in die Tasten griff." Neben den der Wiener Küche verpflichteten kaiserlich-königlichen Süßspeisen wusste das Café gerade auch mit dem musischen Angebot für sich zu werben. In einer Anzeige von 1930 heißt es: "Das führende Haus, Großkonditorei und Kaffee, Parterre und 1. Stock. Täglich Nachmittag- und Abendkonzert." Dazu wussten die Besitzer mit zu vermelden: "Treffpunkt sämtlicher in- und ausländischer Automobilisten und Wintersportler", so geschrieben im Annaberger Wochenblatt. Das Unternehmen erfreute sich so großer Beliebtheit, dass mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn in den 1920er-Jahren selbst Ausflügler von Chemnitz, Leipzig und Dresden nach Weipert herbeikamen. Anzeigen aus damaligen Tageblättern werben für die kleine Kapelle, die regelmäßig live leichte und ernste Musik aufspielte. Der Gastgeber wusste auf den dreimal in der Woche stattfindenden Tanzabende zu verweisen. Kein Wunder, dass das Café an diesen Tagen meist sehr spät seine Pforten schloss.

Im Bärensteiner Ortsarchiv aufbewahrte Zeitdokumente berichten, dass das feine Gebäck unter der Leitung von Karl Weis hergestellt wurde. Nachdem die Familie Weis von Carl Schlupeck das im Jahre 1880 erbaute Gebäude übernommen hatte, wurde das Café eingerichtet. Das mit seinem großstädtischen Charakter geprägte Café galt als das beste Kaffeehaus im Wiener Stil in der Region, über zwei Etagen wurden erlesene Weine und vorzüglicher Kaffee ausgeschenkt.

So lang die Einkehrstätte unterdessen ihre Tore geschlossen hat, können noch heute Feinschmecker einen kleinen Eindruck von den dargebotenen Köstlichkeiten erhalten. "Mein Vater Walter hat seine Berufslaufbahn als Konditor im Hause Weis als Geselle begonnen", erzählt Hans-Jörg Schmiedl, der heutige Seniorchef der gleichnamigen Konditorei in Oberwiesenthal. "Als Gottesgaber hat er da Mitte der 1920er-Jahre gelernt. Als er später an den Fichtelberg heiratete, gehörten die erlangten Fertigkeiten zu seinem Rüstzeug. Nach dem Krieg selbstständig gemacht, kredenzte er eine Reihe von Rezepturen weiter fort", so Hans-Jörg Schmiedl.

Und so zählen die "Elite-Ecken" noch heute zu nachgefragten Naschereien, deren Entstehungsgeschichte die wenigsten Kunden kennen. "Das Erzgebirge ist so ein bisschen mit der österreichischen Lebensart verbandelt. Karl Weis stand ja in der kulinarischen Tradition, die setzte beispielsweise nicht auf Fruchttorten. Die Leckereien sind sehr süß, Elite-Ecken zeichnet ein besonderer Boden aus, Walnüsse werden in einer speziellen Gewürzmischung eingesetzt", erklärt der Altmeister. Würden frühere Einheimische wieder in der Heimatregion weilen, zähle ein Kaufbesuch in Oberwiesenthal regelmäßig mit zu deren Besuchsplan, berichtet der gestandene Konditor. Der hat die Rezeptur längst an Tochter Christiane Schmiedl-Gahler weitergegeben, um auch der Enkelgeneration das Geschmackserlebnis zu bieten.

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