Was ein kleiner Tag die Menschen lehrt

Die "Rabenschnäbel" haben ein Kindermusical von Rolf Zuckowski auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung im Annaberger Theater war auch für Regisseurin Annett Illig etwas ganz Besonderes.

Annaberg-Buchholz.

Der kleine Tag, ein 29. April, gespielt von der bezaubernden und doch auch etwas flippigen Marie Illig, ist extrem ungeduldig. Im Sternenreich wartet der Schlingel mit kurzer Lederhose und langen Filzbändern im Haar auf seinen großen Moment. Denn jeder Tag darf einmal im Leben auf die Erde purzeln und dort seine Abenteuer erleben. Im Sternenreich ist alles fest geordnet. Die wirklich weltbewegenden Tage sitzen in der ersten Reihe. Dazu gehören der Tag, an dem der erste Mensch Feuer machte, der Tag, an dem der Krieg begann und natürlich auch jener, an dem er zu Ende ging. In der zweiten Reihe sitzen die Tage mit weniger Strahlkraft und ganz hinten eben die Tage, die die Welt vermeintlich überhaupt nicht berührt haben. Annett Illig ist es in ihrer Inszenierung am Eduard-von-Winterstein-Theater gelungen, gerade den Tagen der ersten Reihe mittels Kostümen, markanten Gesten oder Sprachgewohnheiten einen ganz eigenen Charakter zu geben.

Natürlich träumt der kleine Tag davon, nach seinen Erlebnissen in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Eindrucksvoll und fantasievoll wird erzählt, wie er durch sein Sternenloch fällt und viel erlebt. Allerdings ist es nichts Beeindruckendes. Es sind die ganz normalen Erlebnisse von Menschen an ganz gewöhnlichen Tagen. Sie bauen Häuser, ziehen um, reißen alte Gebäude ab, verlieben sich und verbringen Zeit mit ihren Familien. Den knapp 30 Akteuren verschiedenen Alters gelingt es, ein sehr detailreiches Bild des 29. Aprils zu zeichnen. So gehören zu den wunderbaren Momenten der Geburtstag eines Kindes. Bei der Fete in der Schule verwandeln sich plötzlich alle Mädchen und Jungen in Tiere. Wundervoll ist auch eine Situation, in der eine Familie am Lagerfeuer sitzt und den Moment genießt, in dem alles einfach nur so entsteht: ein Kuss, eine Wolke, ein bisschen Glück. Es ist zwar das Kindermusical von Rolf Zuckowski, das am Dienstag am Annaberger Theater Premiere feierte. Und es agieren - abgesehen von Regisseurin und Erzählerin Annett Illig - Bühnenamateure. Doch das, was die Zuschauer im restlos ausverkauften Theater erlebten, ließ nichts vermissen und berührte auf großartige Weise. Denn die Inszenierung des Musiktheaters Rabenschnabel, das zur Kreismusikschule des Erzgebirgskreises gehört, spricht längst nicht nur Kinder an. Zwar fängt sie mit allerlei Effekten, spaßigen Momenten und tollen Kostümen diese unkompliziert ein, doch sie beschäftigt sich auch mit der Sinnfrage des Lebens und hat damit auch den Erwachsenen im Publikum einiges zu bieten. Die Botschaft bleibt: Genieße das Leben, nutze die Chancen und Möglichkeiten, die sich bieten und vergiss nicht, du kleines Menschlein, dass du einzigartig bist und nicht darüber nachdenken solltest, was andere über dich sagen.


Eine Besonderheit des Bühnenstücks: Annett Illig hat es bereits vor elf Jahren einmal inszeniert. Damals sei sie mit ihrer Tochter Marie, die nun den kleinen Tag spielt, schwanger gewesen. "Es ist für mich ein unfassbares Glück, gemeinsam mit meiner Tochter auf der Bühne des Winterstein-Theaters zu stehen", sagt die Sängerin und Regisseurin. Ihre Tochter damit zu besetzen, sei ihr nicht schwer gefallen. "Ich wollte das ja selbst spielen", sagt die Zehnjährige. Obwohl es hin und wieder schwierig wurde. "Es ist eine Herausforderung. Ich bin der Leiter, sie ist die Darstellerin. Sie muss dann auch gehorchen", so Annett Illig. Marie nahm das Ganze eher gelassen. Die Aufregung und das Lampenfieber sei etwa zehn Minuten vor der Premiere gekommen. "Da ist mir fast das Herz herausgesprungen." Das Publikum allerdings merkte das nicht, viel zu sehr war sie auf der Bühne der kleine Tag.

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