Weihnachten 2020: Eine Familie zwischen Hoffen und Bangen

Im baufälligen Haus von Silke und Helge Krauß in Crottendorf hat sich dank "Leser helfen" viel getan. Sie leben dort mit ihrem schwerstbehinderten Sohn Julian. Wie es weitergeht, hängt auch von der Krebserkrankung des Vaters ab. An vielen Tagen fehlt ihm die Kraft.

Crottendorf.

Julian jauchzt beim Spaziergang an diesem sonnigen Dezembertag. Er hat sichtlich Freude daran, dass seine Mama Silke Krauß ihn mit dem Rollstuhl durch Crottendorf schiebt. Um das auszudrücken, braucht der 13-Jährige keine Worte. Sprechen kann der schwerstbehinderte Junge nicht - doch mit Lauten ausdrücken, wie es ihm geht und dass er gerade froh ist. Wenn es das Wetter zulässt, sind Mutter und Sohn täglich draußen unterwegs. "Besonders gern hat Julian Schnee", sagt sie. Allerdings kommt sie dann mit dem Rollstuhl nicht so weit, manchmal nur bis in den Garten am kleinen Haus der Familie. Darin hat sich infolge der enormen Hilfsbereitschaft bei der "Freie Presse"-Spendenaktion "Leser helfen" viel getan. Doch nötige Eigenleistungen sind nur an manchen Tagen möglich - wenn es die Kraft von Vater Helge erlaubt. Darüber bestimmen seine Krebs-Erkrankung und die Folgen der Chemotherapie.

Fast 86.000 Euro waren im vergangenen Jahr bei "Leser helfen" gespendet worden - angesichts der schwierigen Lebensumstände der Familie in dem baufälligen Haus. Diese ändern sich dank der Unterstützung, es geht voran. Seit November gibt es etwa ein neu gedecktes Dach. "Darüber sind wir sehr froh", sagt Silke Krauß. Das vorherige aus DDR-Zeiten war nicht mehr zu sanieren, musste immer wieder geflickt werden, weil es hineinregnete. Doch auch im Inneren des Hauses ist viel passiert. Stahlbauer, Heizungsbauer, Elektriker und andere Handwerker haben ihre Arbeit verrichtet, damit im Untergeschoss eine behindertengerechte Wohnung entsteht. Vor allem ein Bad, das für Julian geeignet ist. Bislang kann er nur mithilfe einer Schüssel gewaschen werden. Es ist nicht mehr möglich, ihn die Treppe in dem verwinkelten Haus zum alten Bad hinunter zu tragen und in die Wanne zu legen. Nur als er noch klein war, haben seine Eltern das geschafft.

Ihr Junge war 2007 viel zu früh in der 23. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen, wog nur 660 Gramm und war 30 Zentimeter groß. Die Ärzte mussten um sein Leben ringen - doch er sei ein Kämpfer, sagen seine Eltern. Die Folgen sind dennoch bis heute geblieben. Julian kann nicht gehen, nicht sprechen, leidet unter Epilepsie. Er muss gewickelt, gewaschen und gefüttert werden, braucht bei den meisten Dingen Hilfe. Normalerweise besucht er wochentags eine spezielle Schule in Kleinrückerswalde, sodass Silke Krauß fünf Stunden am Tag im Crottendorfer Werk des Beschlagherstellers Hoppe arbeiten kann. Doch wegen der Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie wird Julian zurzeit rund um die Uhr zu Hause betreut. Silke Krauß meistert das fast komplett allein.

Vater Helge kann seine Frau bei der Pflege nur noch wenig unterstützen. Nach der Diagnose Darmkrebs im vergangenen Jahr und entsprechender Behandlung folgte ein weiterer Schicksalsschlag. Es wurden Metastasen in anderen Organen festgestellt, seine Erkrankung gelte als unheilbar. Mittlerweile ist er verrentet. Durch die Chemotherapie stagniere das Tumorwachstum zurzeit zwar, doch die Nebenwirkungen machen dem Crottendorfer zu schaffen. "Ich hoffe, dass ich es noch miterlebe, wenn wir hier mit dem Bau fertig sind", sagt der 50-Jährige. Er lebe nicht mehr nach Wochentagen, sondern nur noch danach, wie viel Kraft er hat. "Ist sonntags ein guter Tag, dann mache ich ein bisschen was in der Wohnung", sagt er. Ein guter Freund habe ihm sehr geholfen. Aber durch das Corona-Virus geht das zurzeit nicht.

Als Allererstes sollen Julian und seine Frau runterziehen, die vorerst weiter im kleinen Wohnzimmer im Obergeschoss schlafen. Bevor sich das ändert, müssen noch Handwerker wie der Fliesenleger kommen und Vorarbeiten erfolgen. Doch erst einmal ist Weihnachten - die Familie feiert das Fest zu dritt, umgeben von erzgebirgischen Lichtern. "Ganz ruhig", sagt Silke Krauß. Sie und ihr Mann denken von Tag zu Tag, nehmen ihn so an, wie er kommt. Da macht der 24. Dezember keine Ausnahme.

Alle Informationen über das Projekt "Leser helfen" finden Sie in unserem Spezial

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 10
    1
    Sozibaby
    24.12.2020

    Ich finde es beeindruckend, wie diese Familie ihr Schicksal stemmt und habe großen Respekt davor. Ich wünsche ihr Zusammenhalt und Kraft.

    Und die normale Bevölkerung jammert, weil sie mal für eine Stunde beim Einkaufen ein Stück vorm Mund tragen muss, oder nicht die gewohnten Freiheiten hat. Dafür kann ich mich nur schämen, wenn ich von diesem Schicksalen lese/höre.