Wenn der Hacker selbst gehacked wird

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Gehört die Jahnsdorf-App Alexander Krauß, dem Programmierer? Oder der Gemeinde? Die hat nach Krauß' Kündigung verhindert, dass er als Betreiber zugreifen kann. Er hat Anzeige erstattet.

Jahnsdorf.

Wenn es um Computer und Software geht, kann man Alexander Krauß wenig vormachen. Als er elf Jahre alt war, baute er seinen ersten Rechner aus Einzelteilen zusammen. Das Programmieren brachte er sich später selbst bei. Heute hacked er im Auftrag von Facebook, um Sicherheitslücken aufzuspüren. Doch ist nun ist er selbst Opfer eines Betrugs geworden. So sieht er es jedenfalls. Jahnsdorf Bürgermeister, Albrecht Spindler, ist da anderer Meinung.

Krauß wurde im Jahnsdorfer Rathaus zum Verwaltungsfachangestellten ausgebildet. In dieser Zeit programmierte er die Jahnsdorf-App, mit der die Gemeinde Neuigkeiten aus dem Ort verbreiten konnte. Spindler war hoch erfreut darüber. Im vergangenen Jahr wurde Krauß fest angestellt, als Systemadministrator arbeitete er im Rathaus. Aber nicht lange. Zwischen ihm und dem Bürgermeister kam es bald zum Streit. Über die konkreten Hintergründe wollen beide nichts in der Zeitung lesen, aber Fakt ist, dass Krauß bereits nach kurzer Zeit kündigte. Am 1. Februar dieses Jahres fing er als IT-Projektleiter bei der Chemnitzer Lebenshilfe an.

Die Jahnsdorf-App, die Krauß einst für die Gemeinde entwickelt hat, wollte er allerdings weiter betreiben. Mit neuem Layout. Unter einem anderen Namen. Und ohne die Jahnsdorfer Verwaltung. Doch als Krauß sich am Dienstag vergangener Woche als Administrator anmelden wollte, musste er feststellen, dass jemand die Zugangsdaten geändert hatte. Er konnte nicht mehr auf die App zugreifen. Dann fielen Krauß die neuen Angaben im Impressum auf. Zwar ist dort noch immer vermerkt, dass er für Design, Programmierung, Konzeption und technische Umsetzung verantwortlich ist. Aber zusätzlich ist Folgendes zu lesen: "Diese App wird bereitgestellt von: Gemeindeverwaltung Jahnsdorf/Erzgebirge."

Krauß hat nun eine Strafanzeige bei der Chemnitzer Staatsanwaltschaft gestellt - unter anderem wegen Diebstahl und Betrug. Anhand von Log-Protokollen könne er nachweisen, wann und wo sein Account geknackt wurde. Aber weil unklar ist, welche Person dahinter steckt, hat er Anzeige gegen unbekannt erstattet. Noch hat die Staatsanwaltschaft den Vorgang nicht bestätigt. Eine Sprecherin erklärte gegenüber der "Freien Presse", dass es eine Weile dauern kann, bis Anzeigen regis-triert werden.

Bürgermeister Spindler fällt es schwer, über das Thema zu reden. Erst gibt er der "Freien Presse" Auskunft am Telefon. Ein paar Stunden danach zieht er seine Zitate zurück und schickt eine schriftliche Erklärung per E-Mail. Spindler räumt ein, dass die Gemeinde die App auch nach dem Weggang von Krauß genutzt hat, um News zu posten. "Wir gehen als Gemeinde davon aus, dass es bei der Jahnsdorf-App eben augenscheinlich um die Zurverfügungstellung gemeindlicher Informationen geht. Dafür spricht auch das Impressum sowie die Verwendung des gemeindlichen Corporal Idents (Layout und Farben) sowie sämtlicher Funktionen (Ansprechpartner, Schadensmelder, Baustelleninfos)." Spindler schreibt weiter: "Ob und inwiefern das Impressum der App verändert wurde, kann ich ihnen nicht sagen. (...) Unbestritten ist, dass Herr Krauß die App zusammengestellt hat. Das wurde auch so offen und ausführlich kommuniziert und entsprechend honoriert." Spindler weist darauf hin, dass die Gemeinde Lizenzgebühren gezahlt habe - für die Erstellung und die Zurverfügungstellung der App.

Krauß betont, dass er die App in seiner Freizeit programmiert habe. Er sei dazu weder beauftragt worden, noch habe er eine Extra-Vergütung bekommen. "Die App ist mein Eigentum", sagt er. Nach seiner Kündigung schlug er der Gemeinde vor, sich über den Verkauf zu unterhalten. Der entsprechende Auszug aus einer E-Mail liegt der "Freien Presse" vor. Zum Kaufangebot wollte sich Spindler nicht äußern.

Mit dem Betriebssystem eines I-Phones kann die App mittlerweile nicht mehr runtergeladen werden. "Ich habe die Verbreitung gestoppt", sagt Krauß. Gleiches soll bald für Android gelten. Denn Krauß hat - im Gegensatz zur Gemeinde - den Zugang zum App-Store. "Noch ein Indiz, dass die App mir gehört", sagt er. Bleibt nur eine Frage: Kann Krauß, der Hacker, die App nicht einfach zurückerobern? Selbstverständlich, meint er: "Ich hätte die Möglichkeiten." Angesichts der juristischen Verwicklungen wäre das jedoch kontraproduktiv, sagt Krauß.

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