Wenn die Sucht langsam Vergangenheit wird

Das Blaukreuz-Zentrum im Großrückerswalder Ortsteil Schindelbach feiert 25-jähriges Bestehen. Dort werden Frauen mit Suchterkrankungen auf ihr neues Leben ohne Alkohol, Tabletten oder Drogen vorbereitet.

Schindelbach.

Viele Jahre lang hat Heike W. getrunken. In der Kindheit hatte die Thüringerin Gewalt in der Familie erlebt. Danach wählte sie sich die falschen Freunde aus. Ihr späterer Mann trank mit ihr. Damit ist nun Schluss. Vor allem ihr Sohn half ihr dabei, den Weg aus der Sucht zu suchen. Wenn das Blaukreuz-Zentrum in Schindelbach am Sonnabend sein 25-jähriges Bestehen feiert, wird die 48-Jährige in einem kurzen Bericht öffentlich von ihrem Leben mit und ohne Alkohol erzählen.

Nach der Entgiftung in einer Fachklinik kam Heike W. nach Schindelbach in das Blaukreuz-Zentrum. Die sozialtherapeutische Einrichtung ist darauf spezialisiert, suchtkranke Frauen auf ein ganz normales Leben vorzubereiten. Jede Frau, auch Heike W., muss innerhalb des Hauses drei Gruppenstufen absolvieren. Am schwersten war es für die 48-Jährige in der Eingangsgruppe. Dort musste sie sich mit ihrem Krankheitsbild aktiv auseinandersetzen, zudem mit wildfremden Menschen zusammenleben und sich an den Alltag im Haus gewöhnen. Dieser ist ganz klar strukturiert. "Das muss so sein. Die Bewohner brauchen die Struktur, die sie früher gar nicht kannten", betont der Leiter der Einrichtung, Udo Glöckner.

Von 7 bis 22 Uhr gibt es feste Zeiten für die gemeinsamen Mahlzeiten, für Therapiemaßnahmen und die betreute Freizeit. Die Bewohnerinnen beteiligen sich an den Vorbereitungen der Mahlzeiten, spülen ab und räumen weg. Sie werden auch an anderen Stellen in den Alltag einbezogen. Wann die Frauen zum Wechsel in die nächste Gruppe und damit in die nächste Stufe bereit sind, entscheiden sie gemeinsam mit den Mitarbeitern.

Auf die Eingangsgruppe folgt die Motivationsgruppe. Die Stabilisierungsgruppe schließlich bereitet die Bewohnerinnen auf das Leben in den Außenwohngruppen in Marienberg vor. Heike W. gehört dieser Gruppe an.

Viel hat die Thüringerin bisher geschafft. Das ist ihr bewusst. Vor dem Auszug aus dem Haus hat sie dennoch große Angst. Schließlich ist der Alkohol eine legal zugängliche Droge. "Diese Angst ist aber völlig normal. Wir lassen die Außenwohngruppen deshalb auch nicht allein. Sie werden weiter von uns betreut", versichert Udo Glöckner. Erst wenn die suchtkranken Frauen auch diesen Teil der Wiedereingliederung gemeistert haben, wechseln sie in ihre eigenen und selbst gewählten Wohnformen. Ambulante Ansprechpartner vom Blauen Kreuz haben sie auch danach noch. Für Bewohnerinnen, die das Ziel der sozialen Rehabilitation aus Altersgründen mittel- und langfristig nicht erreichen, wurde 2015 eine Seniorenwohngruppe in Zöblitz geschaffen.

Die Geschichte des Blaukreuz-Zentrums "Haus Schindelbach" reicht zurück in das Jahr 1985. Damals kaufte die Evangelische Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr von Suchtgefahren das heruntergekommene Anwesen. Die Wurzeln der Arbeitsgemeinschaft lagen im 1885 gegründeten Blauen Kreuz, das es in der DDR nicht gab. Die Finanzierung des Kaufes und des ersten Neubaus noch vor der Wende erfolgte ausschließlich über Spenden. In dieser Zeit wurden erste Sanierungsarbeiten am Haus getätigt, ein Verbindungsbau errichtet und das heutige Hinterhaus entstand als Rohbau. Das Dach dafür wurde vom Blauen Kreuz der Schweiz finanziert und von einem Schweizer Zimmerer aufgebaut. Nach der Wende wurde die Arbeitsgemeinschaft formaljuristisch in das Blaue Kreuz Deutschland eingegliedert.

1993 erfolgte der Innenausbau. In diesem Jahr ging "Haus Schindelbach" auch offiziell in Betrieb. Das wird nun am 1. September gefeiert. Ebenfalls vor einem Vierteljahrhundert wurde ein Erweiterungsbau geplant und bis 1996 errichtet. Seitdem ist in Schindelbach Platz für 26 Bewohner. 1998 wurden für die nun notwendig gewordenen Außenwohngruppen zwei Wohnungen in Großrückerswalde angemietet. Zwölf Jahre später entstanden weitere Außenwohngruppen mit elf Plätzen in Marienberg. Die Seniorenwohngruppe in Zöblitz kam 2015 hinzu. Bis 2023 rüstet das Blaukreuz-Zentrum in Schindelbach zudem für mehr als eine halbe Million Euro das Haus von vorrangig Zweibett- auf Einzelzimmer um. Damit soll im vierten Quartal dieses Jahres begonnen werden.


Besucher erhalten Einblick

Die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen finden am kommenden Sonnabend statt.

10 Uhr ist ein Fachvortrag zu erleben. Der Chefarzt der Evangelischen Lukasstiftung Altenburg, Dr. Christian Schäfer, spricht zum Thema "Auf der Suche nach Glück".

13.30 Uhr beginnt ein Festgottesdienst mit dem Psychiater und Suchtmediziner Dr. Klaus Richter.

Für die musikalische Umrahmung und Begleitung des Festgottesdienstes sorgt Thomas "Rups" Unger.

Die Besucher erhalten zudem Einblicke in den Alltag von Bewohnern und Betreuern.

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