Wo Mathe überbewertet wird

Im Finanzamt geht es um Zahlen. Dennoch braucht es für die Ausbildung zum Finanzwirt in Mathematik nicht die Note 1. Etwas anderes ist eigentlich viel wichtiger, sagt Joachim Vogt, der Vorsteher der Annaberger Behörde.

Annaberg-Buchholz.

Es klingt etwas paradox: Während die 18-jährige Johanna Häberlein soeben ihre Ausbildung im Finanzamt Annaberg abgeschlossen hat, steht die 25-jährige Carolin Huber noch ganz am Anfang. Gemeinsam mit 130 weiteren jungen Frauen und Männern begann sie in dieser Woche offiziell die zweijährige Ausbildung zur Finanzwirtin. Zwei junge Frauen, zwei Karrieren in einer Behörde, die aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge Anfang der 1990er-Jahre und der derzeit guten Situation auf dem Arbeitsmarkt ebenso um Nachwuchs kämpfen muss wie jede andere Firma, jede andere Einrichtung auch.

Die 18-jährige Johanna Häberlein hat sich nach der 10. Klasse für diesen Job entschieden, weil sie gern etwas im Büro und mit Computer machen wollte, wie sie sagt. Anfangs hatte sie auch mit einer Ausbildung in einer Bank geliebäugelt, kam dann aber über die Woche der offenen Unternehmen, in der sie eine Stippvisite im Finanzamt machte, zu dieser Behörde. "Als damals 16-jährige Realschulabgängerin wusste ich allerdings nicht wirklich, was mich erwartet und wie das Leben funktioniert", sagt die Crottendorferin. Anders ihre künftige Kollegin Carolin Huber. Die 25-Jährige aus Langenau bei Freiberg kommt mit einer ganz anderen Biografie in die Finanzbehörde. Sie kann bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung als Fachkraft Altenpflegerin vorweisen. Sie steht also schon mitten im Leben, will sich jedoch neu orientieren. "Wenn ich das jetzt nicht tue, dann vielleicht nie mehr", sagt sie. Dass sie nicht länger als Altenpflegerin arbeiten möchte, hänge zu einem Großteil mit der im Verhältnis betrachteten geringeren Entlohnung zusammen. Da redet Carolin Huber nicht um den heißen Brei herum. Zudem biete die Verbeamtung in dem neuen Job eine ganz andere Sicherheit. "Wenn ich später einmal Kinder habe, möchte ich ihnen auch etwas bieten können", sagt die Langenauerin. Allerdings sagt sie auch: "Ich weiß nicht, ob ich mich mit 16 auch schon für den Job im Finanzamt entschieden hätte."


Für Joachim Vogt, Vorsteher des Annaberger Finanzamtes, ist eine vorherige Berufsausbildung durchaus von Vorteil. Er attestiert Carolin Huber beste Voraussetzungen für ihre begonnene Ausbildung im Finanzamt. Erst recht bei ihrem bisherigen Beruf, in dem der Umgang mit Menschen im Mittelpunkt gestanden hat.

Das sei auch für den Job im Finanzamt ein ganz wesentlicher Aspekt. Für Vogt ist das weitaus wichtiger als etwa die Note 1 in Mathematik. Sie sei nicht Voraussetzung für eine Ausbildung in der Finanzverwaltung. "Natürlich ist Mathe nicht unwichtig für diesen Beruf. Die Berechnungen erledigen heutzutage aber in der Regel die Computer", so Vogt. Textverständnis und logisches Denken seien dagegen noch weitere Faktoren, die Bewerber mitbringen sollten.

Die duale Ausbildung zum Finanzwirt beziehungsweise zur Finanzwirtin im mittleren Dienst dauert zwei Jahre. Der fachtheoretische Unterricht findet in Bobritzsch statt. Er nimmt etwa acht Monate der zweijährigen Ausbildung ein. Nach erfolgreichem Abschluss wartet ein breites Spektrum an Arbeit auf die Finanzwirte. Dazu gehören die Veranlagung, Kassentätigkeiten, Bewertungen, aber auch Vollziehung. Letzteres bedeutet Steuerschuldner aufsuchen und bei ihnen unter Umständen zu pfänden oder auch mal eine Parkkralle am Auto anzulegen. Ein Job, der durchaus gefährlich werden kann, weiß Vogt.

Johanna Häberlein, die jetzt auf Probe verbeamtet wird, hat jedenfalls vor der Zukunft keine Angst, aber Respekt. Ihr macht der Job bislang Spaß, auch wenn sie im Gegensatz zu Carolin Huber noch keinen Vergleich hat.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...