Wo Mundart im Handwerk mitmischt

Die lange Tradition hiesiger Gewerke hat sich auch in der Sprache niedergeschlagen. Nicht immer auf den ersten Blick. Doch gleich der Auftaktbeitrag für die Suche nach dem diesjährigen Mundart-Wort bietet viel Überraschendes.

Annaberg-Buchholz.

Nun wartet das mundartliche Meisterstück auf die Erzgebirger: Zum dritten Mal rufen Erzgebirgsverein und "Freie Presse" Freunde des hiesigen Zungenschlags auf, ihr Lieblingswort zu finden. Gesucht sind dieses Mal Mundart-Wörter, die die Arbeitswelt des Handwerks abbilden, Werkstoffe bezeichnen, Maschinen vorstellen, Technologien und Produkte beschreiben sowie Berufe charakterisieren. Unter dem Motto "Unner Arzgebirg - Wo das Handwerk nicht auf den Mund gefallen ist" können ab sofort Vorschläge sowohl aus der Arbeitswelt, als auch von der Werkelei zuhause eingereicht werden.

Stellte der Auftakt des Wettbewerbs 2017 zunächst ein "begriffliches Warmmachen" dar, verkörperte die 2018 initiierte Suche nach Mundartlichem rund ums Essen und Trinken quasi das Gesellenstück. Nun jedoch sind Sprachfertigkeiten auf Meisterniveau gefragt. Selbst gestandene Erzgebirger wie die Mundart-Moderatorin Regine Seifert müssen zunächst nachdenken. Indes läuft die Chefin des Erzgebirgszweigvereins Hormersdorf in ihrem schmucken Heimatmuseum schnell zur sprachlichen Hochform auf. "Woine fällt mir da zuerst ein", so die 78-Jährige. "Auf Hochdeutsch heißt das Wagner oder Stellmacher." Lachend erzählt sie dabei vom Spitznamen ihrer Schwiegermutti: "Die wurde DKW gerufen - de klaane Woinern. Die Familie war in dem Gewerk tätig."

Christoph Ulrich

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Sie erinnert daran, dass fast jeder Einheimische einst eine Wärmflasche an Wintertagen schätzte. "Das war eine Arbeit des Flaschners, heute Klempners", so Regine Seifert weiter. "Die waren seinerzeit aus Kupperblech (Kupferblech). Und so mancher Soldat dürfte die metallenen Trinkflaschen kennen, die zum Marschgepäck gehörten. Daher der Begriff Flaschner." Auf dem nachgestalteten Küchenofen der Ausstellung befinden sich diverse Wasserkessel. "Die sind mit Schnäuzelzum Ausgießen versehen. Und dieses wurde na gelit, also angelötet, auch gelit sagen wir."

In der die Arbeits- und Wohnwelt der Erzgebirger darstellenden Schau finden sich auch die Nodelzang (Nadelzange), ein Werkzeug der Strumpfwirker, wie die Rodwall (Schubkarre). Hier sind Exponate wie Schaffel (kleine Wanne), Kraut- und Bruthubel, Täpphoder (Topflappen), Sagn (Sägen) und Schlitzenzieher (Schraubenzieher) aufbewahrt. In einen Haushalt gehörten de Socksch (Socke), dr Hansch (ein Handschuh) und Hansching (ein Paar Handschuhe). Eine Ladrhusbezeichnet die Lederhose und die Ladrgack die Jacke. Damit Hosen nicht rutschen, gibt es die Troibänne. Ein Flickflack bezeichnet einen Stofffleck, ein Ohwaschflackl ist der Waschlappen. Ein Federnstaubwedel wird als Fladerwiesch gesprochen und Plättlock bzw. -brat sind Bügeleisen und Bügelbrett. Eine Weißbärscht besitzt der Maler, der Schuster bedient die Ausputzmaschin und besitzt nicht nur eine Ohl (Ahle). Von der Landwirtschaft berichten de Ses (Sense), ein Troikorb (Tragekorb) wurde auf den Rücken geschnallt. Hiesige sagen zum Heuhaufen Heihhöffel und zum liegen gebliebenen Gras- bzw. Heu-Samen Heigesam. Mit einem Kilberstriek aus Hanf wurden Kälber festgebunden, ein Kühgung musste auf die Vierbeiner aufpassen. "Als Kinder sind wir Krautstrunk mausen gegangen, ein Unterfangen, was heute kaum noch einer kennt", so Regine Seifert. Die kennt auch Begriffe, die im doppeldeutigen Sinne verwendet wurden: Laafbasen, ein Mensch, der stetig unterwegs ist. Oder Kaasnappel. "So wurde eine Käseform aber auch ein Typ mit vorstechenden Augen bezeichnet." Das Kommkastel wiederum diente zur Aufbewahrung von Kämmen, aber auch Mitmenschen mit vorstehendem Unterkiefer bekamen diesen Kosenamen weg. "Und die Brutschbüchs charakterisierte einen behäbig arbeitenden Menschen, der mit seinem Tun nie fertig wird."

Apropos fertig werden: Die Erzgebirger sind mit dem heutigen Tag aufgerufen, bis 1. September "ze Fach ze komme", also mit dem Unterbreiten ihrer Vorschläge loszulegen. Bis dahin gilt zudem die Devise, kein Gefitz zuzulassen, also im Handarbeitssinne nicht den roten Faden zu verlieren.


"Ab jetzt genauer hinhören"

Carmen Krüger vom Erzgebirgsverein hält nicht nur große Stücke auf die hiesige Mundart, auch aufs Handwerk. Andreas Luksch hakte nach.

Freie Presse: Welches erzgebirgische Wort fürs Handwerkeln zu Hause fällt Ihnen auf Anhieb ein?

Carmen Krüger: Dampern.

Wie bitte - dampern?

Na klar, ich damper gern Zuhause rum, ich lass mir also Zeit, lass mich nicht hetzen. Das Wort verwende ich aber auch gern, wenn die Kinder mal wieder rummehrn, also nicht so richtig aus dem Knick kommen.

Nun ja, mit einem Handwerksprofi würde in so einem Fall gar mancher "Deutsch", also Klartext, reden. Glauben Sie denn, dass noch viel Handwerker-Erzgebirgisch gesprochen wird?

Da lassen wir uns doch einfach mal überraschen. Schließlich gehört das Handwerk seit Jahrhunderten zum Erzgebirge genauso dazu wie unsere Mundart. Vielleicht wird Mundart nicht mehr so viel bei der Arbeit genutzt. Doch Gespräche in Museen und mit Vertretern alter Gewerke stimmen mich optimistisch, dass wir da einiges wieder ans Tageslicht befördern werden.

Und außerdem geht es ja im neuen Wettbewerb auch um Worte fürs Selbermachen im Hausgebrauch...

Genau. Und wenn da die Erzgebirger in den nächsten Tagen ein bisschen genauer hinhören, wenn geschnitzt, gehämmert, gebohrt oder auch gegärtnert wird, kommt sicher auch noch das eine oder andere interessante Wort hinzu.

Wie wird das Siegerwort ermittelt?

Wie gehabt. Nach dem Einsendeschluss tagt wieder eine Jury. Diese wird bis Oktober aus den Zusendungen zunächst die Top-Zehn ermitteln. Unter diesen kürt dann die Öffentlichkeit das Sieger-Mundartwort 2019.

Und das wird wieder bei einer Abschlussveranstaltung vorgestellt?

Aber klar. Doch dieses Mal nicht im Erzhammer in Annaberg, wie die beiden ersten beiden Male, sondern im Volkshaus Thum. Alle Freunde des Erzgebirgischen sollten sich schon jetzt den 10. November vormerken.


Teilnahmebedingungen für die Suche nach dem Erzgebirgischen Wort 2019

Ihr Lieblingswort zum Handwerk versehen mit einer kurzen hochdeutschen Übersetzung sowie Ihren Kontaktdaten senden Sie per Post an: "Freie Presse", Lokalredaktion Annaberg, Markt 8, in 09456 Annaberg-Buchholz. Via E-Mail an: Red.Annaberg@freiepresse.de. Einsendeschluss ist der 1. September 2019.

Der Teilnehmer/die Teilnehmerin erklärt sich gegenüber der Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG einverstanden, dass seine/ihre Zusendungen kostenfrei veröffentlicht werden können in gedruckter wie digitaler Form. Für die Verarbeitung der Daten gilt der unten angegebene Datenschutzhinweis, den der Teilnehmer/die Teilnehmerin zur Kenntnis genommen hat. Der Teilnehmer/die Teilnehmerin erklärt sich damit einverstanden, dass die Daten ausschließlich aus organisatorischen Zwecken an den Erzgebirgsverein e.V., Markt 6, in 08289 in Schneeberg, weitergegeben werden.

Nach Auswertung des Wettbewerbs Erzgebirgisches Wort 2019 werden die Teilnehmerdaten vom Erzgebirgsverein komplett gelöscht.

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