Erstmals seit 1950 feiert Oelsnitz wieder ein Bergfest

Die hiesige Knappschaft und die Stadt wollen die Bergarbeitertradition erneut in der Region etablieren. Dafür mussten sie die Bedeutung des Festes aber erst einmal wieder ins Bewusstsein der Leute rücken. Denn: Viele gibt es nicht mehr, die sich an das Vorangegangene tatsächlich erinnern können.

Start der Parade zum Bergfest der Gewerkschaft Gottes Segen in Oelsnitz im Jahr 1935.
Heino Neuber - Vorsitzender der Lugau-Oelsnitzer Knappschaft

Für Sie berichtet: Viola Gerhard

Wenn sich am Sonntag mehr als 400 Berg- und Hüttenleute aus 17 Bergbrüder-, Berg- und Hütten-Knappschaften Sachsens, Sachsen-Anhalts und der Tschechischen Republik sowie Musiker dreier Bergorchester in Oelsnitz zur Parade vereinen, ist das für die Stadt und deren Umgebung schon etwas Einmaliges, sagt Heino Neuber. Der Vorsitzende der Knappschaft des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers hat Organisation und Paradeleitung inne. "Ähnliche Zahlen hat man zuletzt beim Bergfest 1950 erreicht", sagt er.

Und seither gab es hier nicht nur keine ähnlich großen Bergparaden, es gab auch kein Bergfest. Denn diese Tradition wurde durch den 1950 eingeführten Tag des Bergmannes am ersten Sonntag im Juli abgelöst. Der wurde in Oelsnitz 2014 letztmals begangen - wegen ständig abnehmender Resonanz. Insbesondere auch deshalb, weil dieses Wochenende in der Region regelrecht überfrachtet mit Veranstaltungen ist.

Mit dem Bergfest, das traditionell im Herbst stattfand, belebe man nun einen Bergmannsbrauch wieder, der nicht wie der Tag des Bergmanns per Verordnung "von oben diktiert", sondern aus einer Tradition heraus entstanden ist, sagt Neuber. Mit ihm soll aber nicht nur ein erbaulicher und froher Höhepunkt bergmännischer Festkultur ins Bewusstsein und Erleben unserer Gegenwart gerückt werden. Zugleich "spiegelt das Fest den Glanz der Schwarzen Diamanten, deren reicher Ertrag und vorwärtsdrängende Kräfte die Entwicklung Sachsens zur ,Werkstatt Deutschlands' ermöglichten."

Die Veranstaltung soll zum einen für Gäste Anziehungskraft haben und zum anderen für die Einheimischen eine Identifikation mit ihrer Vergangenheit sein, erklärte Bergbaumuseumsleiter Jan Färber, als die Idee Anfang 2016 erstmals in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Schnell wurde damals aber klar, dass ein solcher Höhepunkt seine Vorbereitungszeit braucht. Nicht nur die Finanzierung musste geklärt werden, es zeigte sich auch, dass die Tradition inzwischen in Vergessenheit geraten war, also unter der Bevölkerung erst wieder bekannt gemacht werden musste. Auch der dann geplante Termin im Herbst 2017 musste noch einmal verschoben werden, weil der Sächsische Bergmanns- und Hüttentag für den gleichen Sonntag angesetzt worden war.

Nun also Anlauf Nummer 3: Das Bergfest findet am kommenden Sonntag statt, eingebettet in den traditionellen Oelsnitzer Bauernmarkt mit mehr als 100 Händlern und flankiert vom Reitfest des Oelsnitzer Reitsportvereins. Die Parallelveranstaltungen waren von vornherein gewollt, damit will die Stadt Synergieeffekte nutzen, so Bürgermeister Bernd Birkigt.

Kostenmäßig war Heino Neuber zunächst von etwa 275 Trachtenträgern und 100 Musikern ausgegangen, wofür allein für Trachtengeld, Beförderung, Instrumentenbenutzungsgeld und Verpflegung für die Teilnehmer etwa 9000 Euro hätten angesetzt werden müssen. Nun sind es 270 Habitträger und 135Bergmusiker, und er rechnet mit insgesamt etwa 17.000 Euro. Denn zu den Ausgaben für die Paradeteilnehmer kämen noch jene für die Bühne zum Gottesdienst, Werbung und Programmhefte. Zuhilfe kommt der Knappschaft hier das EU-Förderprogramm Leader mit einem 75-prozentigen Zuschuss. Dennoch: "Es ist ein erheblicher Kosten- und Organisationsaufwand", sagt Neuber. Eine Wiederholung im Jahresrhythmus hält er darum für wenig wahrscheinlich. Aber auch, wenn er das Bergfest am kommenden Sonntag als einmalig bezeichnet, so soll es das nicht bleiben - sondern als wiederbelebte Tradition in der Region verankert werden.

Tradition wurde vom Erzbergbau übernommen

Die Anfänge der Bergfesttradition liegen im Erzbergbau. Zunächst haben die Bergleute dort selbst Feste durchgeführt, erklärt Heino Neuber, Chef der Knappschaft Lugau-Oelsnitz, später wurden sie meist über Knappschaften organisiert. Als sich der Bergbau im 19. Jahrhundert zur Steinkohle hin verlagerte, brachten die Bergleute, die in die hiesigen Reviere wechselten, ihre Traditionen mit.

Oberberghauptmann August von Herder (1776 bis 1838), der in den Bergämtern Marienberg, Geyer, Ehrenfriedersdorf und Schneeberg tätig war, habe zum Beispiel viele Traditionen geprägt, die dann auch hier gepflegt wurden. So führte er die Marschmusik bei Bergparaden ein.

Das erste Bergfest in Oelsnitz veranstaltete Karl-Gottlob Wolf 1844, nachdem er in Neuoelsnitz ein abbauwürdiges Steinkohlenflöz gefunden hatte. Was schon damals dazugehörte: ein Berggottesdienst. 1844 dankten die Bergleute noch direkt am Schacht für den Fund, später traf man sich in der Kirche - so man eine hatte.

Bis etwa 1900 waren die Bergfeste fester Bestandteil der Knappschaftskultur. Der 1. Weltkrieg brachte die Tradition gänzlich zum Erliegen. Allerdings gab es nochmals drei größere Auflagen: 1935, 1938 und 1950.

Der Bergaufzug am Sonntag startet 13.15 Uhr am Bergbaumuseum und führt über die Pflocken-, Dr.-Otto-Nuschke- und Untere Hauptstraße zum Rathausplatz, wo 14 Uhr der Berggottesdienst beginnt. Anschließend folgt ein Bergzeremoniell auf dem Kirchplatz. (vh)

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