Vater kämpft um die Chancengleichheit seiner Tochter

Jörg Richter aus Hormersdorf möchte, dass Sophie zur Schule nach Gersdorf gefahren wird. Sie hat das Down-Syndrom. Doch das neue Schulgesetz, das Familien wie den Richters helfen soll, fällt ihnen auf die Füße. Kein Einzelfall.

Der Hormersdorfer Jörg Richter setzt sich dafür ein, dass seine Tochter Sophie-Florienne in Gersdorf zur Schule gehen darf. Das tut sie seit Schuljahresbeginn auch, doch die Fahrt dorthin will der VMS nicht bezahlen, weil das neue Schulgesetz jede Schule - zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten - zur Inklusion verpflichtet.
Paul Stecher - Schüler

Von Kathrin Neumann und Christoph Pengel

Als Jörg Richter aus Hormersdorf seine Tochter Sophie-Florienne für die 5. Klasse angemeldet hat, da existierte das neue Schulgesetz vermutlich noch nicht einmal in den Köpfen der Politiker in Dresden. Denn das ist drei Jahre her. Nun aber ist das Gesetz seit August in Kraft und es legt fest, dass erstmals auch an Oberschulen Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf inklusiv unterrichtet werden. Kinder wie Sophie-Florienne. So besteht ein Rechtsanspruch auf Inklusion an jeder Oberschule. Da aber hatte Jörg Richter für seine Tochter, die das Down-Syndrom hat, längst den Platz an der Oberschule Gersdorf, rund 25 Kilometer entfernt. "Diese Schule hat viele Jahre Erfahrung mit dem Unterrichten von geistig behinderten Kindern, sie hat entsprechende Lehr- und Lernmaterialien und geeignete Räumlichkeiten. Wir waren so froh über die Zusage." Die Warteliste sei lang. Den Platz hat Sophie noch, nur die Frage, wie sie dorthin und nach Hause kommt, verlangt Jörg Richter und seiner Frau Cornelia derzeit alles ab.

Denn mit dem neuen Schulgesetz ist die Oberschule Gersdorf für das Mädchen aus Hormersdorf nicht mehr die nächst gelegene Schule. Nur zu dieser besteht für den Zweckverband Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) eine Beförderungspflicht. Das wäre Thalheim. Die Fahrt nach Gersdorf zahlt der VMS nicht. Das will Jörg Richter nicht hinnehmen. Ein Gesetz, das Familien wie den Richters helfen soll, fällt ihnen damit nun auf die Füße. "Und das nur, weil wir uns selbst gekümmert haben", ärgert sich Richter.

Die Eltern von Sophie-Florienne bemühen sich seit ihrer Geburt Ende 2007, dass sie alle Möglichkeiten erhält. "Sophie kann schwimmen, alleine mit dem Fahrrad fortfahren, Ski laufen", so Richter. Doch ihre Sprache ist eingeschränkt, Lesen fällt ihr schwer. Seit fast elf Jahren kämpfen die Richters, die noch zwei weitere Kinder haben, ständig gegen Windmühlen. Sei es der Platz an der Grundschule ihrer Wahl, die Einlagen für die Schuhe oder der Diabetes-Sensor, den Sophie braucht. "Immer erst nach Widerspruch haben wir Recht bekommen", sagt der 49-Jährige. "Doch jetzt, das ist wirklich der Höhepunkt."

Denn Sophie-Florienne kommt nicht so einfach zur Schule. Nach Oelsnitz in die Förderschule würde der VMS das Mädchen sofort bringen, sagt ihr Vater. "Doch sie braucht gesunde Kinder um sich herum, das tut ihr gut." In dem Bus, der täglich von Hormersdorf nach Oelsnitz fährt, seien sogar noch zwei Plätze frei. Er bemüht sich deshalb, dass Sophie wenigstens bis Oelsnitz mitgenommen wird, und er die restlichen fünf Kilometer privat bezahlt. Das Taxiunternehmen sei dazu bereit. Doch der VMS trägt das nicht mit, weil Sophie dann wenige Minuten nach Schulbeginn vor Ort wäre, wie der Verband den Eltern mitteilte. "Dabei habe ich die Zusage von der Schule, dass das zu regeln ist", sagt Richter. Sophie werde ohnehin individuell unterrichtet, verlässt auch in der Stunde mal das Klassenzimmer.

So passiert es, dass Jörg Richter mit seiner Tochter im Auto jenem Taxi hinterher fährt, mit dem Sophie zur Schule gebracht werden könnte. "Das ist doch Wahnsinn", entfährt es den Vater, der eine Anwältin eingeschaltet hat. Jörg Richter arbeitet in Lauter, das ist die entgegengesetzte Richtung. Nachdem anfangs Freunde und Bekannte aus Hormersdorf eingesprungen sind, hat die Familie jemanden gefunden, der als Mini-Jobber die Fahrt übernimmt. Doch das sei keine Dauerlösung, betont Richter. Er ist sich bewusst, dass die gesetzliche Lage wohl eindeutig ist. "Mir geht es um den Ermessensspielraum. Mit etwas gutem Willen könnte es gehen."

Aus Sicht des Landesamtes für Schule und Bildung (Lasub) hätte Jörg Richter seine Tochter an der nächst gelegenen Schule anmelden müssen. Die Schulleitung hätte dann entschieden, ob die Inklusion von Sophie praktisch möglich ist. "Sollte eine Schule keine Aufnahmekapazität haben, erfolgt die Zuweisung an eine andere nächstgelegene, aufnahmefähige Schule durch das Landesamt für Schule und Bildung", teilt eine Sprecherin des Lasub mit. "Die Schulen sind laut Schulgesetz verpflichtet, sich der Aufgabe zu stellen und entsprechende Inklusionsbedingungen zu schaffen." Genau deshalb, mutmaßt Jörg Richter, erhält er offiziell von den Schulen keine Absagen, mit denen Gersdorf am Ende zur nächstgelegenen Schule erklärt werden könnte - die Voraussetzung dafür, dass der VMS die Fahrt übernimmt. Jörg Richter befürwortet das neue Gesetz voll und ganz. "Doch nur weil es das jetzt gibt, heißt das nicht, dass jede Schule gleich so weit ist, Kinder wie unsere Sophie zu unterrichten."

In einer ähnlichen Falle steckt Roberto Stecher aus Neuwürschnitz. Sein Sohn Paul - zwölf Jahre alt, geistig behindert - ist für dieses Schuljahr in Gersdorf angemeldet. Doch der VMS wolle ihn dort nicht hinfahren, sagt Stecher. Stattdessen habe man ihm Schulen in Oelsnitz und Stollberg vorgeschlagen. Zwar muss er seinen Sohn noch nicht selbst fahren, beide sind zusammen ein paar Wochen auf Kur. Doch das Problem wird bloß aufgeschoben. Wie die Familie später damit umgeht, ist ungewiss. "Das bringt uns in Schwierigkeiten", sagt Stecher, der rechtliche Schritte erwägt. Er sieht die freie Schulwahl eingeschränkt. Zu diesem Fall hat sich der VMS bis gestern nicht geäußert.

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