Zahlen aus Anti-Drogen-Zug schrecken auf

551 Kinder und Jugendliche haben im Herbst allein in Annaberg-Buchholz das Präventionsprojekt besucht. Sie liefern ein sehr reales Bild der aktuellen Situation.

Annaberg-Buchholz.

Erste Erfahrungen mit Suchtmitteln machen Kinder aus Annaberg-Buchholz schon vor dem zehnten Lebensjahr: mit Alkohol zwischen sieben und acht Jahren, mit Tabak zwischen neun und zehn Jahren. Die erste illegale Droge - Marihuana - wird mit zwölf Jahren erstmals konsumiert. Das hat die Auswertung der Fragebögen ergeben, die im Herbst des vorigen Jahres an die 551 jungen Besucherinnen des Revolution Train ausgegeben worden waren. Das in Tschechien konzipierte und aufgebaute interaktive Drogenpräventionsprojekt in Form eines Zuges hatte im November mehrfach Station im Erzgebirge gemacht - unter anderem in Annaberg-Buchholz.

Im Zug erleben die Kinder und Jugendlichen anhand eines Filmes und vieler realer Szenen in sechs unterschiedlich präparierten Waggons die tragische Geschichte eines Süchtigen mit. Das Alter der befragten Mädchen und Jungen lag schwerpunktmäßig zwischen 11 und 15 Jahren. Mehr als ein Drittel von ihnen hatte da schon geraucht, sogar 46 Prozent von ihnen schon Alkohol getrunken. Einige von ihnen konsumieren in diesem Alter schon regelmäßig, mitunter sogar täglich, erläutert Annett Dietrich von der Stadtverwaltung Annaberg-Buchholz die Zahlen. Die Gründe dafür sind zum überwiegenden Teil Neugier, Freunde und der Drang nach Zugehörigkeit, aber auch die Familie. Neugier und Freunde sind es vielfach auch, die zum Teil nur wenige Jahre später zum Konsum härterer Drogen verleiten: Marihuana, Haschisch und Schnüffelstoffe. Sie dominieren bei den 11- bis 13-Jährigen. Schnüffelstoffe sind legal erhältliche Substanzen, die beim Inhalieren eine halluzinogene Wirkung entfalten und deshalb meistens von Jugendlichen als Ersatz für illegale Drogen konsumiert werden: Aerosole, Klebstoffe, Verdünnungen oder Ähnliches. Aber auch Ecstasy, Kokain, Heroin und Crystal Meth sind in diesen Altersgruppen keine unbekannten Substanzen mehr.


Zahlen, die in diesem Ausmaß auch alle Mitglieder der städtischen Arbeitsgruppe Prävention überrascht haben, die sich intensiv mit den Fragebögen beschäftigt hat - einschließlich Oberbürgermeister Rolf Schmidt (Freie Wählergemeinschaft). Aber er ist überzeugt: "Realer kann man die Situation auf Annaberg-Buchholz projiziert derzeit nicht darstellen." Und diese Realität müsse wahrgenommen werden, auch wenn nach wie vor viele die Augen davor verschließen würden. Prävention sollte ansetzen, bevor es zur ersten Berührung mit den Drogen kommt.

Ähnlich argumentiert Ralf Rasch, Oberarzt im Erzgebirgsklinikum. Dort leitet er die Suchtstation der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Für ihn muss der Schutz vor Drogen genauso in den Kinderzimmern Einzug halten, wie der Schutz vor allen anderen Gefahren - zum Beispiel denen im Straßenverkehr. Während es dazu unzählige kindgerecht gestaltete Bücher gebe, lasse sich zum Umgang mit Drogen nicht ein einziges finden. Dabei liege auch in Annaberg-Buchholz das Einstiegsalter bei den Drogenabhängigen längst bei zehn, elf Jahren; steige auch im heimischen Klinikum die Anzahl der Behandlungen. Dabei erfolge die Entgiftung so gut wie nie aus Eigenmotivation heraus. Vielmehr stehe eine polizeiliche beziehungsweise justizielle Auflage dahinter. Nach der Entgiftung brechen zudem viele die Behandlung ab, gehen gar nicht erst zur weiterführenden Therapie. Rückfallquote laut Ralf Rasch: 99 Prozent. Für ihn ist deshalb Crystal Meth "die Herausforderung einer ganzen Generation".

Deshalb will die Arbeitsgruppe als nächstes gemeinsam mit der Stiftung Neues Tschechien, die hinter dem Projekt Revolution Train steht, einen Verein gründen. Denn die Planungen für einen neuen Zug laufen bereits. Möglicherweise findet einer der beiden Züge dann auf dem Unteren Bahnhof in Annaberg-Buchholz seinen Platz.

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