Züge sollen in Annaberg fahren lernen - ganz ohne Fahrer

Die Kreisstadt und die TU Chemnitz stellen beim Bund einen Förderantrag für ein europaweit einzigartiges Modellprojekt. Dabei geht es um eine nicht mehr im Regelbetrieb genutzte Strecke, ein leer stehendes Bahnhofsgebäude und ein bisschen Science Fiction.

Annaberg-Buchholz/Chemnitz.

Das Erzgebirge kann nicht nur Weihnachten. Dafür steht ein Vorhaben, mit dem sich federführend die Stadt Annaberg-Buchholz und die TU Chemnitz beim Bund um Fördermittel in Millionenhöhe bewerben wollen. Ziel ist der Aufbau eines Forschungscampus' für automatisiertes Zugfahren - ein europaweit einzigartiges Modellprojekt.

Einen ersten Teilerfolg in der Sache kann Thomas Proksch, Bürgermeister der Stadt Annaberg-Buchholz, bereits vermelden. Das Vorhaben, das von Partnern wie Siemens, Deutsche Bahn, Eisenbahn-Bundesamt und Freistaat Sachsen im Hintergrund begleitet wird, hat jetzt die erste Hürde genommen. Wie dazu das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) informierte, ist die Projektidee innerhalb des Förderprogramms "WIR! - Wandel durch Innovation in der Region" von mehr als 100 Vorschlägen in die Liste der besten 32 aufgenommen worden. Damit kann jetzt ein detailliertes Konzept - bereits mit 200.000 Euro Fördergeld unterstützt - erarbeitet werden. Dieses muss bis zum Herbst erneut beim BMBF eingereicht werden. Das entscheidet dann, welche zwölf Projekte am Ende bezuschusst werden und jeweils mit einer Förderung in Höhe von fünf bis acht Millionen Euro allein in den ersten beiden Jahren rechnen können, sagt Proksch.


Die Voraussetzungen für die Region, den Zuschlag zu erhalten, bezeichnet er als hervorragend. So sei bereits seit 2005 auf dem Bahnhof Annaberg-Buchholz Süd modernste elektronische Stellwerkstechnik der Siemens AG in Betrieb, die Erprobungscharakter hatte. Seit vergangener Woche wird der Zugbetrieb der Erzgebirgsbahn zwischen Annaberg und Flöha sogar mittels eines digitalen Stellwerkes vollautomatisch gesteuert. "Das ist die modernste Technik der Firma Siemens überhaupt, die bei uns jetzt ebenfalls als Pilotprojekt arbeitet, um bei Eignung irgendwann bundes- und europaweit eingesetzt zu werden", erklärt Lutz Mehlhorn, Leiter der Erzgebirgsbahn.

Zudem stehe mit der Strecke von Annaberg-Buchholz nach Schwarzenberg eine Trasse für Testfahrten zur Verfügung, da auf ihr seit September 1997 kein fahrplanmäßiger Verkehr mehr rollt. Und mit dem Unteren Bahnhof Annaberg-Buchholz, der sich seit 2012 im Eigentum der Stadt befindet, sei ein idealer Standort für die Einrichtung eines Forschungscampus im Erzgebirge vorhanden. Daran anknüpfend sieht Rolf Schmidt, Oberbürgermeister von Annaberg-Buchholz, gute Verquickungsmöglichkeiten mit einem anderen großen Vorhaben der Stadt - einer eigenen privaten Hochschule. Diese soll, wenn alles nach Plan läuft, mit dem Wintersemester 2019 öffnen.

Auf der Strecke zwischen Annaberg und Schwarzenberg würden schon jetzt hin und wieder mit Triebwagen der Erzgebirgsbahn Messfahrten stattfinden, erklärt Mehlhorn. Dabei gehe es beispielsweise um Fragen der Umfelderkennung - werden also beispielsweise Bäume, Autos, Personen, Signale sowie Bahnhöfe interaktiv erkannt. Dazu sind unter anderem leistungsfähige Computer, Sensoren und Kameras erforderlich. Entlang der Trasse soll zudem ein leistungsfähiges 5G-Datennetz aufgebaut werden. "Davon wiederum könnten Unternehmen partizipieren, die in unmittelbarer Nähe angesiedelt sind", betont OB Schmidt. Er ist überzeugt, dass die Projektidee das Potenzial für eine absolute Alleinstellung des Erzgebirges in Europa hat.

Im Gegensatz zum autonomen Fahren auf der Straße dürfe man sich einen Zug jedoch nicht gänzlich ohne Personal vorstellen, sagt der Erzgebirgsbahnchef. Durch das autonome Fahren einer Bahn werde der Lokführer, oder wie immer seine Bezeichnung in Zukunft auch sein möge, frei für andere Aufgaben - etwa den Bereich Service.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Zeitungss
    29.01.2018

    Dieses Unternehmen hat einfach keinen Plan, siehe heutige Zeitungsmeldung. Wer soll einsteigen, wenn schon Versuche für die Abschaffung laufen ???? In diesen Reihen kam es noch nicht an, dass nicht alle kopflos durch die Gegend rennen.
    Lokführer wird man nicht an einem Tag, Bahnchef dagegen schon.

  • 2
    0
    Zeitungss
    27.01.2018

    Deutschland sollte sein Fuhrunternehmen erst einmal in den Zustand versetzen, wie er bis zum 31.12.1993 war. Das Netz ist zurückgebaut, abgewirtschaftet und somit unfähig weiteren Verkehr überhaupt aufzunehmen. Der Vorstand, von Laien besetzt, kann so etwas nicht wissen. Mehdorns Scherbenhaufen zu beseitigen wäre vordringlicher als die Lokführer und weitere Beschäftigte in die Wüste zu schicken, was unter dem Bgriff Digitalisierung läuft. Wer Technik und Betrieb der Bahn kennt, dazu gehört der Vorstand nicht, wird diese Zeilen verstehen. Der Vergleich mit einer führerlosen U-Bahn langt hier nicht, es trennt Welten.
    Wer in Zukunft mit Sicherheit etwas von dieser Entwicklung hat, sind die Arbeitsämter und natürlich der Handel, welcher seine Produkte demnächst an Hochleistungsrechner und Roboter verkaufen darf. Mal sehen, wie DAS am Ende ausgeht, es trifft jeden Wirtschaftszweig. Wenn wir uns gegenseitig die Schuhe putzen, wird das nicht reichen, solche Gedanken (Dienstleistungsgesellschaft) gab es schon einmal.
    Ich bin kein Technikmuffel und auch kein Maschinenstürmer, kenne die Bahn aber auch von INNEN und zwar mehr als nötig.
    Als Vorstand hätte ich zunächst ganz andere Vorstellungen was die Bahn betrifft, ein Blick in andere Länder wäre dabei hilfreich.

  • 2
    1
    Freigeist14
    26.01.2018

    Wenn man sich vergeblich bemüht um pünktliche Züge,die auch noch mehrmals am Tag fahren sollen steckt man seinen Erfindergeist lieber in die fahrerlose Eisenbahn.Bei dem Mangel an Lokführern sind die Millionen an Fördermitteln sicher sehr gut angelegt.



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