Zustand von Hoheneck-Orgel ist schlimm

Das Urteil des Chemnitzer Restaurators Josef Poldrack klingt hart, er sagt aber auch: Es lohnt sich auf jeden Fall, das Instrument aus dem ehemaligen Stollberger Frauengefängnis zu reparieren. Warum?

Stollberg/Chemnitz.

Zum Glück haben die alten Orgelbauer Knochenleim verwendet. Josef Poldrack nickt. "Der ist wasserlöslich. Ich kann vieles reparieren. Bei Kaltleim wäre das anders." Der junge Mann steht vor großen Kästen mit ungezählten Löchern. Es sind die Windladen der Pedal- und Manualregister. Sie riechen nach Staub und nach Holz, welches Jahrzehnte ohne Pflege im alten - und oft kalten - Kirchensaal des Hohenecker Frauengefängnis stand. "Kein Wunder: Das Instrument wurde etwa 1975 das letzte Mal gespielt", so Poldrack. Und dann sagt er: "Der Zustand der Orgel ist fürchterlich. Viele Risse, Wassereinbruch." Bei einem Auto wäre der Zahnriemen am Ende, die Ventile platt, so Poldrack. "Also wie ein totaler Motorschaden."

Im Auftrag der Stadt Stollberg repariert der Experte das alte Tasteninstrument. Es soll nach den Umbaumaßnahmen im Westflügel - hier werden das Jugendtheater Burattino und die Gedenkstätte einziehen - wieder aufgestellt und auch genutzt werden. Der Auftrag kostet 90.000 Euro.

Christoph Ulrich

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Poldrack macht den Job aber vor allem aus Überzeugung. "Es lohnt sich, diese Orgel wieder zu restaurieren. Und das aus mehreren Gründen." So sei es fast ein Wunder, dass nicht ein Holzwurm in der verarbeiteten Eiche oder der Kiefer stecke. Poldrack brauche also kaum Neuteile. Zudem sei die Orgel eines der ältesten Instrumente von Bruno Kircheisen - einem Enkel von Karl Gotthold Jehmlich, dem Stammvater der berühmten Orgelbauerfamilie. "Es hat noch mechanische Schleifladen zur Ansteuerung des jeweiligen Tons. Das ist insofern bemerkenswert, weil damals die Orgeln immer größer wurden, die Tasten in gewissen Tonlagen wegen des enormen Luftdrucks kaum noch zu betätigen waren. Daher wurden vermehrt mechanische Kegelladen verbaut oder vollpneumatische Orgeln hergestellt." Noch ein wichtiger Aspekt steht nun fest. Die Orgel stammt aus dem Jahr 1889. "Dies habe ich von dem Orgelforscher Wolfram Hackel, weil der Kirchensaal im Gefängnis damals in dem Jahr auch geweiht worden ist." Das Gefängnis selbst sei aber schon 1862 eröffnet worden. "Dies alles stimmt nun auch mit den Lebensdaten von Kircheisen überein", so Poldrack.

Etwa drei bis vier Monate wird er für die Windladen benötigen. Erst danach kommen die Pfeifen dran, die derzeit noch in Hoheneck lagern und die es wegen Vandalismus schwer erwischt hat - die meisten werden wohl nicht mehr zu retten sein. Insgesamt rechnet der Experte mit einem reichlichen Jahr Arbeit an der Orgel. Aber es ist ja noch Zeit. Der Saal im Westflügel soll nicht vor Mitte 2021 fertig sein. Und selbst das ist eine ehrgeizige Planung.

Liebe Leser, wir suchen Leute, die die Hoheneck-Orgel kennen. Vielleicht haben Sie noch darauf gespielt oder können eine andere Geschichte erzählen? Melden Sie sich doch bitte,wir möchten darüber berichten. Email: red.stollberg@freiepresse.de oder Tel.: 037296 699012340.

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