Zwei Rollifahrer - zwei Arbeitswelten

Bundesweit fand am Donnerstag der Aktionstag "Schichtwechsel" statt. Dabei tauschten Menschen, die sonst in Werkstätten für Behinderte arbeiten, ihren Job mit Mitarbeiter aus Firmen des regulären Arbeitsmarktes. Ein Projekt, das auf beiden Seiten für Aha-Momente sorgte.

Annaberg-Buchholz.

Phillip Sonntag ist 24 Jahre alt, lebt in Steinbach, macht gern Sport, liebt Nachrichten, interessiert sich für Geschichte, Politik und Mathematik. Und Phillip Sonntag ist Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt des Lebenshilfewerk Annaberg. Seit 2011 arbeitet er dort. Er wiegt zum Beispiel Anschraubwinkel ab oder verpackt Post in Briefumschläge. Seit seiner Kindheit sitzt er im Rollstuhl, auch andere Handicaps bestimmen seinen Alltag. Doch die Arbeit in der Behindertenwerkstatt macht ihm viel Spaß. Am Donnerstag allerdings tauschte er den Arbeitsplatz mit einem Mitarbeiter der Arbeitsagentur. Anlass war der erstmals bundesweit stattfindende Aktionstag "Schichtwechsel", bisher hatte es ihn nur in Berlin gegeben. Veranstalter ist die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen.

Mehr als 30 Werkstätten und 140 Unternehmen in ganz Deutschland machten mit - in Sachsen nur das Lebenshilfewerk Annaberg mit seiner Behindertenwerkstatt. Für Werkstattleiter Steffen Helbig überraschend. Schon vor Jahren sei er auf den "Schichtwechsel" in Berlin aufmerksam geworden und war von der Idee begeistert. Das Prinzip ist schnell erklärt: Für einen Tag tauschen Mitarbeiter der Behindertenwerkstätten ihren Arbeitsplatz mit einem Mitarbeiter einer Firma des regulären - oft als ersten Arbeitsmarkt bezeichneten - Unternehmens. Nach der Motivation gefragt, nennt Steffen Helbig drei Gründe. Zum einen sei es eine Möglichkeit, existierende Vorbehalten gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen. Wer einen Tag zusammen arbeitet, lernt den anderen auch ein bisschen kennen, seine Arbeit schätzen. Zudem sei ein "Schichtwechsel" für die Beschäftigten der Werkstätten eine Chance, mit dem ersten Arbeitsmarkt in Kontakt zu kommen. Denn so, wie sich viele nicht vorstellen können, wie eine Behindertenwerkstatt funktioniert und was dort gemacht wird, können sich viele Menschen mit Handicap auch nicht vorstellen, wie es in Firmen zugeht. Des Weiteren hofft der Erzgebirger, dass sich über einen solchen Aktionstag das Netzwerk der Werkstatt vergrößert, neue Auftraggeber gewonnen werden können. In Annaberg-Buchholz kamen 31 Mitarbeiter von außerhalb in die Behindertenwerkstätten. Im Gegenzug standen 18 Arbeitsplätze bei den beteiligten fünf Firmen zur Verfügung.

Zurück zu Phillip Sonntag. Sein Tag in der Arbeitsagentur Annaberg begann mit einem Rundgang - Servicestelle, Berufsinformationszentrum, Poststelle. "Ich wusste gar nicht, was da alles so dranhängt", sagte er. Vor allem in der Poststelle habe es ihm gefallen. Im Biz druckte er Unterlagen aus, danach sortierte er neue Gesetze in die dicken Gesetzessammlungen ein.

Zur gleichen Zeit wurde Maximilian Eichinger am Standort Damaschkestraße des Lebenshilfewerks herumgeführt. Eichinger ist 26 Jahre alt und arbeitet bei der Arbeitsagentur als Fachassistent für Kindergeld und ist Inklusionsbotschafter der Regionaldirektion Sachsen. Sein erster Eindruck: "Hier wird sehr gute Arbeit geleistet." Die Beschäftigten hätten Spaß an ihrer Tätigkeit und erschaffen viel mehr, als viele denken. Diesen Aha-Moment hatten auch viele andere Tauscharbeiter, die sonst wenig Berührungspunkte mit Behindertenwerkstätten haben. Da wird gewogen, gestanzt, gewaschen, Holz bearbeitet, Maschinen bedient, gekocht, gegärtnert ... In den unterschiedlichsten Bereichen sind die Beschäftigten eingesetzt. "Für viele Menschen ist das Thema Inklusion erst wichtig, wenn sie selbst oder ein nahestehender Mensch betroffen ist", sagt Maximilian Eichinger. Die Gesellschaft sei aber vielfältig und daher sollte das Miteinander stärker im Fokus stehen. Er selbst packte beim "Schichtwechsel" in diversen Bereichen mit an - der Wäscherei zum Beispiel.

Zwei Rollifahrer, zwei Arbeitswelten. Für einen Tag tauschten sie und andere die Plätze. Für beide Seiten waren die Einblicke in das Leben der anderen neu und aufregend. Der "Schichtwechsel" sollte aus Sicht von Werkstattleiter Steffen Helbig unbedingt wieder stattfinden, am besten jährlich und mit mehr beteiligten Werkstätten, auch in Sachsen. "Inklusion wird so für einen Tag greifbar."

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