Zwitschern Vögel erzgebirgisch?

Das Erzgebirge ist einzig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" und Erzgebirgsverein schauen dem Volk aufs Maul. Heute: Breitenbrunner Vereinsdomizil informiert über Handwerk des Vogelstellers.

Breitenbrunn.

Das Zwitschern der Vogelwelt und der Zungenschlag der Einheimischen gehörten im Erzgebirge durchaus eng zusammen. Neben Schnitzen und Klöppeln wurde einst auch vielerorts das Vogelstellen praktiziert. Indes erinnern heute eher noch Namensbezeichnungen wie Vogelherd und Vogelsberg oder auch Vogelweide an diese den Lebensalltag der Vorgängergenerationen mitbestimmende Tätigkeit. Im urigen Hexenhäuschen-Vereinsdomizil des Erzgebirgszweigvereins Breitenbrunn können sich aufgeschlossene Zeitgenossen in der speziell eingerichteten Dauerausstellung über das Handwerk des Vogelstellens in seinen zahlreichen Facetten informieren.

"Ob die gefiederten Sänger selbst in Erzgebirgisch trällern, kann ich nicht sagen, aber sprachliche Eigenheiten haben sich über die Jahrhunderte bei den Einheimischen und ihrem Dialekt, der sich zu dem im Norden unterscheidet, ausgeprägt", sagt Klaus Franke, der rührige, Muttersprache sprechende Vereinschef schmunzelnd.

Und er verweist stellvertretend auf einen Fachmann, der den gefiederten Gesellen und ihrer Sangesfreude nach ausgiebigen Beobachtungen seine Referenz erwies: "Zessig, Hanftlich, Grünerts, Stielitz, allerhand Vögele wonnerschie, singe tausend schiene Liedle, baue dort drubn ihr Nastel hi", heißt es in der von Anton Günther geschaffenen Melodie "Wu de Wälder haamlich rauschen". Der von den Einheimischen so geschätzte Autor und Sänger sei ein aufmerksamer Beobachter der Natur und des Miteinanders von Mensch und Tier gewesen.

"Nicht nur das Vogelstellen ist längst passé. Auch die mundartlichen Begriffe, die Vögel zu bezeichnen, wie die der Gerätschaften und Techniken, geraten langsam in Vergessenheit. Aus eigenem Erleben merke ich, dass Bezeichnungen wie Ziemer, Krammetsvogel, Zätscher, Amsch und Stielitz eher Verwunderung auslösen", so Klaus Franke. Der nennt Berichte von Chronisten, dass im 12. Jahrhundert ostfränkische und thüringische Siedler auch den Brauch der Vogelhaltung mit ins Erzgebirge gebracht haben. Die Vogelliebhaberei prägte sich aus, war zunächst in Klöstern und an Höfen angesagt. Amsel, Buchfinken, Gimpel wurden gezüchtet und abgerichtet. "Indes war der Vogelfang seinerzeit zuallererst Nahrungsbeschaffung, da die Jagd auf größere Wildtiere streng verboten war. Feudalherren hielten sich gleich mehrere Vogelfänger, Bauern durften allenfalls auf denen ihnen zugewiesenen Bodenflächen den Vögeln nachjagen."

Der Breitenbrunner hat eine Vielzahl an Zeitdokumenten gesammelt, die aus der wechselvollen Geschichte berichten. "Die Vogelstellerei, so kontrovers sie noch heute diskutiert wird, hatte auch einen kulturellen Aspekt. Man bedenke, dass die gefiederten Sänger seinerzeit Unterhaltungswert für die Menschen hatten, etwas Freude und Abwechslung brachten. Die Vogelfänger fühlten sich durchaus für die Natur verantwortlich. Es ging nicht allein um die Jagd."

Der Erzgebirger verweist ebenso auf überlieferte Eigenheiten und den Aberglauben, die die Ahnen mit den jeweiligen Vogelarten verbanden. Der Fichtenkreuzschnabel etwa galt bei Waldarbeitern, Flößern und Köhlern als Favorit, auch bei den Hammerschmiedearbeitern. "Wu Krienertse an der Hitt hinge, do gobs Hammerschmied", heißt es in einer Weise. Der Vogel, im Käfig über der Haustür hängend, verkörperte im Marienberger Raum Glück bringen. In Thum bedeutete es Unglück, ihm einen anderen Platz zuzuweisen. In Rittersgrün, Breitenbrunn und Geyer galt er als Schutzmittel gegen Blitzschlag. Gegen Krämpfe stellte man den Käfig unters Bett.

Spielzeugmacher, Holzschleifer und Papiermacher, etwa in Seiffen, Olbernhau und Grünhainichen galten nicht minder als gewiefte Vogelsteller. Die Strumpfwirker in der Zschopauer und Stollberger Region zeigten laut Berichten wiederum ihre Vorliebe für Hänflinge, die Weber in Oederan gaben Zeisig und Stieglitz den Vorrang. Eine Überlieferung von 1809 nennt für Schönheide die Feld- und Heidelerchen als beliebt. Bei Müllern und Bäckern standen gefiederte Sänger aus der Gruppe der Insektenfresser auf der Beliebtheitsskala oben an, so Rotkehlchen oder Mönchsgrasmücke. Den Bergleuten in Annaberg, Marienberg und Freiberg sollen es farbenprächtige Gimpel angetan haben.

Vogelkenner Klaus Franke hebt hervor, dass mit der im Jahre 1864 in Globenstein/Rittersgrün begründeten Firma Carl Ludwig Flemming der europaweit, wenn nicht gar der weltgrößte Hersteller für Hartholzkäfige vor dem Ersten Weltkrieg im Erzgebirge ansässig war.


Machen Sie sich einen Reim auf Orte ... und einen Kopf um Worte

Diese Neuauflage der Suche nach dem erzgebirgischen Wort, gemeinsam organisiert von "Freie Presse" und Erzgebirgsverein, hat es in sich: Dieses Mal geht es nicht allein um einfache Worte, sondern auch um Reime und einen Song.

Wie immer gesucht: Ihr Lieblingswort in Mundart, diesmal zum Thema Hobby & Freizeit. Zudem gesucht: Strophen für einen neuen Erzgebirgssong. Es könnte das Lied des Jahres werden - wenn Sie, Ihrer Reim-Ader Zucker geben: für eine Hommage auf Ihren Wohn- oder Lieblingsort im Erzgebirge. Musiker Hendrik Seibt hat bereits die Melodie komponiert und einen Beispiel-Reim gemacht - auf seinen Heimatort Gelenau:

Zwischen Annabarch un Chams, do liecht a Ort mit Sonnenglanz!

Dieser Ort is werklich schie,

ne klare Dorfbooch, Walder grie!

Dieser Ort ist ellenlang,

de Gälner zieh nan änem Strang!

Uhm fällst de hie, es Bäh kaputt, in Niedergäln bist Du schu tud!

Nun ist es an Ihnen! Bringen Sie Ihren Wohn- oder Lieblingsort humorvoll in ebenso lange acht sich reimenden Zeilenin erzgebirgischer Mundart. Eine Jury wird die schönsten auswählen.Ihren Achtzeiler senden Sie an: Freie Presse, Markt 8 in 09456 Annaberg-Buchholz oder per E-Mail an: red.aue@freiepresse.de

Alle bisherigen Einsendungen finden Sie unter: www.freiepresse.de/mundart

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