Als 20.000 Leute in Aue auf die Straße gingen

Der Fall der Mauer jährt sich am Samstag zum 30. Mal. "Freie Presse" und "Solinger Tageblatt" blicken anlässlich der Städtepartnerschaft zwischen Aue und Solingen in zwei Sonderseiten auf die Ereignisse von damals zurück - in Ost und West.

Aue.

Heiß waren sie in den Zeiten der friedlichen Revolution auf die deutschsprachige Ausgabe des Nachrichtenmagazins Sputnik. Die Brigade von Heinz-Günter Kraus im Volkseigenen Betrieb (VEB) Halbzeugwerk Auerhammer hatte ein Abonnement des Heftchens, das die sowjetische Nachrichtenagentur Nowosti herausgab. Als Ende 1988 der Sputnik nicht mehr in den Auslagen der Zeitungskioske zu finden war, konnten Kraus und seine Kollegen aber noch immer darin blättern und lesen. Denn die Abonnenten erhielten die Zeitschrift weiterhin. Und so rückten Michail Gorbatschows Gedanken und kritische Analysen auch im Erzgebirge ins Bewusstsein der Menschen.

Auch wenn Kraus - bekannt als späterer Landrat des Altlandkreises Aue - nicht zu den Demo-Organisatoren gehörte, so war er doch sehr interessiert an all dem, was zu dieser Zeit in seiner Region geschah. Am 23. Oktober gab es eine erste Demo mit 1500 Teilnehmern in Aue. Am 30.Oktober 1989 fanden sich bereits 8000 Menschen zusammen, und am 6. November waren es 20.000. "Da war der Treffpunkt an der Friedenskirche, und vom Pfarrweg aus gab es eine Möglichkeit zur Bahnhofsbrücke zu schauen, und da sah man schon die Menschenmassen", erinnert sich Kraus, der sich Sorgen um die Stimmung machte. "Sie hätte auch kippen können."

Nicht vergessen wird er die Mitglieder des Neuen Forums, die Armbinden trugen, auf denen stand: keine Gewalt. An jenem 6. November habe es wie aus Kannen geschüttet. Deshalb habe es ein Meer von Regenschirmen gegeben, darunter trugen alle handelsübliche Haushaltskerzen, die sich meist in einem selbst gebastelten Tropfschutz befanden.

"Die Polizei war immer sehr kooperativ", erinnert sich Kraus. Als der Demonstrationszug am Polizeigebäude vorbeilief, entdeckten die Teilnehmer in einem Fenster das Symbol ihres Zuges - eine brennende Kerze. "Die hatte ein Polizist ins Fenster gestellt. Dafür gab es spontanen Beifall." Von Jung bis Alt - an dem Zug beteiligten sich fast alle Generationen. Dass Kinder mit dabei waren, daran könne er sich nicht erinnern, aber vom Jugendlichen bis zum Senior sei damals alles vertreten gewesen.

"Gerade bei den ersten beiden Veranstaltungen, die noch an der Nicolaikirche begonnen haben, ertönten immer wieder die Rufe: ,Reiht Euch ein!' oder auch: ,Schließt euch an!'", schildert Kraus. Denn an den Straßenrändern standen viele Schaulustige.

Als fast schon mystischen Moment schildert Heinz-Günter Kraus den Moment, als er in der Friedenskirche fast am selben Ort, an dem er 1961 als junger Bursche vom Bau der Mauer erfahren hatte, gesagt bekam, dass die Mauer offen sei. "Das war schon komisch", so Kraus. Sehr schnell beschloss er nach dem Mauerfall, politische Verantwortung zu übernehmen. Zur Weihnachtsfeier 1989 sei er von einem Kollegen der CDU darauf angesprochen worden, dass in Aue ein neuer Bürgermeister gebraucht werde. Als es am 18.März 1990 die ersten freien Wahlen in der DDR gab, stand er auf dem Wahlzettel als Kandidat für den Kreistag.

"Die Wahlbeteiligung war wahnsinnig hoch, denn jeder wusste, dass es um wichtige Entscheidungen geht", erinnert sich Kraus. Während die DSU und die CDU für die schnellstmögliche Wiedervereinigung standen, suchte das Bündnis 90 eher einen eigenen Weg der DDR.

Vom Kreistag wurde Kraus schließlich zum Landrat gewählt; bis 1994 lenkte er die Geschicke im damaligen Landkreis Aue. "Ich bin da so reingewachsen. Es war nicht ungewöhnlich, plötzlich Verantwortung zu haben." Verschiedene Partnerschaften zu Kommunen und Landkreisen im damaligen Westen halfen, sich zurechtzufinden. Zudem gab es ganz praktische Hilfe. "Die Sparkasse Aue bekam zum Beispiel aus Solingen die ersten Kopierer", so Kraus. Dass man solche Partnerschaften nicht krampfhaft am Leben erhalten konnte, sondern dass sie wieder einschliefen, als sie nicht mehr notwendig waren, kann er durchaus verstehen. "Umso schöner ist es, dass die Stadt Aue bis heute gute Kontakte nach Solingen pflegt", sagt Kraus. Im nächsten Jahr feiert die Partnerschaft den 30. Geburtstag. 1990 war das Bündnis zwischen Aue und Solingen einst geschlossen worden. Um Mitternacht des 3. Oktober hatten die Stadtoberhäupter gemeinsam am Eingang des Stadtgartens eine Linde als Symbol für das Wachsen und Gedeihen der Einheit gepflanzt.

Zum 20.Jahrestag des Mauerfalls hatte Heinz-Günter Kraus eine Broschüre über die Ereignisse zur Wendezeit im Raum Aue-Schwarzenberg herausgegeben. Für diese Dokumentation recherchierte er und führte Interviews. Fast ein weiteres Jahrzehnt später ärgert ihn heute der rohe, oft hasserfüllte Umgang im Internet. Zudem verstehe er die negativen Einstellungen vieler Leute nicht. "Die Demokratie hält aber sicher noch einiges aus", ist der ehemalige Landrat überzeugt. Sein Rat für die nächsten 30 Jahre lautet: "Wir sollten uns engagieren und diskutieren. Davon halte ich viel."

Einheit unvollendet

Die Städtepartnerschaft mit Solingen (Nordrhein-Westfalen) ist eine gelebte Freundschaft, deren Jubiläum eng mit der Deutschen Einheit verbunden ist. Als die Mauer 1989 gefallen war, wurde dieser historische Augenblick zur Geburtsstunde ganz neuer Verbindungen und Freundschaften. In den Anfangsjahren war die Partnerstadt den Auern beim Aufbau der Verwaltung behilflich; Angestellte im Rathaus konnten beispielsweise ihren Verwaltungsabschluss nachholen.

Leider ist die deutsche Einheit nach 30 Jahren Mauerfall noch nicht vollendet. Die Wahlergebnisse zeigen, dass Unterschiede bei der Bewertung in vielen Fällen eine Rolle spielen, wie hinsichtlich der Migration und deren Relevanz. In den neuen Bundesländern gibt es viele Menschen, die das subjektive Gefühl haben, um ihr eigenes Leben und ihre Leistungen durch den Westen zum Teil betrogen worden zu sein, obwohl die Lebensqualität messbar gestiegen ist. Auch im umgekehrten Fall ist es vielen Bewohnern der Altbundesländer nicht bewusst, dass beispielsweise der Solidaritätsbeitrag von Ost und West gleichermaßen gezahlt werden muss und es keinesfalls so ist, dass die alten Bundesländer die neuen mit ihren Beiträgen subventionieren. Auch bei der Angleichung der Renten und Löhne gibt es Annäherungsbedarf.

Die Idee der Städtepartnerschaft entstand hauptsächlich in den 1950er Jahren zur Aussöhnung mit Frankreich und den Niederlanden. Menschen zusammenzuführen, funktioniert nicht nur bei unterschiedlichen Nationalitäten, sondern auch bei den innerdeutschen Städtepartnerschaften, die bis zur Vollendung der Einheit ihre besondere Bedeutung haben.

Wie viel von der Euphorie der Anfangsjahre geblieben ist und wie viel Distanz zwischen Menschen aus Ost und West noch da ist, ist sicherlich von Fall zu Fall verschieden. Was Solingen betrifft, so kann ich jedoch sagen, dass diese Partnerschaft mit Aue eine Freundschaft ist, die sicher in Zukunft Bestand hat.

Drillinge aus der Region zieht es in die Ferne

Familie kann eine etwas andere deutsch-deutsche Geschichte erzählen

Claudia Rieckert, Cornelia Hänisch und Corinna Schlupp sind in Aue als Drillinge geboren worden. Allein das ist nicht alltäglich. Doch die heute 44-Jährigen haben auch darüber hinaus eine spannende Lebensgeschichte, denn alle drei lebten viele Jahre lang in Solingen, in der Partnerstadt von Aue. Zwei der Mädchen hatte es nach der Wende auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz dorthin verschlagen. "Eigentlich sollten die beiden nach ihrer Ausbildung auch wieder kommen", erinnert sich Vater Horst Gerstner. Doch dieser Plan ging nicht auf. Die zwei fühlten sich wohl, fanden dort neue Freunde und auch die große Liebe.

1996, als die Dritte im Bunde in Aue als Erzieherin keinen neuen Job fand, zog sie den beiden Schwestern hinterher. Auch sie wurde in Solingen glücklich und fand in einem Heim für schwererziehbare Kinder einen Job und letztendlich bis heute ihre Berufung. Claudia ist erst in diesem Jahr von Solingen nach Wuppertal aufgrund ihrer Heirat gezogen. Der Kontakt in die Heimat ist aber nicht abgerissen. "Wir telefonieren jeden Tag miteinander", so die Eltern.

Nur die 580 Kilometer zwischen Aue und Solingen lassen sich so schnell nicht überwinden. "Claudia und Cornelia kommen drei bis viermal im Jahr zu uns. Corinna zweimal im Jahr", erzählt Heidemarie Gerstner. Ein Nachzug nach Solingen sei aber nie infrage gekommen. "So schön wie bei uns ist es nirgendwo. Auch die Mädchen hatten immer Tränen in den Augen, wenn sie über den Brünlasberg nach Aue kamen", erzählt der stolze Vater. "Ich bin froh, dass wir nur Mädels haben. Es ist ein Ineinandergreifen bei uns", so Horst Gerstner. Und auch wenn sie ihre Töchter nicht bei sich haben, sind die Gerstners froh: "Sie hat es nicht in alle Himmelsrichtungen verschlagen, sondern die Drei wohnen dicht beieinander."

Sie ist Auswanderin und Rückkehrerin in einem

Kurz nach der Wende gingen 17 junge Leute aus dem Erzgebirge für ihre Ausbildung nach Solingen. Ina Emmrich aus Aue war eine von ihnen. Wie sie heute über Ost und West denkt.

Bedenken hatte Ina Emmrich nicht, als sie kurz nach der Wende mit 19 Jahren die Entscheidung traf, zu gehen. "Im Gegenteil: Ich dachte, gut, das probierst du jetzt aus", erzählt sie.

Gemeinsam mit 16 weiteren jungen Leuten verließ die Auerin zwischen den Jahren 1990 und 1991 das Erzgebirge und ging nach Solingen in Nordrhein-Westfalen. "Die Leute kamen etwa aus Schneeberg, Sosa und Lauter." Im Westen machten die meisten in der Solinger Stadtverwaltung ihre Ausbildung. "Ich habe Zweieinhalbjahre als Verwaltungsfachangestellte gelernt", sagt sie.

Von Ost nach West - ein Schritt, den Ina Emmrich bis heute nicht bereut. "Wir sind gut integriert worden. Es gab viele Fragen, etwa wie es bei uns gelaufen ist. Die Leute waren interessiert und hatten uns gegenüber keine Vorurteile." Möglich machte den Austausch damals ein neues Ausbildungsprojekt, das im Zuge der 1990 geschlossenen Städtepartnerschaft zwischen Aue und Solingen aufgelegt wurde.

Ina Emmrich stand nach der Wende selbst vor einem abrupten Wechsel in ihrem Arbeitsleben. Die Handelsorganisation, für die sie in der Auer Verkaufsstelle als Gebrauchswerberin und Schaufensterdekorateurin gearbeitete hatte, löste sich auf. Was tun? "Damals las ich in der Zeitung von dem Ausbildungsprojekt in Solingen." Nach einem Vorgespräch direkt in Aue startete ihre Reise.

"Es sind zwei Welten gewesen", beschreibt sie ihre ersten Eindrücke. "Die Größe der Stadt war beeindruckend. Und es gab in Solingen viele ausländische Bewohner. Das kannte ich damals so gar nicht."

Etwa die Hälfte der jungen Erzgebirger sei nach der Ausbildung im Westen geblieben. "Dort entstanden Partnerschaften neu", sagt die Auerin. Die andere Hälfte ging zurück, darunter auch Ina Emmrich, die im Anschluss bei der Auer Stadtverwaltung anheuerte. "Ich hatte hier meinen Freund und meine Familie", erklärt sie.

Mittlerweile arbeitet sie seit über 25 Jahren im Rathaus, ist im Ordnungsamt für den Bereich Untere Straßenverkehrsbehörde zuständig. Dort stellt sie Sondernutzungsgenehmigungen aus, die es beispielsweise braucht, wenn man Plakate im Stadtgebiet aufhängen oder Baugerüste aufbauen will. Sie sagt: "Ich lebe für meine Stadt."

Den Kontakt nach Solingen pflegt die Auerin heute nur noch sporadisch. Ost und West - gut 30Jahre nach dem Mauerfall spielten diese Begriffe in ihrem Leben keine große Rolle mehr. Ina Emmrich sagt aber auch: Die neuen Bundesländer hätten beim Lebensstandard stark aufgeholt. "Wir können heute gut mithalten." (juerf)

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