Auch die Lößnitzer Linke will das Glockenspiel erhalten

Mitglieder des Ortsverbandes wehren sich gegen den Vorwurf, man hetze gegen das Carillon. Am Dienstag gibt es eine Diskussion über die Zukunft der Bronzeglocken.

Lößnitz.

Der langjährige Stadtrat der Lößnitzer Linken, Klaus Kaufmann (67), erinnert sich daran, wie er verwundert reagierte, als er hörte, dass auf dem bekannten Bronzeglockenspiel der Muhme irgendwelche belasteten Zeichen drauf seien. "Ich habe gefragt: Sieht man es, und mit welcher Farbe wurde das gemacht?", sagt er. "Ich war 20 Jahre lang Stadtrat, wusste aber nicht, dass es um eingegossene Nazi-Symbole geht."

Vier der 23 Glocken des Carillons tragen Hakenkreuze und Inschriften, die Adolf Hitler verherrlichen. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BDA) hat deshalb die Stadt Lößnitz aufgefordert, das Läuten der Glocken zu unterlassen. Seitdem steht die Frage im Raum, wie es weitergeht. Die Meinungs-Extreme reichen vom Weitermachen-wie-bisher bis zum Komplettersatz des denkmalgeschützten Instruments.

Klaus Kaufmann wirft der Stadtverwaltung vor, dass sie die Symbole auf den Bronzeglocken nie thematisiert habe. So wie er hätten die meisten Lößnitzer nichts davon gewusst. "Am meisten empört mich dieses Stillhalten und Augenverschließen", sagt er. "Beim Weltglockengeläut 2012 erklangen unsere Glocken gemeinsam mit denen der Jerusalemer Himmelfahrtskirche. Spätestens da hätte man sagen müssen: Stopp, das geht nicht, unsere Glocken huldigen einem Mann, der Millionen Juden auf dem Gewissen hat. Stattdessen haben wir uns feiern lassen."

Wegen solcher Äußerungen und weil die Forderung nach Stilllegung des Carillons von einer linken Organisation kommt, gelten die Linken in Lößnitz in der öffentlichen Wahrnehmung als Bilderstürmer, die das älteste vollständig erhaltene Bronzeglockenspiel beseitigen wollen. Zuletzt wurde das auf einem Flugblatt thematisiert, das Stadtrat Matthias Henke (parteilos/Mandat AfD) tausendfach verteilte. Zwei satirische Grafiken eines dem VVN-BDA nahestehenden Autoren, die Lößnitz in die rechte Ecke stellen, wurden dort der örtlichen Linken zugeordnet. Man stehe als Hetzer gegen das Glockenspiel da, sagt Frank Dittrich (33), der bei der jüngsten Kommunalwahl als Stadtrat für die Linke kandidiert hat. "Man kriegt ja mit, wie über einen geredet wird. Man wird gefühlt schuldig gesprochen."

Nikolai Hager (32), Vorsitzender des Ortsvereins der Linken, erklärt: "Wir hetzen nicht. Wir sind nicht gegen das Glockenspiel. Mir war von Anfang an klar, dass das ein Thema ist, das wir Lößnitzer gemeinsam bewältigen müssen. Ich habe mit allen Akteuren kooperiert. Wir haben eine sachliche Forderung an die Stadtverwaltung gestellt: Bitte macht deutlich, dass ihr das Problem erkannt habt und langfristig den Umgang mit den Glocken ändert."

In einem Positionspapier des Ortsvorstandes von Anfang August ist festgehalten, was die Linke will. Zusammengefasst läuft es darauf hinaus, die vier belasteten Glocken durch Kopien zu ersetzen. Des weiteren sollen die Glocken zu einem Mahnmal aufgewertet werden.

Bereits im Juli hatte die linke Ratsfraktion Bürgermeister Alexander Troll (CDU) ihre Auffassung mitgeteilt: Das Glockenspiel soll erhalten, aber als Mahnmal ausgewiesen werden. Vom Austausch einzelner Glocken war hier keine Rede. "Die Stellungnahme unseres Ortsverbandes reicht weiter, aber das ist das, was wir für politisch durchsetzbar halten", sagt Klaus Kaufmann.

In einer öffentlichen Podiumsdiskussion geht es am Mittwochabend um die Zukunft des Glockenspiels. Bürgermeister Troll will dort eingangs über den aktuellen Wissenstand informieren. Infrage steht unter anderem die Nähe der Glockenstifterin Clara Pfauter, die Ehrenbürgerin von Lößnitz ist, zum NS-Regime.

Für Frank Dittrich und Nikolai Hager, die in mehreren Archiven recherchiert haben, ist diese Nähe freilich nicht mehr von der Hand zu weisen: "Für Frau Pfauter war das Glockenspiel nicht nur ein Instrument, sondern ein Mittel der Propaganda. Sie wollte eine Stärkung der Volksgemeinschaft. Das steht sogar in der Stiftungsurkunde. Da kann man nicht mit den Fingern schnippen und sagen, diese Glocken stehen für Frieden und Freiheit."

Die Diskussion findet am heutigen Dienstag, 19 Uhr in der Erzgebirgshalle Lößnitz statt. Mit dabei sind der Vorsitzende des Vereins Bronzeglockenspiel Frank Rother, Pfarrer Raphael Weiß, der frühere Kantor Jens Staude, Bürgermeister Alexander Troll und Glockensachverständiger Gerd Schlesinger.

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