Auer Chefarzt: "Die Impfquote im Erzgebirgskreis ist erbärmlich"

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Der Chefarzt für Innere Medizin am Klinikum zeichnet ein dramatisches Bild von seiner Klinik.

Aue-Bad Schlema.

Es ist ein dramatisches Bild, das Dr. Thomas Ketteler von seiner Klinik zeichnet: "Unser Personal ist körperlich und psychisch an seinen Grenzen angelangt, Mitarbeiter*innen reduzieren ihre Arbeitszeit oder quittieren den Dienst. Wir haben bereits wieder Stationen geschlossen, um das verbleibende Personal auf die Isolierstationen zu verteilen. Das bedeutet erneut, dass Patienten auf ihre Behandlung warten müssen, weil Operationssäle geschlossen und ihre Eingriffe verschoben werden müssen." Thomas Ketteler ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Helios-Klinikum Aue. Mit einem offenen Brief, datiert vom 16. November, hat sich der Mediziner an den Landrat des Erzgebirgskreises sowie an die Oberbürgermeister und Bürgermeister gewandt. Er ist mit einem Wort - "Klartext" - überschrieben. Das Schreiben wurde am Donnerstag öffentlich gemacht.

Der Brief des Mediziners ist ein Appell, die Impfkampagne aktiv zu unterstützen und die Einhaltung der AHA-Regeln im öffentlichen Leben zu kontrollieren. Intensivmediziner, auch am Helios-Klinikum Aue, hätten immer wieder auf die steigenden Patientenzahlen, schweren Verläufe auf der Intensivstation und Todesfälle aufmerksam gemacht.Der Auer Chefarzt verweist auf die Situation im Erzgebirgskreis. Die Impfquote liege im Landkreis bei "erbärmlichen" 45 Prozent. Die AHA-Regeln würden im Alltag kaum eingehalten und so gut wie gar nicht kontrolliert. "Dabei gibt es im Erzgebirge anscheinend keinen Mund-Nasen-Schutz, denn wenn überhaupt getragen, dann guckt der Riechkolben meistens raus", wird der Chefarzt drastisch. Die Kommunalpolitiker müssten sich fragen, ob sie entschieden genug gehandelt haben, um diese Entwicklung zu verhindern. Ketteler stellt die Frage, ob es "tatsächlich vernünftig ist, in diesem Advent an Weihnachtsmärkten und weihnachtlich geschmückten Einkaufspassagen beziehungsweise Einkaufscentern festzuhalten. "Ich bezweifle, dass Hygienekonzepte mit Flaniermeilen und Verweilzonen realistisch sind." Er schreibt: "Am Ende werden Sie und wir die moralische Verantwortung für die gesundheitlichen Folgen dieser Pandemie im Erzgebirge tragen."

Bislang reagierte Landrat Frank Vogel (CDU) auf den Brief des Auer Chefarztes soweit, dass er die Pressestelle des Landratsamtes prompt beauftragte, diesen als Pressemitteilung an die "Freie Presse" weiterzuleiten. Auch nach Nachfrage blieb es bei seinem Satz, dass der Landrat sich dem Appell anschließe. Er werbe dafür, die Impfkampagne weiter aktiv zu unterstützen. An wen genau er sich richtet, blieb unbenannt. Ketteler und Vogel hätten sich darauf verständigt, "dass der Wortlaut allen im Erzgebirgskreis zur Kenntnis gelangen soll".

Zum offenen Brief von Dr. Thomas Ketteler vom Helios-Klinikum Aue äußerte sich dagegen die Krankenhausleitung des Erzgebirgsklinikums. Man unterstütze die Impfkampagne gegen das Coronavirus mit Nachdruck - insbesondere vor dem Hintergrund der dramatischen Situation in den Krankenhäusern der Region, auf die der offene Brief nochmals deutlich aufmerksam mache, hieß es aus der Kreisstadt: "Nur das Impfen sowie das strikte und konsequente Einhalten der gesetzlich vorgegebenen Schutzmaßnahmen bieten eine Möglichkeit, um die Pandemie und die aktuelle Notsituation gemeinsam bewältigen zu können."

Einen weiteren Brief an den Landrat gibt es von Linken-Kreisrätin Karoline Loth. Die Thalheimerin bezieht sich dabei auf Erik Bodendiecks Vorschlag. Der Chef der Sächsischen Landesärztekammer hatte vorgetragen, dass wegen "aktuellen flächendeckenden pandemischen Lage im Freistaat" ein Katastrophenalarm die Lösung sei, um handeln zu können. In Sachsen liegt eine solche Entscheidung aber auf Kreisebene. Deshalb fragte Loth, ob der Landkreis die Einschätzung Bodendiecks teile und es Überlegungen gebe, den Katastrophenfall festzustellen. Bezugnehmend auf den offenen Brief aus Aue erklärte die Kreisrätin, dass sie hoffe, dass diese eindringlichen Zeilen des Mediziners ihre Wirkung nicht verfehlen.

Im Helios-Klinikum Aue werden laut eigener Statistik 47 Patienten mit Covid-19 auf Normalstation behandelt, 17 auf der Intensivstation. Die Lage in den vier Häusern des Erzgebirgsklinikums sei extrem angespannt, heißt es von der Geschäftsführung auf Anfrage. Die Anzahl der Covid-19-Patienten auf den Normalstationen habe in den vergangenen Tagen weiter zugenommen. Die für sie zur Verfügung stehenden Intensivbetten seien in allen Häusern belegt. Verlegungen im Cluster Chemnitz seien kaum möglich. Lediglich in Einzelfällen bei Patienten, die eine ECMO-Therapie (künstliche Lunge) benötigen, kann eine Verlegung in andere Häuser erfolgen.

Um die Situation weiter bewältigen zu können, soll die Unterstützung seitens der Bundeswehr ausgeweitet werden. Es sind derzeit 22 Bundeswehrsoldaten im Einsatz, weitere acht Soldaten wurden angefordert. Die Booster-Impfungen für das Personal sind in dieser Woche im Haus Annaberg angelaufen und für nächste Woche in den anderen drei Häusern geplant. Das Impfangebot sei von den Mitarbeitern gut angenommen worden und soll auch über diese ersten Termine hinaus weiter bestehen bleiben.

Ein regelmäßiges Impfangebot für die Öffentlichkeit, jeweils einmal wöchentlich ohne Terminvergabe, wird es im Haus Annaberg ab 26. November geben, für die anderen Häuser ist dies nach Genehmigung ab Kalenderwoche 48 ebenfalls vorgesehen.

Der offene Brief des Auer Chefarztes 

Anfragen der Thalheimer Linken- Kreisrätin zur Ausrufung des Katastrophenfalls durch den Landkreis

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