Auer Firma entwickelt Kühlturm gegen Bakterien-Attacken

Fast zehn Jahre ist es her, dass ein rätselhafter Legionellen-Ausbruch in Ulm Tote forderte. Heute sind die Ursachen bekannt. Die Multi Kühlsysteme GmbH arbeitet daran, die Anlagensicherheit zu erhöhen.

Aue.

Es gibt wirklich seltsame Feiertage auf der Welt. Heute beispielsweise ist der Internationale Lies-ein-eBook-Tag, am 8. September der Internationale Tag der Vergebung und am 28. September der Tag des deutschen Butterbrotes. Da scheint sich der Auer Kühlturmtag, den die Multi Kühlsysteme GmbH heute auf ihrem Betriebsgelände im Ortsteil Neudörfel veranstaltet, nahtlos einzufügen. Reichlich 20 Vertreter von Unternehmen und Gesundheitsbehörden werden erwartet, und weitere Kühlturmtage sind fest eingeplant, sagt Geschäftsführerin Kathleen Schremmer-Torresi (40).

Der Hintergrund freilich ist nicht mit einem Augenzwinkern verbunden, sondern ernst. Todernst sogar. Es geht um die Verhinderung von Legionelleninfektionen, die von Industrieanlagen unter der Bevölkerung verbreitet werden können. "Im Winter 2010 war das in Ulm der Fall", sagt Kathleen Schremmer-Torresi. "Im Sommer 2013 folgte ein weiterer Ausbruch in Warstein."

In Ulm war es der Kühlturm eines Telekom-Gebäudes, der die gefährlichen Bakterien über die Stadt verteilte, in Warstein der Kühlturm eines Rohrleitungsbauers. Die über die Lüftungsschlitze in die Luft gelangten Bakterien verursachten schwere Lungenentzündungen. In Ulm wurden laut Zeitungsberichten 65 Menschen mit der sogenannten Legionärskrankheit infiziert, fünf von ihnen starben. In Warstein waren 165 Patienten betroffen, drei überlebten es nicht.

"Das warme Wasser, das in den Türmen heruntergekühlt werden soll, hat die ideale Temperatur für Mikroorganismen", sagt Thomas Spaller, der Leiter des Anlagenservices bei Multi Kühlsysteme. "Durch die Ventilatoren in den Anlagen werden sie mit der Luft verwirbelt und gelangen ins Freie."

Spaller ist kein Ingenieur, sondern Doktor der Biologie. Er wurde von der Auer Firma vor einem Jahr für die Bearbeitung des Legionellen-Problems eingestellt. Seit Sommer 2017 gelten für das Betreiben von Kühltürmen strengere Regeln als vor Ulm und Warstein. Die Auer haben sich seitdem ein weiteres Standbein geschaffen, indem sie ihren Kunden bei der biologischen Kontrolle und Wartung ihrer Kühltürme helfen. Fünf Mitarbeiter wurden ausgebildet, um Wasserproben nehmen und untersuchen zu dürfen. Pro Quartal nehmen sie 40 Proben.

Spaller selbst hat 50 Gefährdungsanalysen an Kühltürmen vorgenommen. Dabei werden Bereiche aufgespürt, in denen sich Legionellen einnisten können. "Auch in unserer Region haben wir Kühltürme gefunden, bei denen nachgerüstet werden muss", sagt Geschäftsführerin Schremmer-Torresi.

Beim heutigen Kühlturmtag sollen die Teilnehmer erfahren, worauf sie beim Betreiben solcher Anlagen achten müssen, um Legionellen zu vermeiden. Die Auer Kühlsystemebauer zeigen ihren Besuchern dabei auch den Prototypen eines neuen Kühlturms, der es Bakterien von vornherein schwer machen soll. Neben der stets notwendigen Behandlung mit keimtötenden Chemikalien besitzt der Turm spezielle konstruktive Eigenschaften.

Zum einen besteht er komplett aus Edelstahl. "Dessen sehr glatte Oberfläche widersteht Bakterienanhaftungen sehr gut", sagt Produktionsleiter Stefan Polster (37). Der Turm ist so gebaut, dass sich im Innern nirgendwo Wasser sammelt, in dem sich Legionellen vermehren könnten. Eine schiefe Ebene sorgt dafür, dass Wasser auch bei Stillstand abfließt. Spezielle Jalousien verhindern eine direkte Sonneneinstrahlung auf das Wasserreservoir.


Die Firma im Überblick

Die Multi Kühlsysteme GmbH Aue gibt es seit 20 Jahren. Die mittelständische Firma betrachtet sich als Familienunternehmen. Sie beschäftigt 30 Mitarbeiter, darunter 4 Azubis.

Kühlanlagen der Auer stehen heute in 60 Ländern der Erde. Hauptkunden sind Maschinenbaubetriebe, deren Anlagen für den reibungslosen Betrieb gekühlt werden müssen. Die Maschinenbauer liefern beispielsweise eine große Presse, das dazugehörige Kühlsystem bauen die Auer.

Die meisten Anlagen der Multi Kühlsysteme GmbH sind Einzelanfertigungen. Nur Kühltürme werden in Serie gebaut. Kühlwasseranlagen machen 90 Prozent des Umsatzes aus. (mu)

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