Auer Zentrum zum Anfassen: Holzkünstler fertigt Stadtrelief

Mit einer Mini-Kettensäge hat Tobias Michael ein Blindentastmodell der Brückenstadt erstellt - im Maßstab 1:1620.

Aue-Bad Schlema.

Von der Rathaus-Ecke zur Roten Kirche und wieder zurück gen Kulturhaus und Carolateich. "Das fühlt sich gut an", sagt Kathrin Rudolph am gestrigen Dienstag, nachdem sie das Blindentastmodell des Auer Zentrums unter die Fingerspitzen genommen hatte. Rudolph, die seit ihrem 21. Lebensjahr blind ist, durfte das Werk von Holzbildhauer Tobias Michael als Erste testen. Der Lauterer hat es aus einem Eichenstamm geschnitzt.

Und viel geschwitzt. "Bearbeitet man Eiche hochkant, also das Hirnholz, ist es total hart. Das kostete viel Kraft", so Michael. Dafür dürfte das Modell - und das muss es ja auch - sehr widerstandsfähig sein.


Den Anfang machte der Künstler zum Auer Holzbildhauersymposium im vorigen Jahr. "Ich hatte eine Stele im Sinn, an der ich reliefartig markante Gebäude abbilden wollte." Die Regionalgruppe Aue-Schwarzenberg des Blinden- und Sehbehindertenverbands Sachsen wünschte sich aber ein Tastmodell. "Das ermöglicht uns am besten, uns im Kopf ein Bild zu machen", so Rudolph. Die 53-Jährige fuhr mit ihren Händen langsam über Straßen und Flussmulden, tastete Gebäude und Bauwerke ab. "Es muss durch das Gefühl an den Fingerspitzen räumlich vorstellbar werden."

Zum fertigen Modell wünscht sie sich nun nur noch eine Legende in Brailleschrift. "Gerade für Gäste, die die Stadt nicht kennen." Drei Wörter in Blindenschrift hat Michael schon angebracht. "Zentrum von Aue" steht fühlbar auf dem Werk.

40 Stunden beim Symposium und weitere 50 Stunden daheim hat der Lauterer in die Arbeit investiert. "Es war wirklich nicht leicht", gestand er. Das Ergebnis stimme ihn aber zufrieden. "Es ist gelungen", bestätigte auch Rudolph und hofft, dass die neue Stadt Aue-Bad Schlema mit dem Pfund wuchert. "Denn in der hiesigen Region gibt es außer in Marienberg keine solchen Hilfen", erklärt sie.

Optisch mutet das Modell hochwertig an, schimmert dank einer Lasur gold-bronzefarben. Ob der Zeller Berg und das neu hinzugewonnene Bad Schlema eine Option für eine Erweiterung sind? Der designierte OB Heinrich Kohl (CDU) ließ es offen: "Ausgeschlossen ist nichts."

Dabei ist der Maßstab ein besonderer: Zwischen Roter Kirche und Brücke - dem dargestellten Bereich - sind es 810 Meter. Auf dem Stamm mit 50 Zentimetern Durchmesser ergab sich daher ein Maßstab von 1:1620. Per Mini-Kettensäge arbeitete Michael die Strukturen heraus, stellte Rote Kirche und Friedenskirche sowie die Bahnhofsbrücke doppelt so groß dar. "Als Orientierungspunkte." Fluss- und Straßenmulden sind auch breiter. "Damit man mit den Fingern gut durchfahren kann."

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