Auf friedliche Revolution folgt Briefwechsel

Der Fall der Mauer jährt sich am heutigen Samstag zum 30. Mal. "Freie Presse" und "Solinger Tageblatt" blicken anlässlich der Städtepartnerschaft zwischen Aue und Solingen in einer zweiteiligen Serie auf die Ereignisse von damals zurück - in Ost und West.

Aue/Solingen.

Die Mauer war gerade erst zwei Wochen gefallen, da schrieb der damalige Solinger Oberbürgermeister Gerd Kaimer (gestorben im Dezember 2016) im November 1989 einen Brief nach Aue. Das Schreiben des Sozialdemokraten enthielt die vorsichtig formulierte Bitte um "partnerschaftliche Kontakte mit einer Stadt in der Deutschen Demokratischen Republik".

Diplomatisches Niveau zeichnete den Brief vom ersten bis zum letzten Absatz aus, erklärt Solingens Stadtsprecher Lutz Peters. Kaimer schrieb unter anderem: "Ich würde mich freuen, wenn der in Ihrem Lande untereinander aufgenommene Dialog auch seine Auswirkung auf eine Dialogbereitschaft über die Grenzen des Landes hinaus haben könnte. Ich möchte Sie also bitten, meine Anregung abzuwägen und sehe einer Nachricht aus Aue mit Interesse entgegen."

Es war nicht der erste Versuch der nordrhein-westfälischen Stadt, eine Städtepartnerschaft mit einer Kommune in der DDR aufzubauen. Mehrere Vorstöße waren an der "Ständigen Vertretung" der DDR in Bonn gescheitert. Diesmal sind die politischen Rahmenbedingungen günstiger. Erich Honecker war nicht mehr im Amt, die alten Strukturen lösten sich auf. "Wir haben den Fall der Mauer genutzt und zehn Städte in der DDR angeschrieben, die noch keine Partner im Westen hatten. Aber eigentlich wollte ich unbedingt Aue", erinnerte sich Kaimer später. Denn zu der Industrie- und Bergarbeiterstadt nahe der tschechischen Grenze hatten Solinger Fußballer schon lange Kontakte, die nie ganz abgerissen waren.

Außerdem war Aue für die große Besteckfabrik bekannt, wie Kaimer schildert: "Ich dachte, dort unten wird jeschlepen, hier wird jeschlepen." Das passt. Doch die Initiative mit dem Brief bringt noch nicht die erhoffte Resonanz. Aus Aue kommt erst einmal keine Antwort. Wie später bekannt wurde, hat der überraschende Brief aus Solingen zunächst für mehr Verunsicherung als Freude im Rathaus gesorgt. Es fehlen die klaren Direktiven der Partei für solche Ereignisse. Die Verantwortlichen vor Ort waren auf sich selbst gestellt. Wie wird der DDR-Staatsapparat reagieren, wenn eine Kreisstadt wie Aue mit damals rund 24.000 Einwohnern die ausgestreckte Hand einer westdeutschen Großstadt ergreift?

Kurz vor Weihnachten 1989 erreichte den Oberbürgermeister ein Anruf der Ärztin Dr. Brigitte Güttler. Die Radiologin am Auer Krankenhaus berichtet, der "Runde Tisch", dem sie angehöre, habe sich einstimmig für die Partnerschaft mit Solingen ausgesprochen. Nach den Feiertagen lag auch ein offizielles Schreiben der Stadt Aue vor, das von Bürgermeister Horst Uhlig unterschrieben war. Uhlig, der es vom Schlosser über den Chemieanlageningenieur zum Diplom-Staatswissenschaftler gebracht hat und seit Mai 1988 Verwaltungschef von Aue ist, schrieb: "Wir möchten Ihnen heute verbindlich erklären, dass wir an derartigen Kontakten, Verbindungen mehr als nur Interesse haben." Im Januar lud man mehrere Solinger nach Aue ein - der Beginn der Städtepartnerschaft. Eine Delegation aus Solingen begleitete nach dem Mauerfall sogar die Menschenmenge, die sich im Januar 1990 im frühen Dunkel eines Winterabends zu einer Demonstration auf den Weg gemacht hatte. Auch der Oberbürgermeister Gerd Kaimer wird um ein Grußwort gebeten, das dieser über die Lautsprecheranlage eines Volkspolizeifahrzeugs an die Menge richtet. Jahre später wird sich Gerd Kaimer an diesen Augenblick erinnern - und zwar als den "bewegendsten Moment" seiner Amtszeit.

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