Abo
Sie haben kein
gültiges Abo.
Schließen

Buchstabenchaos im Kopf - da fehlt und zählt jeder Schultag

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Kindern, die eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, in der Grundschule eine besondere Form der Förderung zu gewähren, das gibt es bislang nur in Sachsen. Doch es scheint, als habe der Freistaat in der Pandemie dieses hilfreiche Angebot vergessen.

Schwarzenberg/Schneeberg.

Es gibt Kinder wie Ferenc, denen es sehr schwer fällt, mit den 26 Grundbuchstaben des Alphabets, den drei Umlauten und dem Eszett (ß) zurecht zu kommen. Dieses Buchstabenchaos im Kopf der Kinder nennen Fachleute Lese-Rechtschreibschwäche, kurz LRS.

Sachsen ist bislang das einzige Bundesland, in dem es dafür eine spezielle Form der Förderung gibt: LRS-Klassen, in denen Pädagogen, die eigens dafür eine zweijährige Zusatzausbildung absolviert haben, diesen Kindern das Lesen und Schreiben mit einer besonderen Methodik nochmals vermitteln. Dafür wird die 3. Klasse für die Betroffenen auf zwei Schuljahre ausgedehnt. In den meisten Fällen genügt diese intensive Vermittlung, damit die Mädchen und Jungen danach wieder zurück an ihre bisherige Grundschule gehen und mit gefestigten Grundkenntnissen ihrer Muttersprache an den Schulalltag anknüpfen können.

Dass es diese LRS-Klassen im Freistaat gibt, darüber sind betroffene Eltern sehr froh. Im Altkreis Aue-Schwarzenberg sind das Klassen in Schwarzenberg-Sonnenleithe sowie an der Hans-Marchwitza-Schule in Schneeberg. Allerdings scheint es so, als sei dieses spezielle Angebot für Schüler in der Pandemie von Seiten der Politik völlig vergessen worden. Eltern von LRS-Kindern aus Schwarzenberg werfen zumindest jetzt diese Frage auf. So auch die Eltern von Ferenc. Für den Zehnjährigen sind die zwei Jahre Sonderförderung im Sommer vorbei. Zwei Jahre, in denen er aufholen sollte, aber coronabedingt kaum in die Schule durfte. "In Summe waren es fast 100 Tage Schulausfall", sagt Mutter Antje Höllering. Sie und mit ihr noch weitere Eltern machen sich große Sorgen, wie es für die Kinder der Klasse weitergeht. "Für uns zählt jeder Tag", sagt auch der Vater. Denn: Diese spezielle Form der Vermittlung sei im Homeschooling durch die Eltern definitiv nicht möglich. "In diesen Klassen sind ja nur 10 bis 12 Kinder, also wäre genügend Abstand möglich. Obwohl es eine Förderung ist, gilt LRS eben nicht als Förderschule", sagt die Mutter spürbar ratlos.

Noch immer liegt das Erzgebirge mit Inzidenzwerten über 200 bundesweit ganz vor. Erst bei einem Wert von 165 wäre Präsenzunterricht wieder möglich. "Seine Lehrerin bemüht sich zwar sehr, aber es braucht die direkte Vermittlung. Online ist das fast unmöglich", so der Vater. Hinzu käme, dass es von Lehrer zu Lehrer sehr unterschiedlich sei, was die Aufgaben und die Betreuung des Homeschoolings betrifft. "Englisch und Mathe findet so gut wie nicht mehr statt", beklagen die Eltern. Auch das Online-Portal Lernsax könne von diesen Kindern nur eingeschränkt genutzt werden. Vermittelt wird in LRS-Klassen die Buchstabenfolge beispielsweise mit Unterstützung der Lautgebärden, sagt eine Frau, die diese Spezialausbildung absolviert hat. Sie selbst arbeitet seit Jahren an einer solchen Stützpunktschule und weiß, was der massive Unterrichtsausfall für die betroffenen Kinder bedeutet.

Aus der Bildungsagentur in Chemnitz heißt es auf Anfrage der "Freien Presse": "Das Problem ist im Fachreferat bekannt, aber LRS zählt nicht als Förderschule und somit gilt die Sächsische Corona-Schutzverordnung", so ein Sprecher. Doch er rät, dass Eltern das Gespräch mit der jeweiligen Schulleitung suchen sollen, um Einzelfalllösungen zu finden. Auf die Frage, ob es angesichts der Vielzahl der pandemiebedingten "Fehltage" für die Kinder möglich sei, das Schuljahr zu wiederholen, heißt es aus dem Kultusministerium: "Die Kinder erfahren eine intensive Förderung, bei der gerade keine Wiederholung angezeigt ist, auch wegen einer damit verbundenen Überalterung im Vergleich zu ihren Klassenkameraden nach Rückkehr in ihre jeweiligen Stammschulen. Unabhängig davon, empfehlen auch wir, die Beratung der Schule in Anspruch zu nehmen."

Das könnte Sie auch interessieren