Bürger unterliegen im Kampf um Denkmal

Ein kleiner Mauerrest kündet von einem Bauwerk, das die Mulde und die Eisenbahnlinie Aue-Adorf 144 Jahre lang überspannte. Mit der Brücke verschwand auch einiges an Vertrauen in die Politik.

Bockau.

Bei Hermann Meier sitzt die Enttäuschung über den Abriss der alten Rechenhausbrücke tief. Der Vorsitzende des Vereins Freunde der Rechenhausbrücke lehnte es daher ab, noch einmal für einen Vor-Ort-Termin an die alte Brücke im Tal der Mulde zu kommen.

Die Brücke ist Geschichte. Ein kleines Rudiment des Mauerwerks wurde von der Abbruchfirma stehen gelassen. Das will der Verein nutzen für eine Gedenktafel, die daran erinnern soll, wo die Brücke 144 Jahre über die Mulde führte. Doch eigentlich wollte der Verein etwas anderes, nämlich den Erhalt der historischen Brücke.


Ein Rückblick: Erste Planungen für eine Brücke über die Mulde nahe Bockau gab es 2010. Als bekannt wurde, dass Teil der Planungen der Abriss der alten Brücke ist, rief das am Denkmalschutz interessierte Bürger auf den Plan. Der Planfeststellungsbeschluss lag im Februar 2017 in den Gemeindeverwaltungen von Bockau und Zschorlau aus. Die alte Brücke erfüllte schon lange nicht mehr die Anforderungen an eine Bundesstraße. Seit 1998 war sie nur noch einspurig befahrbar und für Fahrzeuge ab 18 Tonnen gesperrt. Das Mauerwerk bröckelte, mit Plomben und Klammern versuchte man der Brücke Stabilität zu geben. Eine Sanierung wurde verworfen, sie hätte 5,2 Millionen Euro gekostet, hieß es im Planfeststellungsbeschluss. Heute steht fest: Die neue Brücke, einschließlich Straßenanbindung, kostet laut Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) 6,4 Millionen Euro.

Im Mai 2017 formierte sich eine Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt der alten Brücke einsetzen wollte. Es wurde hin und her überlegt, wer die Verantwortung für das Bauwerk übernehmen könnte. Umliegende Gemeinden wie Zschorlau hoben beizeiten die Hände, weil sie auch die Kosten sahen, die die Werterhaltung in kommenden Jahren mit sich bringen würde. Ebenso lehnte der Zweckverband Mulderadweg eine Übernahme der Baulast ab. Mit einer Petition wollte die Bürgerinitiative das Ruder noch herumreißen. 1700 Unterschriften zeugten davon, dass es doch etliche Unterstützer gab. Die Petition wurde im Dezember 2017 an den Präsidenten des Landtages übergeben. Mitglieder des Petitionsausschusses kamen zu einem Vor-Ort-Termin am 24. April 2018 an die Rechenhausbrücke. "Dort wollte man uns erst gar nicht zulassen mit dem Verweis darauf, dass es sich um eine nichtöffentliche Sitzung handelt", denkt Bernhard Bochmann, der die Bürgerinitiative mitgründete, zurück. "Zur Besprechung im Bockauer Rathaus wurden wir ausgeschlossen".

Weil sich kein Baulastträger fand, gründeten die Freunde der Rechenhausbrücke einen Verein mit gleichem Namen. Zu diesem Zeitpunkt rechnete man mit jährlichen Kosten in Höhe von 1250 Euro für Prüfung und Überwachung des Bauwerks. Diese Zahl war bei dem Vor-Ort-Termin im April von einem Mitarbeiter des Lasuv genannt worden. Ganz andere Zahlen wurden aufgemacht bei einem Termin im Sächsischen Innenministerium am 14. Dezember 2018. Da hieß es zunächst, dass die für den Abriss der alten Brücke geplanten 240.000 Euro nicht für deren Erhalt eingesetzt werden können. Und: "Dann kam der Hammer. Bis zum 10. Januar sollte der Verein 150.000 Euro als Bürgschaft nachweisen. Dazu wären noch Kosten für ein neues Planfeststellungsverfahren, jährliche Begutachtung, Vertragskosten und so weiter gekommen. Wir hätten am Ende etwa 2 bis 2,5 Millionen Euro aufbringen müssen. Welcher Verein kann das?", fragt Bochmann.

"Da der Verein die erforderlichen finanziellen Mittel nicht nachweisen konnte und auch aus der Region keinerlei Bereitschaft zur Übernahme der Baulastträgerschaft für die Brücke vorlag, wurde das Bauvorhaben auf Grundlage des von der Landesdirektion erlassenen Planfeststellungsbeschlusses fortgeführt", erläutert Jens Jungmann, Pressesprecher des Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, den Vorgang aus seiner Sicht. Er verweist auf das Verfahren, in dem "alle zu berücksichtigenden Belange" (auch Denkmalschutz) eine Abwägung gefunden hätten. "Es wurden keine Klagen innerhalb der hierfür vorgesehenen Frist gegen den Planfeststellungsbeschluss eingereicht." Unabhängig davon seien auf Grund der Petition und des Anliegens des Vereins Freunde der Rechenhausbrücke Möglichkeiten geprüft worden, den Abbruch der Brücke zu vermeiden. Was damit verknüpft ist, sei dem Verein in der Besprechung im Ministerium Ende 2018 erläutert worden.

Bernhard Bochmann möchte es nicht versäumen, allen zu danken, die mit ihrer Unterschrift bekundet haben, dass die alte denkmalgeschützte steinerne Bogenbrücke am Rechenhaus erhalten werden sollte.


Im Verein für den Erhalt

Der Ortschronist: Heinz Schramm aus Zschorlau zieht ein persönliches Fazit: "Man wünscht, dass sich Bürger einbringen, beteiligen, mitarbeiten - aber anscheinend nur, wenn dies den Interessen der Regierenden dient.

Meine Hoffnung ist, dass der Verein Freunde der Rechenhausbrücke, der sich nun dem Denkmal- und Naturschutz verschrieben hat und unter dem Dach des Sächsischen Heimatschutzvereins agieren will, erstarkt."

 


Der ehemalige Bürgermeister: Bernhard Bochmann aus Bockau ist zweiter Vorsitzender des Vereins Freunde der Rechenhausbrücke. Er wertet die Tatsache, dass die Entscheidung des Petitionsausschusses am 30. Januar und damit mehrere Tage nach Beginn des Abbruchs der alten Brücke beim Verein einging als Verhöhnung. "Wir haben den Kampf verloren aufgrund der Auflagen, die uns im Dezember vorgegeben wurden."


Die Grünen-Politikerin: Ulrike Kahl ist Mitglied im Verein Freunde der Rechenhausbrücke. Sie sagt: "Der Abriss der Rechenhausbrücke bedeutet einen unwiederbringlichen Verlust eines historischen Bauwerkes, welches die Landschaft des Westerzgebirge über viele Jahrzehnte prägte. Bezeichnend ist, wie die Bürgerinitiative erleben muste, wie mit aus der Luft gegriffenen Bausummen jongliert wurde, um derartige Fehlentscheidungen zu legitimieren."

Es ist bedauerlich, dass der Bürgerwille für den Erhalt des Bauwerkes seitens der politischen Entscheidungsträger hier vor Ort als auch auf Landesebene einfach ignoriert und missachtet wurde."


Der Brücken-Jäger: Jason Smith aus Minnesota (USA), kam 1999 nach Deutschland und dokumentiert Brücken mit der Kamera. Das Mitglied des Vereins Freunde der Rechenhausbrücke ist der Meinung, dass es am Interesse an der Rettung der Brücke mangelte. "Es fehlte der Wille, gegen ihren Abriss zu intervenieren. Und schließlich gab es einen Mangel an Transparenz zwischen dem Staat und der Öffentlichkeit. Stattdessen Sitzungen hinter verschlossenen Türen, zu denen bestimmte Leute nicht eingeladen wurden, Desinformation und Lügen über Kosten und so weiter."


Kommentar: Respekt für diesen Einsatz

Ich erinnere mich noch an jenen Morgen im Januar. Es war kalt und absolut still im Tal der Mulde bei Bockau. Als ich mich der alten Rechenhausbrücke näherte, flog ein Vogel auf - Idylle pur. Keine zwei Tage später war schon von weitem das Hämmern zu hören, das davon kündete, dass der Abriss der Brücke begonnen hat. Und das machte mich irgendwie traurig.

Ich gebe ehrlich zu, dass ich mit den Freunden der Rechenhausbrücke gehofft hatte, dass es vielleicht doch ein Happy End für das Bauwerk geben könnte. Schließlich hatte ich das Bemühen erlebt, mit dem erst die Bürgerinitiative und dann der Verein für seinen Erhalt gekämpft haben. Mag sein, dass die Aussicht auf Erfolg gering war. Der Abriss war von Anfang an Bestandteil des Planfeststellungsverfahrens. Den Argumenten der Abriss-Gegner blieb man über den gesamten Verfahrenszeitraum hinweg verschlossen, es fehlte an Transparenz. Selbst ein ganz seltener Falter, der unter der Brücke plötzlich aufgetaucht wäre, hätte wohl nicht geholfen, um noch einen anderen Ausgang zu erzwingen. Man hätte im Interesse des Naturschutzes vielleicht vor Gericht ziehen können. Doch welcher Verein steht das schon durch?

Über die Reste der alten Rechenhausbrücke wird schnell Gras wachsen. Über den Zorn derjenigen, die für ihren Erhalt kämpften, allerdings nicht.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    1
    Tauchsieder
    28.03.2019

    Das kommt dabei raus, wenn Politik auf Bürger trifft.
    Welterbetitel Montanregion im Auge, auf die kleinen wichtigen Dinge jedoch auf beiden Augen blind.
    Man hat in diesem Jahr mehrmals die Gelegenheit sich bei Wahlen für diese Arroganz der Politik zu bedanken.



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