Debatte um Silberberg endet im Eklat: "Ich habe es satt"

Der Streit um das Projekt Einheitsstadt ist auf der jüngsten Beiratssitzung eskaliert. Die Stadtchefs lieferten sich einen hitzigen Wortwechsel. Besucher reagierten entsetzt.

Aue/Schneeberg.

Eine Stunde lief die Diskussion um den Vertragsentwurf für die geplante Einheitsstadt Silberberg bereits, da platze es aus Ingo Seifert heraus. "Ich schäme mich, wie wir miteinander umgehen", sagte der Schneeberger Stadtchef in Richtung seiner Amtskollegen aus Aue, Lößnitz und Bad Schlema. Kurze Stille. Dann johlte das Publikum. Die drei Bürgermeister - die neben Seifert am Tisch Platz genommen hatten - schauten hingegen bedröppelt drein.

Am Donnerstagabend wollten Bürgermeister und Räte aus den vier Kommunen eigentlich sachlich und in Ruhe über den weiteren Weg zur geplanten Einheitsstadt Silberberg sprechen. Auf der Tagesordnung standen etwa die neuste Fassung des Vertrags, über die die Bürger im Herbst 2017 abstimmen sollen, sowie Anregungen von Vereinen. Doch bereits kurz nach dem Start der Diskussionsrunde im Kulturzentrum "Goldne Sonne" in Schneeberg kam es zum ersten Eklat.

Anlass war ein Antrag des Auer Stadtrates Tobias Andrä, der ein Fragerecht für die Zuhörer forderte. Als Bad Schlemas Gemeindechef Jens Müller den Antrag zur Abstimmung freigab, schränkte er dieses Recht jedoch auf die Vereinsmitglieder im Publikum ein. Das quittierten die Zuhörer mit lautstarken Protesten - es war der Auftakt eines turbulenten Abends.

Im Verlaufe der zweistündigen Debatte attackierten sich vor allem die vier Bürgermeister immer wieder mit deutlichen Worten. Dabei schälten sich zwei Fronten heraus: Aue und Bad Schlema auf der einen Seite gegen Schneeberg und Lößnitz auf der anderen.

In einem kurzen Referat warf etwa der Stadtchef der Muhme, Alexander Troll, den Kollegen vor, Absprachen aus dem Jahr 2006 zu brechen. Nach denen hätte man eine Grundstruktur bei der künftigen Verwaltung definieren müssen. Dafür wiederholte er seinen Vorschlag, dass Lößnitz zum Oberbürgermeister-Sitz werden soll. "Bis heute findet sich dazu nichts im Vertrag."

Zum jüngsten Entschluss von Aue und Bad Schlema, allein eine Fusion bis 2018 voranzutreiben, sagte Troll, man habe den Weg zur großen Einheitsstadt verlassen. Weiter warf er Aue und Bad Schlema vor, auf großem Fuß zu leben. Dafür verglich er die Personalkosten in den Kommunen und forderte: "Wir müssen erst einmal die Verwaltungen schlank machen."

Müller reagierte schroff: Der Vertrag sei von allen vier Kommunen erarbeitet worden. "Und zu den Personalkosten: Das ist ein Vergleich von Äpfeln und Birnen." Aues OB Heinrich Kohl ergänzte: Die Kosten seien nur auf den ersten Blick besonders hoch. "Wenn man einen Tierpark mit einem Leoparden hat, braucht man auch einen Pfleger." In Richtung Troll sagte er spitz: "Ich unterstelle dir nicht, dass du das absichtlich gemacht hast."

Schließlich mischte sich auch Seifert in den Schlagabtausch: "Das ist die Folge des Zweier-Bündnisses. Wir sehen hier vier Bürgermeister, die sich nicht einig sind."

Müller erwiderte: "Wenn ich es nicht will, finde ich tausend Gründe, es zu verhindern." Dazu Seifert: "Ich habe es satt, mir anzuhören, dass es Willige und Unwillige gibt. Ich will einen Vertrag, über den die Bürger ruhigen Gewissens abstimmen können."

Der Eklat, er war perfekt. Stadtrat Andrä riet den vier Bürgermeistern daraufhin eine Paartherapie zu besuchen. "Setzen sie sich zusammen, bis sie eine Lösung haben." Auch von den Zuhörern gab es Kritik. Ein Mann aus Lößnitz fragte, wie es weitergehen soll, wenn sich nicht einmal die Stadtchefs einig seien. Ein anderer bezeichnete die Debatte als "Kasperletheater". "Ja, heute läuft es hier aus dem Ruder", erwiderte Müller kurz. Dann verabschiedete man sich in die Sommerpause.

Kommentar: Fataler Auftritt

War es der Todesstoß für Silberberg oder ein reinigendes Gewitter? Wenn das Wortgefecht eins gezeigt hat, dann wie tief die Gräben inzwischen sind. Der Auftritt schadet letztlich einer ganzen Region. Setzen die Bürgermeister mit dem Zank doch ein fatales Zeichen, nicht an einem Strang zu ziehen. Und gerade das ist in Zukunft gefragt, wenn in Dresden um große Projekte fürs Erzgebirge gekämpft wird.

 Von Jürgen Freitag

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