Der Kampf gegen das Vergessen

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs verblassen die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse. Ein besonderes Projekt in Lößnitz kämpft dagegen an. Elf Jugendliche befragten dazu letzte Zeitzeugen.

Lößnitz.

Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, so ist Samuel Joseph durch die Straßen geschlichen. Angstvoll, verhärmt war das Gesicht des früheren Besitzers eines Geschäfts für Herrenkonfektion in Lößnitz, an der heutigen Rudolph-Weber-Straße. Manfred Günther hat ihn getroffen damals. Da war er selbst noch ein Kind. Er hat ihn gegrüßt und dieses verstörte, vom Schicksal gezeichnete Gesicht gesehen. Heute, hochbetagt, erinnert er sich noch immer daran.

Weil Samuel Joseph jüdischer Herkunft war, durfte er nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bald nur noch in wenigen Läden einkaufen, so hat es Manfred Günther jetzt einer Gruppe Lößnitzer Konfirmanden erzählt. Samuel Joseph habe täglich nur eine Stunde Ausgehzeit gehabt. Jedenfalls bis er deportiert wurde - ins Vernichtungslager Treblinka, nordöstlich von Warschau. Wahrscheinlich ist der 1869 in Miloslaw, jetzt Woiwodschaft Großpolen, geborene Joseph da umgekommen. In der zentralen Datenbank mit den Namen der Holocaustopfer der Gedenkstätte Yad Vashem ist zu lesen: "Samuel wurde in der Schoah ermordet." Die genauen Umstände scheinen nicht bekannt zu sein. Seine Frau und der Sohn sind wohl rechtzeitig nach Brasilien emigriert.

Und Manfred Günther ist einer der letzten Zeitzeugen, die sich noch an Samuel Joseph, an den Zweiten Weltkrieg und die Jahre danach erinnern können. Damit diese Erlebnisse nicht irgendwann vergessen werden und für künftige Generationen verloren gehen, hat das Berliner Anne-Frank-Zentrum voriges Jahr ein Projekt gestartet. "1939.2019 - Vielfalt lokaler Erinnerungen" heißt es. Anlass war der Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren. Für die Initiatoren ist klar: "Die Anzahl der Menschen, die aus eigener Erinnerung von diesem Ereignis berichten können, wird mit jedem Tag geringer", schreiben sie. Nur noch wenige Jugendliche hätten Gelegenheit, überhaupt mit dieser Generation sprechen zu können.

In Lößnitz gab es diese Möglichkeit jetzt. Der Verein Lößnitzer Bildungsweg war 2015 durch eine Wanderausstellung erstmals mit dem Anne-Frank-Zentrum in Kontakt gekommen. Dann habe man von dem aktuellen Projekt erfahren. "Es hat hierher gepasst", sagt Vereinsvorsitzender Tobias Decker.

Als einer von fünf Orten wurde Lößnitz als Partner ausgewählt. 3000 Euro Förderung gab es vom Anne-Frank-Zentrum je Projekt unter anderem für Workshops und Veranstaltungen. In der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde und in der Stadtverwaltung fand der Verein Bildungsweg Mitstreiter. Konfirmanden der siebenten Klasse wurden im Umgang mit der Kamera, aber vor allem im Führen von Interviews geschult, berichtet Pfarrer Raphael Weiß. Drei Zeitzeugen wurden befragt. Unter ihnen war neben Manfred Günther auch Gisela Kreutel aus Affalter, die in ihrer Kindheit aus dem niederschlesischen Liegnitz - heute Legnica in Polen - fliehen musste.

Zu den elf Jugendlichen im Projekt gehört die 13-jährige Clara. Sie sagt, dass sie neugierig gewesen sei auf die Erfahrungen der Menschen. Das Thema Nationalsozialismus sei Neuland für sie gewesen. "In der Schule hatten wir das noch nicht." Die Arbeit habe ihr Freude gemacht. Es gab aber auch einen Schockmoment. "Eine Zeugin hat uns erzählt, wie sie in einem Raum gewesen ist, in dem mehrere Menschen umgekommen sind", so Clara. Für die jungen Leute war das erst einmal kaum vorstellbar.

Junge Menschen und die Vergangenheit - für Christine Wehner, Projektleiterin im Anne-Frank-Zen-trum, geht es nicht nur darum, die Berichte letzter Zeitzeugen festzuhalten. "Wir wollen mit den Jugendlichen auch erarbeiten, welche Möglichkeiten es noch gibt, Informationen aus dieser Zeit zu finden." Denkbar wären die Suche in Archiven sowie Gespräche mit Nachkommen.

Aus den Gesprächen mit den Lößnitzer Senioren jedenfalls ist ein 25 Minuten langer Dokumentarfilm geworden. Der wird am Montag, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im Bürgerhaus Lößnitz öffentlich aufgeführt. Danach stehe er für Bildungsarbeit zur Verfügung, sagt Astrid Hänel von der Stadtverwaltung. Eventuell entstehe noch ein Booklet zur DVD. Vor der Filmpräsentation legen Konfirmanden, Vertreter der Kommune und Stadträte am Denkmal für die Opfer des Faschismus neben dem Rathaus Kränze nieder.

Die Kranzniederlegung beginnt am 27.Januar gegen 15.15 Uhr im kleinen Park neben dem Rathaus. Ab 15.45 Uhr wird der Zeitzeugen-Film im Erdgeschoss-Saal des Bürgerhauses am Marktplatz gezeigt.

0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...