Der Prinzenraub als Schnitz-Altar

Anlässlich seines 140-jährigen Jubiläums zeigt der Schnitz- und Bergverein Lößnitz Kunstwerke aus drei Jahrhunderten - und völlig vertrackte Knobelspiele.

Lößnitz.

Ein Stück Holz, geformt wie die Krone einer Burgmauer mit drei Zinnen. Durch die mittlere Zinne wurde ein Nagel getrieben. Aber der ist so lang, dass er unmöglich an der rechten oder linken Zinne vorbei passt. Trotzdem steckt er da. "Wie ist der Nagel in das Holz gekommen?", fragt Otfried Spindler, Sprecher des Schnitz- und Bergvereins Lößnitz, schelmisch. Ja, wie bloß? Eigentlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit.

Auf einem Tisch neben dem Eingang zur großen Jubiläums-Ausstellung des Vereins liegen mehrere solcher vertrackter Rätsel aus Holz. Ausgedacht hat sie sich Jürgen Martin. Besucher dürfen hier gerne knobeln - falls sie die Zeit dazu finden. Denn zu sehen gibt es jede Menge erlesener Schnitzkunst aus 140 Jahren Vereinsgeschichte. Mario Rudolph, der Vorsitzende, führte genau Buch: Gezeigt werden 470 Arbeiten mit insgesamt 1478 Einzelstücken.

In den drei Wochen bisher haben knapp 2000 Besucher die Ausstellung gesehen. Kein Flop, aber doch ein bisschen enttäuschend. "In den Hoch-Zeiten des Vereins kamen locker 20.000", sagt Otfried Spindler. "Zu DDR-Zeiten bildeten sich Menschenschlangen vor dem Deutschen Haus." Das war der damalige Ausstellungsort. Heute zeigen die Lößnitzer Schnitzer ihre Arbeiten in der ehemaligen Dampfbrauerei am Niedergraben, erstmals auf drei Etagen.

Eines der Highlights stammt von Stefan Gräßler aus Grünhain, der sich dem Verein angeschlossen hat. Seine Geschichte des sächsischen Prinzenraubs von 1455 sieht nicht nur aus wie ein kleiner Kirchenaltar. Sie ist gewissermaßen ein Altar der Schnitzkunst. Dutzende farbiger Figuren erzählen in Form eines Triptychons vom Raub der Prinzen Ernst und Albrecht aus dem Altenburger Schloss über die Flucht der Geiselnehmer via Hartenstein und Waschleithe bis zur Hinrichtung des Ritters Kunz von Kauffungen in Freiberg.

Otfried Spindler stellt mit detailverliebten Figuren die Eisenverarbeitung im mittelalterlichen Lößnitz dar. "Damals hatten wir hier nicht nur Erzbergbau, sondern auch eine Messerschmiede, einen Waffenhammer und ein Rennfeuer zur Eisenverhüttung", sagt er. "Ich zeige Vertreter aus jedem Gewerke." Elf Jahre arbeitete er an acht Figuren.

Dass die Schnitzkunst nicht nur der Tradition verhaftet ist, beweist unter anderen Robby Schubert mit seinen Werken, deren Formgebung sie eher in einer Kunstgalerie als in einer Schnitzausstellung erwarten lässt. Die Arbeit "Entscheidung", die einen Engel im Kampf gegen das Böse zeigt, besteht aus gekalktem Lindenholz und einem Stück Treibholz aus der Talsperre Eibenstock, das Spielraum für Interpretationen lässt.

Ist man nach dem Rundgang noch immer nicht hinter das Geheimnis des Nagels in der Zinne gekommen, sei hier die Lösung verraten: Das Holz muss gekocht und die Nachbarzinne in einem Schraubstock gepresst werden. Dann wird kurzzeitig Platz für den Nagel.

Die Ausstellung in der Dampfbrauerei (Parkplatz an der B 169) ist noch am heutigen Donnerstag von 13.30 bis 21 Uhr sowie am Freitag, Samstag und Sonntag von 13.30 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 4 Euro; Kinder frei.

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