"Der Tesla muss 72 Stunden in Quarantäne"

Nach dem Unfall auf dem Autobahnzubringer bei Aue berichtet ein Experte über die schwierige Bergung eines verunglückten Elektrofahrzeugs

Niederwürschnitz.

Landet ein E-Mobil im Straßengraben, kann es kompliziert werden. Oliver Hach sprach mit Marco Tischendorf von der Umweltservice Lohr GmbH.

Freie Presse: Herr Tischendorf, Ihr Unternehmen setzte nach dem schweren Verkehrsunfall am Sonntag bei Aue Spezialtechnik ein. Was war passiert?

Marco Tischendorf: Wir wurden zu dem Unfall gerufen, weil ein Elektroauto beteiligt war. Der Tesla war im Frontbereich stark beschädigt. Polizei und Sachverständiger vor Ort hatten entschieden: Das Fahrzeug muss in einer Wanne abtransportiert und unter Quarantäne gestellt werden.

Sie sprechen von einem sogenannten Hochvolt-Container. Wozu ist der nötig?

Für den Brandschutz. Niemand kann sagen, was passiert, wenn ein beschädigtes Elektroauto bewegt wird. Es besteht die Gefahr, dass sich ein beschädigter Akku erhitzt und das Fahrzeug in Brand gerät.

Wie lange besteht diese Gefahr?

72 Stunden auf jeden Fall. So lange muss der Tesla unter Quarantäne stehen. Wenn das Auto bereits gebrannt hätte, dann hätten wir den Container sogar fluten müssen, um die Batterien zu kühlen. In dem aktuellen Fall, in dem lediglich eine Beschädigung der Batterien nicht ausgeschlossen werden kann, wurde der Wagen in der Wanne abtransportiert und steht jetzt auf unserem Betriebshof in Niederwürschnitz. Dort wird noch regelmäßig die Temperatur gemessen. Wenn sie wieder ansteigt, würden wird sofort mit dem Kühlen beginnen, also den Container mit Wasser volllassen.

Wie oft hatten Sie denn bisher solche Einsätze?

Das war der allererste. Weil die Elektroautos immer mehr im Kommen sind, haben wir uns vor drei Monaten den ersten Container beschafft. Wir hatten zuvor schon entsprechende Anfragen von der Feuerwehr. Die haben das Problem, eine Firma zu finden, die einen 24-Stunden-Dienst vorhält, die einen solchen Container hat und die zugleich auch noch über die nötigen Genehmigungen verfügt. Denn wenn der Container geflutet wird, entsteht kontaminiertes Wasser. Das muss gelagert und entsorgt werden. Dafür haben wir ein Lager, das wir extra genehmigen lassen mussten.

Wie viel kostet so ein Hochvolt-Container?

Wir haben für 10.000 Euro einen einfachen, wasserdichten Container mit einer Leiter und Ösen zum Verspannen angeschafft. Mit integrierter Löschanlage kostet er zwischen 40.000 und 50.000 Euro.

Die Feuerwehr sagte, die Bergung des Elektroautos sei für sie Neuland gewesen. Wie war das für Ihre Mitarbeiter?

Die sind geschult. Aber graue Theorie ist oft anders als die Praxis. Die Quintessenz bei den Schulungen war: Wenn du was genau wissen wolltest, dann hieß es: Das wissen wir auch noch nicht alles so richtig.

Sie haben also das Gefühl, dass hier bei der Ausbildung der Firmen und Rettungskräfte noch Nachholbedarf besteht?

Intensivierung auf jeden Fall. Es ist zwar ein Grundwissen da, aber es kommt auch immer auf die konkreten Gegebenheiten an. Am Sonntag hatten wir zum Beispiel das Problem, dass vor Ort kein Internetem-pfang war. Unser Hochvolt-Techniker hatte sich zum Glück schon bei der Anfahrt die aktuellste Rettungskarten runtergeladen.

Die Rettungskarte ist das Datenblatt zum Unfallfahrzeug.

Genau. Damit konnte der Techniker dann vor Ort die richtigen Entscheidungen treffen. Er hat noch ein Signalkabel herausgeschnitten, damit die Hochvolt-Anlage deaktiviert war. Die Feuerwehr hatte uns übrigens erzählt, dass es in ihrer Software das betreffende Tesla-Modell noch gar nicht gab. (oha)

Marco Tischendorf

Als Technischer Leiter der Umweltservice Lohr GmbH mit Standorten in Plauen, Niederwürschnitz und Chemnitz ist der 39-Jährige vor allem für die Ölbeseitigung auf Straßen verantwortlich. Mit dem Boom der Elektro-Autos kommen auf ihn und seine Firma nun neue Aufgaben zu.oha

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1Kommentare
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  • 8
    4
    789010
    23.06.2020

    Ein "hoch" auf das Elektroauto.
    Jetzt stelle man sich einen Crash auf der Autobahn vor, an dem 3 oder 4 solcher Vehikel beteiligt sind.
    Ein Wahnsinn oder werden solche Folgkosten auch vom Staat subventioniert?