Doreen gewinnt den Wettstreit - und Verlierer gibt es nicht

Mit einer Pferdegeschichte hat die 18-Jährige gestern den Wanderpokal des Vorlesewettbewerbs von Oelsnitz nach Johanngeorgenstadt geholt. Erstmals haben sich fünf Förderschulen beteiligt - und alle sind sich am Ende einig: Es war nicht das letzte Mal.

Aue/Schwarzenberg.

Nick hält eine Hand mit fest gedrücktem Daumen hoch und raunt einem vor ihm sitzenden Jungen zu: "Nico, du schaffst das!" Nico lernt mit ihm am Förderschulzentrum (FSZ) in Oelsnitz und ist Teilnehmer des 6. Vorlesewettbewerbs für Schüler mit geistiger Behinderung. Und obwohl Nick selbst nicht vorlesen muss, merkt man ihm seine Aufregung an. Dieser Wettbewerb ist etwas Besonderes, nicht nur für die 11- bis 18-jährigen Teilnehmer aus fünf Förderschulen des Landkreises, auch für die Zuhörer, die Lehrer und die Jury. Denn es ist ein Wettbewerb ohne Verlierer. Das macht auch FSZ-Schulleiterin Andrea Guderian gleich am Anfang klar. "Wer ist guter Leser, wer ist bester Leser", darum gehe es. Und noch etwas macht diesen Wettstreit aus: Die Schüler lauschen jedem Vortrag gespannt und es ist mucksmäuschenstill im Raum, wenn gelesen wird. Laut wird es immer erst dann, wenn der Beifall einsetzt für jeden Teilnehmer.

Diese haben zwei Aufgaben zu meistern. Zunächst lesen sie einen Ausschnitt aus ihrem Lieblingsbuch, was sie lange üben konnten. Dann gilt es, einen unbekannten Text vorzutragen. Allen ist der Stolz anzumerken, nachdem sie es geschafft haben. Am besten ist die Herausforderung der 18-jährigen Doreen Runde gelungen, da ist sich die fünfköpfige Jury einig. Fast so flüssig und gut betont wie den Text aus ihrem Lieblingspferdebuch hat sie auch den aus Peter Hartings "Oma" vorgelesen. Die Schülerin beschert der Johanngeorgenstädter Kurfürst-Johann-Georg-Schule damit gleich bei deren erster Teilnahme den Wanderpokal. Platz 2 und 3 gehen an Julia Unger und Maja Schikora von der Brünlasbergschule in Aue.


Entschieden hat die Jury über ein Punktesystem, bei dem beispielsweise Lesefluss, Betonung und Tempo bewertet werden. Claudia Lindner, Chefin des Stollberger Buch-und-Kunst-Ladens, sitzt von Anfang an in der Jury und ist immer wieder begeistert von dem Enthusiasmus, der hier versprüht wird. Und Buchhändlerin Vicky Richter vom Oelsnitzer "Wortschatz" hat zwar schon in der Jury anderer Wettbewerbe gesessen, aber noch nie in einem für geistig behinderte Schüler. Sie ist beeindruckt, wie gut die Schüler geführt und angeleitet werden, wie diszipliniert sie sind. Reiner Kunz, Stollberger Hauptamtsleiter im Ruhestand, kannte Lesewettbewerbe bisher nur aus der Schulzeit seines Sohnes - als Zuhörer. Er findet die Idee, einen solchen an der Förderschule durchzuführen, "richtig gut". Viele glaubten ja, geistig Behinderte könnten gar nicht lesen oder brauchen keine Schule, sagt er. Das werde hier eindrucksvoll widerlegt.

Eine Herausforderung und Freude zugleich ist der Wettbewerb für die Pädagogen. Insbesondere Angela Kreher und Ilona Groschwitz vom FSZ, die ihn einst als schulinternen Vergleich ins Leben riefen und seither organisieren, war anzumerken, wie glücklich sie mit dem Verlauf sind. Umso mehr freuen sie sich, dass sich alle Gäste einig sind, auch beim nächsten Wettstreit dabei sein zu wollen. Mehr noch: Die Johannstädter Kollegen könnten sich vorstellen, den Wettbewerb einmal selbst auszutragen - eventuell auch in Aue, da ihre Schule ab August eine Außenstelle der Brünlasbergschule ist. Ilona Groschwitz fände ein rotierendes Prinzip bei der Austragung in jedem Fall gut. "Wenn unsere Schüler auch mal zum Wettbewerb wegfahren, ist das gleich noch ein ganz anderes Erlebnis."

Während die Annaberger Förderschule schon zum dritten Mal dabei ist, beteiligt sich neben der Johannstädter auch die Schwarzenberger Förderschule erstmals am Wettbewerb. Wie Lehrerin Anja Markert sagt, kann dort etwa ein Drittel der Schüler lesen. Die Tendenz sei steigend, weil man seit zwei Jahren Leselehrgänge durchführe. Wieder öfter will man mit den Schülern in die Bibliothek gehen.

Doreen wird den Pokal 2019 übrigens nicht verteidigen können, denn dann hat sie die Schule bereits verlassen. Aber sie macht lachend schon einmal eine Kampfansage an die anderen Schulen: "Wir haben noch mehr, die sehr gut lesen."

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