Dünn und dünner: Auer walzen Metalle platt wie sonst kaum einer

Hightech-Folien sind eine Spezialität des Auerhammer Metallwerks. Das Geheimnis liegt nicht in Supermaschinen, sondern im Können der Mitarbeiter.

Aue.

Kommt man einem Präzisionswalzer der Auerhammer Metallwerke in Aue damit, dass er Millimeterarbeit leistet, wird er das nicht als Kompliment auffassen. Denn sein Job ist Mikrometerarbeit. Die sechs Mitarbeiter der kleinen Abteilung stellen Metallfolien her, die dünner als ein Haar sind. Bis zu zehnmal dünner, um genau zu sein. "Diese Präzision erreichen weltweit vielleicht fünf Hersteller", sagt Benny Ullmann (39), der für den Vertrieb der Hightech-Folien zuständig ist.

Eingesetzt werden diese beispielsweise für Überdruckventile in Beatmungsgeräten. Wird der Druck zu hoch, birst das hauchdünne Metall. Ein anderes Anwendungsgebiet sind Elektronenstrahler. Die superdünne Folie wirkt hier als Membran. Sie lässt die Elektronen aus dem Strahler hinaus, aber keine Luftmoleküle herein, was entscheidend für das Funktionieren des Geräts ist.


Die Folienfertigung befindet sich im ersten Stock in einem Nebengebäude des 160-Mann-Unternehmens. Auf klobigen Walzmaschinen von der Größe eines Kleinstwagens drehen sich zu Rollen aufgewickelte Metallbänder. Sie laufen durch die Walze und werden auf der anderen Seite wieder aufgerollt, um dann erneut durch die Maschine geschickt zu werden. Wieder und wieder, bis die gewünschte Dicke, oder vielmehr Dünne erreicht ist. Dabei wird das Material länger und länger. Aus einem Meter Metallband werden oft 100 Meter Folie. "Durch die Arbeit und Präzision, die wir hineinstecken, kosten 100 Gramm Folie am Ende mehr als eine Tonne des Ausgangsmaterials", sagt Produktmanager Philipp Rottluff (30).

Das Endprodukt knistert und glitzert wie Schokoladenpapier, besteht jedoch nicht aus Aluminium, sondern aus Titan, Nickel oder Edelstahl. Man kann es zerknittern oder zerreißen, aber die Zugfestigkeit ist verblüffend hoch. Deshalb werden diese Folien zum Beispiel auch in Feinwaagen verbaut: Gewicht wird hier daraus berechnet, wie weit sich ein Messstreifen dehnt.

So verblüffend das Hightech-Material aus Aue ist, die größte Überraschung erlebt man, wenn man die Maschinen sieht, auf denen es hergestellt wird: Eine stammt von 1964, die zweite aus den 1980er-Jahren. Sie sind gut gepflegt, aber keinesfalls hochmodern. "Präzision erreichen wir nicht durch unsere Maschinen, sondern durch die Mitarbeiter, die sie bedienen", sagt Rottluff.

Sein Kollege Benny Ullmann ist gelernter Verfahrensmechaniker. Er hat früher selbst in der Folienfertigung gearbeitet. Seine Lehrzeit betrug dreieinhalb Jahre, danach war eine ständige Fortbildung nötig. "Um den technologischen Prozess zu beherrschen und diese superdünnen Folien herstellen zu können, braucht man mindestens sieben bis acht Jahre Erfahrung", sagt er. "Es reicht nicht, die Maschine bedienen zu können. Man muss sie richtig bedienen." Vieles dabei ist Fingerspitzengefühl und - Instinkt. Präzisionswalzer sind Top-Fachkräfte.

3,3 Tonnen der Hightech-Folien hat das Auerhammer Metallwerk im vorigen Jahr produziert. Das klingt nicht so, als sei es sonderlich viel, doch hätte man diese Folien zu einem einzigen langen Band zusammengefügt, wäre dieses 1765 Kilometer lang gewesen. Das entspricht in etwa der Fahrtstrecke von Aue nach Barcelona, Helsinki oder an die bulgarische Schwarzmeerküste.

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