Ein halber Silberberg

Durch die Vereinigung von Aue und Bad Schlema ist die einwohnerstärkste Stadt im Erzgebirge entstanden. Es ist das Ende einer Idee, die einst viel größer war, die aber an lokalen Rivalitäten scheiterte. Die Gräben sind tief im einstigen Revier.

Aue-Bad Schlema.

Der Berg kreißte und gebar eine Maus, schrieb der römische Dichter Horaz. Im Erzgebirge kreißte der Silberberg und gebar Aue-Bad Schlema.

Es ist der erste Montag im neuen Jahr. Auf dem Ortseingangsschild am Autobahnzubringer steht noch "Aue, Große Kreisstadt, Erzgebirgskreis", doch bei Facebook und Instagram hat die Sprecherin der Stadt die Profile bereits geändert. Dort heißt es nun: "Große Kreisstadt Aue-Bad Schlema". Per 1. Januar sind die beiden Nachbarorte fusioniert, 16.000 Menschen in der Stadt Aue und 4700 in der Gemeinde Bad Schlema. Entstanden ist die größte Stadt im Erzgebirge: Mit rund 20.700 Einwohnern hat man Annaberg-Buchholz knapp überflügelt.

Das Rathaus in Aue hat gerade erst wieder geöffnet. Die Schließzeit über den Jahreswechsel dauerte länger als sonst, die Zusammenlegung zweier Verwaltungen musste vorbereitet werden. Die Software der Meldeämter passte nicht zusammen, Mitarbeiter räumen nun ihre Schreibtische: Kultur, Fremdenverkehr und Marketing werden in Bad Schlema konzentriert, Ordnungsamt, Hauptamt und Kämmerei in Aue. Offiziell regiert hier derzeit die älteste Stadträtin. Sie hat die Unterlagen für die Sitzung des vereinigten Stadtrats unterschrieben, auf der nächste Woche ein Amtsverweser bestellt werden soll, ein Interimschef bis zur Oberbürgermeister- und Stadtratswahl am 26. Mai.

Heinrich Kohl ist an diesem Montag dennoch in seinem Büro. Der bisherige CDU-Oberbürgermeister der Stadt Aue, seit 1999 im Amt, hat gerade seine Ernennungsurkunde zum Beigeordneten der neuen Großen Kreisstadt erhalten. Ein vorübergehender Posten, damit er als Beamter in den nächsten Monaten nicht zu Hause rumsitzt. Mit 62 Jahren will Kohl noch einmal antreten als OB-Kandidat. Aue-Bad Schlema, das sei nur ein Anfang, sagt er. "Unsere Mission ist größer."

Die Vision heißt Silberberg, und sie existiert bereits seit der politischen Wende im Erzgebirge. Silberberg - eine Stadt so groß wie Plauen, gebildet aus Aue, Schwarzenberg, Lauter, Lößnitz, Schlema und Schneeberg. 1996 wurde dazu ein Städtebund gegründet. Zehn Jahre später - Schwarzenberg und Lauter hatten sich von der Einheitsstadt schon verabschiedet - besiegelten vier Mitglieder das Vorhaben eines Zusammenschlusses zur nun schon deutlich kleineren Stadt Silberberg. Man wollte ein Gegengewicht schaffen zu Annaberg-Buchholz, mit dem Aue um den Verwaltungssitz des künftigen Erzgebirgskreises stritt. Doch Silberberg kam nicht, der Kreissitz ging nach Annaberg.

Die Idee aber lebte noch immer. Im Sommer 2014 beschloss man einen Bürgerentscheid: Die Bevölkerung der vier Orte sollte über die Einheitsstadt abstimmen - jedoch erst 2017. Und während weiter Uneinigkeit herrschte, gaben Heinrich Kohl und sein Bad Schlemaer Amtskollege Jens Müller im März 2016 der "Freien Presse" ein Interview. Kernaussage: Notfalls machen wir es zu zweit. Zwei Monate später fasste der Gemeinderat Schlema einen Grundsatzbeschluss zur Fusion mit Aue und umgekehrt. Man wolle vorangehen beim Projekt Silberberg, andere mitziehen, hieß es damals. Das Gegenteil geschah: Schneeberg beschloss aus Verärgerung den Austritt aus dem Projekt Einheitsstadt.

Weil auch Lößnitz nur noch lose kooperieren wollte, waren damit die Weichen für die Zweierfusion gestellt. Vor allem Schlema lief die Zeit davon. Das Geld ging aus, seit Jahren lebte man von der Substanz. Und der Freistaat Sachsen fördert freiwillige Zusammenschlüsse. Gemeinden, die sich vereinigen, erhalten höhere Schlüsselzuweisungen als die ursprünglichen Gemeinden allein. Für Aue-Bad Schlema bedeutet das laut Kohl nun abzüglich zusätzlicher Neuausgaben eine halbe Million Euro mehr im Jahr. Ursprünglich war von zwei Millionen die Rede.

Ein weiteres Argument der Vereinigungsbefürworter lautete: Das viel kleinere Bad Schlema würde eben nicht per Eingemeindung von Aue geschluckt werden. "Es ist eine Fusion auf Augenhöhe", wie Kohl betont. Alle Ortsteile der neuen Stadt bekommen nun Ortschaftsräte. Alberoda, 1929 nach Aue eingemeindet, erhält zum ersten Mal seit der Weimarer Republik eine eigene demokratische Volksvertretung.

Eines aber taten die beiden Partner nicht: die Bevölkerung direkt entscheiden zu lassen. Statt des für Silberberg geplanten Bürgerentscheids wurde der Zweierbund allein von Stadt- und Gemeinderat beschlossen. "Mit einem Bürgerentscheid", sagt Kohl heute, "wäre die Fusion wahrscheinlich gescheitert."

Gegen diesen Kurs gab es erbitterten Widerstand. Ende 2017 formierte sich in Schlema eine Bürgerinitiative. Sie sammelte 1000 Unterschriften für einen Bürgerentscheid und verlangte, auch Schneeberg als Partner ins Auge zu fassen. Noch im Dezember 2018 landete der Fall am Verwaltungsgericht. Das wies in letzter Minute einen Eilantrag ab - Begründung: Die Initiative sei zu spät gekommen, geschlossene Verträge, legitimiert durch repräsentative Demokratie, seien einzuhalten. Das Hauptsacheverfahren läuft noch.

Das Rathaus in Bad Schlema ist ein ehemaliges Kulturhaus der sowjetischen Armee. Hier hat Jens Müller seinen Schreibtisch, auch er ist nun Beigeordneter. Wie es für den 51-Jährigen weitergeht, ob er, einst aufgestellt von den Freien Wählern, nun als Oberbürgermeister für Aue-Bad Schlema kandidiert, wisse er nicht; der Streit der letzten Monate um die Fusion habe an seinen Nerven gezerrt. Müller sagt: "Das ist sicher keine Liebesheirat, aber eine Zweckehe." Leider werde hier alles schlechtgeredet. Vor Müllers Büro hängen Architektenzeichnungen aus den 1930er-Jahren: Entwürfe für einen Musikpavillon im Kurgarten, Ansichten eines Waldcafés, ein Wandelhaus im Silberbachtal. Sie illustrieren die Kluft zwischen Wunsch und Realität. Das meiste, was hier hängt, wurde nie gebaut, den Rest verschluckte die Erde.

Vor gut 100 Jahren fand man in der Gegend Radon, Oberschlema wurde Radiumbad, schon in den Zwanzigerjahren kamen Tausende Kurgäste zu den Heilquellen. Doch nach dem Krieg ließen die Sowjets hier Uran abbauen. Mit der Wismut verwandelte sich die Region in eine Mondlandschaft, der Ortskern mit Kirche, Gemeinde- und Kurzentrum wurde abgerissen, die Radonquellen versiegten. Nach der Wende wurde der Kurort mit Milliardenförderung wiederbelebt, Schlema stieg wie Phönix aus der Asche und wurde staatlich anerkannter Kurort.

Jens Müller betritt das Gesundheitsbad Actinon, begrüßt Mitarbeiter, schüttelt Hände, wünscht ein frohes neues Jahr. Das Bad, sagt er, sei 1998 eröffnet worden und arbeite seither ohne einen einzigen Schließtag. "Voriges Jahr konnten wir den siebenmillionsten Besucher empfangen." Aber die Besucherzahlen gehen zurück, es müssen Millionen investiert werden. Und nicht nur dort. "Wir haben noch Straßen, die seit der Wende nicht grundsaniert wurden", sagt Müller.

Da kommt die Vereinigung mit Aue gerade recht. Die Stadt ist wirtschaftlich wesentlich potenter als das mit Schlema historisch enger verknüpfte Schneeberg. Von der Historie könne man nichts kaufen, entgegnet Müller. Er sagt, seine Gemeinde sei immer für die große Einheitsstadt gewesen, für ein Zusammengehen mit Aue und Schneeberg. Aber Schneeberg habe ein Dreierbündnis abgelehnt, habe nur die kleine Lösung mit Schlema gewollt.

In einem der wenigen alten Kurpensionshäuser, das den Abrissbirnen der Sowjets widerstand, wohnt Konrad Barth. Von 1979 bis 2004 war er Bürgermeister in Schlema, erst für die SED, dann für die Freien Wähler. Ihm hat Bad Schlema seine Wiederauferstehung zu verdanken, er erfand die Stadt Silberberg, er machte Jens Müller zu seinem Nachfolger. Zu Aue-Bad Schlema sagt er: "Für mich ist das eine Katastrophe." Barth sympathisiert mit der Bürgerinitiative, das Verhältnis zu Müller, den er "skrupellos" nennt, ist in offene Feindschaft umgeschlagen. Wen solle man noch wählen in diesem Land? - fragt er mit Blick auf Kommunal- und Landtagswahlen in diesem Jahr. Über Pegida und AfD müsse man sich nicht wundern. Für den Altbürgermeister von Schlema steht fest: "Die gesamte Bergbaugeschichte verbindet uns mit Schneeberg. Mit Aue verbindet uns nichts."

Die Pension "Zum Huthaus" in Bad Schlema: In dem einstigen Grubengebäude wird nun Bier ausgeschenkt. Hier trifft sich die Bürgerinitiative "Wir sind Bad Schlema". An diesem Montag allerdings ist niemand da. Yvonne Bochmann, die Sprecherin, hatte gesagt, man müsse sich erst mal sammeln um zu entscheiden, wie es weitergeht. Am Telefon riet sie: "Fragen Sie doch die Bürger." Viele Einheimische trifft man hier nicht an diesem regnerischen Nachmittag. Aber diejenigen, die etwas sagen, äußern sich eindeutig: Die Fusion mit Aue war ein Fehler. Und wenn schon eine Vereinigung, dann mit Schneeberg.

Am Huthaus in Bad Schlema ist Aue weit weg. Hier reicht der Blick hinauf zur St.-Wolfgangs-Kirche in Schneeberg. Nur ein Katzensprung ist es bis dorthin, beide Orte gehen hier ineinander über. Noch ein Anruf im Schneeberger Rathaus bei Bürgermeister Ingo Seifert. "Geschichtlich, menschlich und regional hätten wir hier zusammengehört", sagt er. Viele Menschen in seiner Stadt hätten die Vereinigung von Aue und Bad Schlema mit Kopfschütteln registriert. Die große Frage sei: "Warum gab es keinen Bürgerentscheid?" Seifert sagt: "Silberberg hat keine Chance mehr."

Bewertung des Artikels: Ø 3.3 Sterne bei 3 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...