Eine Erzgebirgsweihnacht in Coronazeiten: Wie ein Pfarrer Licht in die dunkle Zeit bringt

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Zu Weihnachten wird es diesmal besonders still. Doch es ist und bleibt das Fest der Liebe und der Hoffnung. Ein Pfarrer im Erzgebirge, der in diesem Jahr viel Seelsorge leisten musste, vertreibt gemeinsam mit seiner Familie die Finsternis.

Zwönitz.

Es ist nur 50 Zentimeter groß, gerade so wie ein Neugeborenes. Das Zwönitzer Bornkinnel, eine der typischen stehenden Christkindfiguren im Erzgebirge, wurde 1688 vom Schnitzer Gottfried Ullrich angefertigt. Bornkinnel wurden zur Christmette auf den Altar gestellt, um so symbolisch den Abstand zum "Göttlichen" zu reduzieren. 500 Jahre alt ist dieser Brauch, Pfarrer Michael Tetzner pflegt ihn weiter. "Mir zeigt der Anblick dieser Figur, dass Gott sich zu Weihnachten so klein macht, damit wir mit ihm versöhnt sein dürfen", schrieb er an seine Gemeinde. "Das nimmt mir alle Angst vor der Zukunft."

Es ist der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres - in einem Jahr, das über die Menschheit viel Dunkelheit brachte. Im evangelischen Pfarrhaus neben der Trinitatiskirche erzählen Michael Tetzner und seine Frau Claudia, wie es in ihrer Kirchgemeinde trotz alledem Weihnachten wird. Das große Krippenspiel haben sie schon vor längerer Zeit abgesagt. Gemeinsam mit ihren drei erwachsenen Kindern wollten sie stattdessen das Stück "Die zerbrochene Krippe" aufführen. "Der Gedanke: Bring alles zu Gott, was zerbricht - das hätte eine passende Vorlage für die Predigt gegeben", sagt Claudia Tetzner. "Unsere Katharina sollte der Engel sein." Doch auch dieser Plan scheiterte. Die Tochter ist nun in Dresden in Quarantäne. Der Engel muss in der Ferne bleiben.

Die Stadt Zwönitz war schon in der ersten, vergleichsweise kleinen Welle der Pandemie eine Art Hotspot. In einem Pflegeheim erkrankten Dutzende Bewohner und Mitarbeiter, es gab Tote. Michael Tetzner hat im Frühjahr vier Menschen beerdigt, die in Verbindung mit Covid-19 starben. Mit der zweiten Welle sind bisher sechs weitere dazugekommen, mindestens. Ende November infizierte sich der Pfarrer selbst, dann auch seine Frau, beide überstanden das Virus mit leichteren Symptomen. In der Trinitatiskirche aber wurden die Kerzen am Adventskranz in dieser Vorweihnachtszeit kein einziges Mal für einen Gottesdienst angezündet, sondern nur für Trauerfeiern.

Der Pfarrer sagt, in dieser Zeit, in der praktisch alle Menschen von der Pandemie betroffen seien, mache es in der Trauerarbeit kaum einen Unterschied, ob ein Mensch nun an oder mit Corona starb - oder auch nur indirekt an den Folgen. Da ist die ehemalige Bäckersfrau, für die ein wichtiger Kontakt wegbrach, als im April der Laden bei ihr im Haus schloss. Oder der langjährige Mitarbeiter der einstigen Schuhfabrik Zwönitz, der immer noch zum Mittagessen in die "Schuhbud" kam, wo die Agrargenossenschaft eine Kantine betreibt, wo es aber auf einmal hieß: Essen nur noch zum Mitnehmen. Vereinsamung inklusive. "Fast jeder Todesfall ist von der Pandemie überschattet", sagt Michael Tetzner. Er erinnert auch an einen Pfarrer im Ruhestand in der Nachbarschaft, von dem die Leute geglaubt hätten, er würde 100 Jahre alt. "Er kam mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus. Dort bekam er Corona, eine Woche später war er tot. Seine Frau hörte die Todesnachricht, fünf Tage später starb auch sie."

Als Seelsorger hört Michael Tetzner den Menschen zu - um zu erkennen, wo ihre Ängste liegen und um Trost zu spenden. Bei der Bewältigung der Trauer wolle er nicht an der Vergangenheit rühren, sondern nach vorne schauen, sagt er. Seine Aufgabe: "Hoffnung verbreiten, und zwar begründete Hoffnung". Hoffnung, die der Glaube gibt.

Die Kirche muss bei den Menschen bleiben, auch in diesen Tagen des Abstands. Claudia Tetzner ist zuständig für Christenlehre und Religionsunterricht, sie hält per Smartphone den Kontakt zu Kindern und Eltern. In eine Chat-Gruppe schickte sie im Advent täglich eine von 24 Erzählungen, von ihr selbst gelesen. Es war eine Aufgabe, die die Gemeindepädagogin auch am Sinn ihres Tuns zweifeln ließ. Sie überlegte aufzuhören, doch da meldete sich ein Mädchen per Sprachnachricht: "Hallo Frau Tetzner, Ihre Geschichten sind sehr, sehr schön."

Nun wird es Weihnachten. Obwohl es in Sachsen kein Gottesdienstverbot gibt, werden in vielen Kirchen wegen der Pandemie diesmal keine Christvespern stattfinden, weil man das Risiko der Ansteckung für zu hoch einschätzt. Viele Menschen werden die Weihnachtsgeschichte nicht hören können. Pfarrer Tetzner erinnert sich gern an Freiberg, wo er viele Jahre mit seiner Familie lebte und arbeitete. Dort wollte man Open-Air-Gottesdienste auf dem Untermarkt veranstalten, auch diese wurden abgesagt. Aus Freiberg brachte Michael Tetzner einen Weihnachtsberg mit, der nun neben dem Zwönitzer Bornkinnel steht. Ein Mann aus Nossen hatte ihn gebaut und ihn aus Dankbarkeit über seine Genesung von schwerer Krankheit dem Pfarrer zum Geschenk gemacht. Auch das, sagt er, sei ein Symbol der Hoffnung in dieser Zeit.

In Zwönitz hat die Kirchgemeinde bis drei Tage vor Heiligabend um eine Entscheidung gerungen. Dann stand fest: Es wird Christvespern geben - zwei Lesungen mit Instrumentalmusik, in Kurzform und für wenige Menschen mit ganz viel Abstand. "Wir sind unseren Altvorderen dankbar, dass sie große Kirchen gebaut haben", sagt Pfarrer Tetzner. 600 Menschen passen eigentlich in die Trinitatiskirche. Im Hygienekonzept wurde die Teilnehmerzahl zunächst auf 200 reduziert, die Landeskirche vergrößerte die Mindestabstände später auf drei Meter, so dass nun höchstens noch 100 Besucher zugelassen sind, mit Anmeldung. Es werden kleine Veranstaltungen ohne Gesang. Zum Abschluss wird kein gemeinsames "O du fröhliche" erklingen, ohne das doch ein Weihnachtsgottesdienst undenkbar schien.

Es ist besser, ein Licht zu entzünden, als über die Dunkelheit zu klagen. Dieser Gedanke begleitet die Christen in Zwönitz durch diese Tage. Claudia Tetzner wird die Weihnachtspredigt halten, nach einem Kinderbuch: Ein Hirtenjunge erlebt auf der Suche nach einem verlorenen Lämmchen das Wirken einer höheren Macht. Indem er Licht an Bedürftige verschenkt, nimmt er teil an den wunderbaren Ereignissen der Weihnachtsnacht. Das Bornkinnel im Kerzenschein, der neu geborene Jesus als Licht der Welt - das ist die christliche Botschaft. Pfarrer Tetzner wird Geige spielen, die beiden Söhne werden zum Akkordeon greifen und aus der Bibel lesen.

Die Trinitatiskirche ist eine offene Kirche. Man kann sie täglich zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang besuchen. Am kürzesten Tag des Jahres ist die Sonne schon kurz nach vier hinter dem Horizont verschwunden. Am Kirchturm beginnt es zu leuchten, in der ganzen Stadt bleibt es dank der weihnachtlichen Illumination hell in diesen dunklen Tagen. "Stadt der tausend Lichter", steht auf einem Tor, das in Zwönitz aufgestellt wurde. Das Fest der Hoffnung kann kommen.

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22 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 12
    13
    inoino
    25.12.2020

    Dickkopf100: "Religion hat in Zeiten von Corona für mich immer etwas seltsames."

    Der Glaube an einen allwissenden, lieben Gott hat nicht nur in Zeiten von Corona, sondern immer "etwas seltsames". Leid und Elend haben nach der angeblichen Geburt Jesu nie aufgehört und das versrochene Reich Gottes ist nicht gekommen - gekommen ist stattdessen die kath. Kirche mit ihrer blutigen Vergangenheit und ihren auch heute noch äußerst prekären Strukturen.

    Dickkopf100: "Ich verstehe es nicht, wahrscheinlich braucht es dafür eine ganz bestimmte Erziehung."

    Natürlich. Alle Religionen halten sich nur so lange, weil sie kritikunfähige Kinder
    so früh wie möglich religiös indoktrinieren (indem sie ihnen Legenden wie z. B. die Weihnchtsgeschichte als tatsächlich Geschehenes rüberbringen). Man nennt das dann "den Samen des Glaubens einpflanzen" - ich würde eher von einen Virus sprechen, den die meisten Menschen ein Leben lang nicht mehr loskriegen.

  • 15
    9
    Dickkopf100
    24.12.2020

    Religion hat in Zeiten von Corona für mich immer etwas seltsames. Die ganze Welt geht den Bach runter, die Wirtschaft pfeift aus dem letzten Loch, sehr viele Leute stehen kurz vor dem Bankrott, andere reißen sich für andere Menschen auseinander und trotzdem glauben viele an den allwissenden, lieben Gott. Einen Gott, der grade verreist ist oder nur einen komischen Sinn für Humor hat. Ich verstehe es nicht, wahrscheinlich braucht es dafür eine ganz bestimmte Erziehung. Doch bewundere ich religiöse Menschen. Gibt ihnen doch der Glaube auch die Hoffnung an eine bessere Zeit in der Zukunft. Oder Zweckoptimismus ohne Garantie? Keine Ahnung.
    Mein Optimismus wird von der Logik bestimmt, vom Glauben an die Wissenschaft und die Vernunft des Menschen. Aber egal, irgendwie geht es weiter. In diesem Sinne, ein frohes Fest wünsche ich allen die das lesen...