Eine Frau, die meisterlich eine Männerdomäne erobert

"Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit", heißt es. Berufsbegleitende Fortbildungen eröffnen Chancen auf gute Jobs.

Raschau.

Zwei turbulente und vor allem anstrengende Jahre liegen hinter Gabriele Meyer - und doch strahlt die 49-Jährige und versprüht Lebenslust ohne Ende. Mitte September wird sie ihren Meisterbrief als Urkunde in Händen halten, denn die Raschauerin hat in den zurückliegenden zwei Jahren eine berufsbegleitende Aufstiegsfortbildung zum Industriemeister absolviert.

Wer nun glaubt, dass Industriemeister nur ein Beruf für Männer ist, der irrt. Wenngleich auch für Gabriele Meyer der erste Tag in den Räumen der Industrie- und Handelskammer in Annaberg eher ernüchternd begann, wie sie erzählt: "Ich mache die Tür auf, da sitzen 17 junge Männer. Und dann kam ich."

Aber sie kam nicht einfach so. Sie hatte ein klares Ziel vor Augen. "Ich möchte geistig nicht stillstehen. Ich wollte einfach etwas aus mir machen, meinen Wert auf dem Arbeitsmarkt steigern", umreißt die zweifache Mutter die Motivation für diesen Schritt. Den ist sie gegangen aus der sicheren Position einer Festanstellung heraus. "Ich war damals im Betrieb meiner Mutter als Finanzbuchhalterin tätig. Da lag eines Tages ein Flyer der IHK mit diesem Fortbildungsangebot in der Post. Für mich war das der Moment, an dem ich in mich gegangen bin, und mich gefragt habe: Was willst du die nächsten Jahre tun? Das war eine Riesenchance", erzählt sie.

Berufsabschlüsse hat sie mehrere: Nach dem Abitur wurde sie zunächst Facharbeiter für Datenverarbeitung im Waschgerätewerk. Ebenfalls berufsbegleitend hat sie sich zum geprüften Finanzbuchhalter qualifiziert. Und nun also Industriemeister. Doch was ist das?

"Damit hat man die Befähigung, einen Meisterbereich zu führen. Das ist nicht nur Technik, das ist vor allem auch Personalentwicklung und Personalführung", sagt Meyer. Der Abschluss habe die Wertigkeit eines Bachelors. Und noch bevor sie den Meisterbrief auch als Papier vorlegen kann, bekam sie auf eine Bewerbung sofort eine neue Stelle. Heute ist sie für gut 40 Mitarbeiter in einem großen Industrieunternehmen der Region tätig, ist mit dem neuen Team, mit der Arbeit und der Vergütung sehr glücklich.

Es hat also geklappt. Sie hat den Wert ihrer Arbeitskraft durch die Aufstiegsfortbildung gesteigert Nun ist sie angekommen und hat mit dem neuen Job alles im Griff.

Und die Mutti? "Die meint, dass ich alles richtig gemacht habe. Sie ist stolz auf mich", sagt Gabriele Meyer. Auch ihre beiden Söhne seien stolz auf die Mutti, dass sie das so durchgezogen hat. "Es ist hart, aber schaffbar", sagt sie. Zwei Jahre lang montags und mittwochs von 16.15 bis 20.30 Uhr die Schulbank drücken. Dazu jeden zweiten Samstag von 8 bis 15 Uhr. Berufsbegleitend bedeutet: Die Arbeit geht weiter, wie der Alltag als Mutter und Hausfrau mit all seinen privaten Problemen und unvorhersehbaren Turbulenzen.

Nach dem ersten Jahr der Ausbildung standen die ersten Prüfungen an. Basiswissen wurde abgefragt. "Wir hatten zum Glück zusätzlich eine kleine Lerngruppe gebildet, in der wir uns gegenseitig und untereinander Dinge erklärt und gemeinsam erarbeitet haben", sagt Gabriele Meyer. Bei den ersten Prüfungen saßen gut 100 Prüflinge im Saal, davon fünf Frauen.

Danach wurden die Klassen nochmals neu aufgeteilt, handlungsspezifisch gesplittet in die Bereiche Kunststoff und Metall. Sie wählte Metall. Damit kannte sie sich bereits aus. Zur nächsten Prüfung saßen nur noch 75 Prüflinge im Saal, allerdings unter ihnen noch immer alle fünf Frauen. Nach den schriftlichen Prüfungen im Mai vergingen acht quälende Wochen, ehe die erlösende Nachricht "bestanden" ins Haus flatterte. Doch es folgte noch das Fachgespräch im Juni, eine Art mündliche Prüfung, bei der ein Thema gezogen und nach kurzer Zeit präsentiert werden musste. Auch das hat die 49-Jährige gemeistert und sie darf sich seitdem Industriemeister nennen.

"In dieser bislang männerdominierten Branche ist durchaus auch Frauenpower gefragt", sagt Andrea Nestler von der IHK in Chemnitz. Und für alle, denen dieses Beispiel Mut macht, es Gabriele Meyer gleich zu tun: Am 17. September startet ein nächster Kurs zur Fortbildung als geprüfter Industriemeister. Zwei Kollegen aus der neuen Firma von Gabriele Meyer steigen da mit ein. Der Bedarf sei weiterhin groß. Mehr Infos zum Kurs:

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