Gericht verlängert Sex-Prozess gegen Lehrer

Im Berufungsverfahren wegen des Missbrauchs von Schülerinnen gibt es außer den Betroffenen weiterhin keine Tatzeugen. Trotzdem sind der Verteidigung am Dienstag einige Felle davongeschwommen.

Aue/Chemnitz.

Vergebens wartete die 7. Strafkammer am Landgericht Chemnitz am Dienstag auf einen Zeugen. Als Richter Frank Schmidt nachforschen ließ, stellte sich heraus, dass der Mann im Urlaub ist. Er soll Mitte Oktober gehört werden. Die für Donnerstag vorgesehene Urteilsverkündung ist hinfällig. Wann es zum Urteil kommt, blieb offen.

Der Zeuge sollte über ein einziges Detail Auskunft geben: Befindet sich in einer bestimmten Sauna im Erzgebirge an einer bestimmten Stelle ein Fenster oder nicht? Eine der beiden jungen Frauen (heute 33, 22), die ihrem früheren Grundschullehrer und Sporttrainer (56) sexuellen Missbrauch vorwerfen, hatte ausgesagt, dass es in der Sauna zu Übergriffen gekommen sei. Nach dem Saunabesuch habe sie immer als Erste das Gebäude verlassen müssen. Der Lehrer habe drinnen am Fenster gestanden und gewartet, bis sie fort war. Erst dann sei er selbst gegangen. Der Angeklagte, der alle Vorwürfe bestreitet, verwies darauf, dass es an besagter Stelle kein Fenster gebe, an dem er hätte warten können.


Bei diesem Detail geht es also nicht um eine konkrete Missbrauchshandlung, sondern um die Glaubwürdigkeit der jungen Frau. Das Gericht hält den Zeugen, der über das Fenster berichten soll, für so wichtig, dass seinetwegen der Prozess verlängert wurde. Dies zeigt, vor welcher Gratwanderung Richter und Schöffen bei der Wahrheitsfindung stehen. Sachbeweise existieren keine. Keiner der bisher Befragten hat gesehen, dass der Lehrer sich seinen Schülerinnen ungebührlich genähert hat. Dass die vorgeworfenen Taten in dem einen Fall mehr als zehn, im anderen über 20 Jahre zurückliegen, macht die Erinnerung der Zeugen nicht verlässlicher.

Als die Mutter der einen jungen Frau am Dienstag gefragt wurde, ob sie ihrer Tochter glaube, sagte sie: "Ich behaupte, mein Kind lügt mich nicht an". Im ersten Verfahren am Amtsgericht Aue war sie sich dessen nicht sicher gewesen. Der Vater der zweiten jungen Frau wurde das Gleiche gefragt. "So was kann man sich nicht ausdenken", sagte er. Aber auch das waren Worte des Glaubens. Seinerzeit hatten die Eltern beider Mädchen - der jeweils andere Elternteil wurde bereits früher in diesem Prozess gehört - nichts bemerkt.

Eine Psychologin wohnte dem Prozess bei, um die Glaubwürdigkeit der 22-jährigen Zeugin zu beurteilen. In ihrem Fall war der Lehrer am Amtsgericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Am Dienstag bescheinigte die Gutachterin der jungen Frau, ihre Aussagen hätten "einige Merkmale, die gegen eine falsche Anschuldigung sprechen". Rachegedanken seien ebenfalls nicht festzustellen gewesen. Dass sich die beiden Frauen abgesprochen haben, schloss sie aus.

Die beiden begegneten sich später vor dem Saal, wo die Jüngere die Ältere unter Tränen umarmte.

Für die Verteidigung war das Gutachten ein Rückschlag. Verteidiger Reinhard Röthig fand dennoch ein Haar in der Suppe. Er hält es für möglich, dass der Ex-Freund der jungen Frau deren Aussage beeinflusst hat. Das will er durch die Anhörung weiterer Zeugen überprüfen lassen.

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