Glockenstreit: Aktivistin will Hakenkreuze übersprühen

Über das Glockenspiel der Stadt Lößnitz wird weiter diskutiert. Eine Berlinerin will die NS-Symbole jetzt verbergen, ein Pfarrer die Geschichte aufarbeiten lassen. Und ein Stadtrat hat Unterschriften für den Erhalt des Carillons gesammelt.

Lößnitz.

Im Turm der St.-Johanniskirche in Lößnitz hängen vier Glocken mit Symbolen und Inschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus. Über deren Zukunft wird in der Region seit einigen Wochen diskutiert. Während sich die Stadt Lößnitz als Eigentümerin des Glockenspiels dafür ausspricht, das Geläut zu erhalten und nicht ruhen zu lassen, forderte genau das zuletzt die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten". Das Läuten des Carillons, hieß es, solle künftig unterlassen werden. Nun hat sich die bekannte Aktivisten Irmela Mensah-Schramm in der Debatte mit einem eigenen Vorschlag zu Wort gemeldet. Sie unterbreitet der Stadtverwaltung das Angebot, die NS-Symbole auf den vier betreffenden Glocken zu übersprühen. "Dann mache ich ein schönes Herz auf die Glocken", sagt sie.

Irmela Mensah-Schramm war nach eigenen Angaben von der Grünen-Politikerin Ulrike Kahl auf den Glockenstreit in Lößnitz aufmerksam gemacht worden. Die Berlinerin sagt dazu: "Ich vermisse bei dem Thema die Sensibilität. Die Leute sehen nur 'ihr' Glockenspiel. Aber die Hakenkreuze darauf sind ein Relikt aus der Zeit der schlimmsten deutschen Geschichte. Wir müssen endlich anfangen, zu sagen, dass diese Zeichen hier nichts mehr zu suchen haben." Die konsequenteste Lösung sei, die betreffenden Glocken einzuschmelzen. Ein Kompromiss, den sie "mit Bauchschmerzen hinnehmen würde", wäre, ein großes Hinweisschild an der Kirche aufstellen.


Mensah-Schramm ist dafür bekannt, bundesweit fremdenfeindliche und antisemitische Aufkleber von Pfeilern und Laternen zu entfernen und zu übermalen. In der Region hatte sie vor kurzem einen Anti-Rassismus-Workshops an der Oberschule Beierfeld abgehalten, bei dem es zu einem Eklat kam. Einer der Schüler hatte ihr auf einem anonymen Feedback-Zettel nahegelegt, ins KZ zu gehen. Der Fall erregte landesweit Aufsehen.

Gegen ein Entfernen der Inschriften oder einen Abbau der Glocken spricht sich der Lößnitzer Stadtrat Matthias Henke (parteilos/Mandat AfD) aus. Er hat in der Stadt Unterschriften für den Erhalt des Glockenspiels gesammelt. "Es ist ein Thema, das viele Menschen bewegt und beschäftigt." Für Henke ist das Bronzeglockenspiel ein Teil der Geschichte und keine Verherrlichung der NS-Zeit. Er sagt dazu: "Ich kann nicht alles wegmachen." Seine Unterschriftensammlung solle symbolisch zeigen, dass viele Leute hinter den Glocken stehen. "Von allen Leuten, die ich angesprochen habe, hat nur ein Prozent nicht unterschreiben wollen." In der jüngsten Ratssitzung übergab er die Unterschriften-Liste nun an den Bürgermeister. "Ich wollte 100 Unterschriften sammeln und habe 111 bekommen."

Der Lößnitzer Stadtrat hatte sich bereits in mehreren Sitzungen mit dem Thema befasst - und der Lesart der Verwaltung zugestimmt, dass das Glockenspiel erhalten bleiben soll. Das bekräftigt nun erneut die Lößnitzer Ortsgruppe der Linkspartei in einer Mitteilung. Der Vorstand erklärt darin aber auch, dass für die Glocken mit ihrer "Botschaft des Nationalsozialismus" eine "technisch saubere" Lösung gefunden werden muss, die den Klang des Carillons nicht negativ beeinflusst.

Die Ortsgruppe bevorzugt dabei, die betroffenen Glocken ganz auszutauschen und durch klanggleiche Kopien zu ersetzen. Alternativ könnten die Nazi-Symbole entfernt oder die Glocken zu einem Mahnmal gemacht werden. "In jedem Falle muss auch die Auseinandersetzung dokumentiert und in angemessenem Umfang mittels Gedenktafeln öffentlich kommuniziert werden", heißt es.

Das Glockenspiel als Mahnmal zu erhalten - dafür spricht sich auch der Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde in Lößnitz, Raphael Weiß, aus. "Das Unrecht, das damals geschehen ist, lässt sich nicht wiedergutmachen, es darf aber auch nicht vergessen werden", heißt es in einem Beitrag von ihm auf der Internetseite der Kirchgemeinde. "Insofern setzten wir uns im Gespräch mit den Akteuren dafür ein, dass auch dieser Teil der Geschichte des Glockenspiels aufgearbeitet wird, aber so, dass das Glockenspiel als warnender Zeuge für zukünftige Generationen erhalten bleibt." Die Kirchgemeinde verwehrt sich keiner der genannten Versionen, sagte Weiß am Mittwoch. "Wir sind mit der Stadt im Gespräch, wie eine angemessene Lösung aussehen kann."

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 3 Bewertungen
17Kommentare
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  • 6
    1
    Freigeist14
    15.08.2019

    Blacksheep@ da muss ich Ihnen mal vollkommen recht geben . Die Glocke ist weitest gehend den Blicken verborgen und nichts am Erhalt der Aufschrift rechtfertigt irgend etwas .

  • 9
    2
    Malleo
    15.08.2019

    black..
    Das hebt mich nicht einen Millimeter an.
    Die plakativen "Thesen" ihrer Spösslinge muss ich auch aushalten, gehören sie doch zu den Priviligiertesten der Priviligierten unserer Zeit.
    Siehe mein Beitrag!

  • 8
    2
    BlackSheep
    15.08.2019

    Um mal auf das Glockenspiel zurückzukommen, ein bisschen Gelassenheit wäre doch mal nicht schlecht. Die Geschichte ist nun mal geschehen, da hilft verbergen auch nicht. Die Geschichte aufarbeiten, warum, das ist doch schon tausendmal passiert. Wenn man nicht ohne Unterbrechung auf der Jagd nach Hakenkreuzen wäre, hätte keiner mitgekriegt das da welche draufsind, also was solls?

  • 11
    1
    Steuerzahler
    15.08.2019

    @Distelblüte: „ Ich bin nur sehr schlecht auf Linie zu bringen.“ Endlich konnte ich bei diesem sehr ernsten Thema einmal herzhaft lachen! Sie behaupten ernsthaft, dass Sie sich nicht auf Linie bringen lassen? Bei bestimmten Themen braucht es doch so gar keine Anstrengung dazu! Vielleicht sollten Sie etwas mehr differenzieren bei den Themen.

  • 12
    3
    Deluxe
    15.08.2019

    Wenn man die damaligen Verhältnisse mit den Augen von heute betrachtet, sind solche Statements wie von Distelblüte leicht zu machen.

    Aber so funktioniert es eben nicht. Und es ist auch dünnes Eis, auf dem sich die Dame da bewegt.

    Niemand kann aus heutiger Sicht verstehen, wie eine Figur wie Hitler derartig die Massen faszinieren konnte. Völlig unklar, daß dieser kleine, optisch wenig interessante Typ mit seiner Brüllerei Millionen zu faszinieren vermochte.
    Und trotzdem ist es passiert...weil die Zeit eine ganz andere war.

  • 12
    3
    Malleo
    15.08.2019

    distel..
    Es gibt keine kollektive Schuld.
    Diese ist immer individuell.
    Natürlich läßt sich ein solches Statement außerhalb der Zeit ohne Probleme ablegen- nicht auf Linie bringen...

  • 4
    16
    Blackadder
    15.08.2019

    @Malleo: Jugendliche, die sich für eine bessere Klimapolitik einsetzen, als Banausen zu bezeichnen, ist eine Frechheit. Was fällt Ihnen ein, meine Kinder und ihre Freunde zu beleidigen?

    Leider sieht die Freie Presse das nicht so.

  • 3
    20
    Distelblüte
    15.08.2019

    @socke64: Sie betreiben Relativierung der jüngeren Geschichte. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, wohl aber darum, sich der Verantwortung bewusst zu werden.

  • 2
    17
    Distelblüte
    15.08.2019

    @Malleo: Nein, das hätte ich nicht. Meine Eltern auch nicht. Ich bin nur sehr schlecht auf Linie zu bringen.

  • 19
    3
    socke64
    15.08.2019

    Werte Distelblüte,die Wahrzeichen der damaligen Zeiten stehen heute unter Denkmalschutz(Kirchen,Burgen,Schlösser etz),die müssten genauso zerstört werden.Es wurde auch da viel barbarisches getan.Ich hab mit dem letzten Krieg nichts zu tun,dafür war selbst mein Vater noch zu jung.Irgendwann muß mal Schluß sein!!

  • 19
    6
    Malleo
    15.08.2019

    distel ..
    ...und es sind FFF Banausen, die mir falsches Verhalten vorwerfen.
    Ich bin mit Brotsuppe zum Frühstück groß geworden und bis zum Beginn des Studiums mit dem Fahrrad in die Schule gefahren.
    Das waren jeden Tag 10km mit dem Damenrad meiner Großmutter.
    Also, bitte den Ball sehr, sehr flach halten!
    Es taugt absolut nichts, wenn mit den moralischen Ansprüchen der Gegenwart, Vorgänge in der Vergangenheit bewertet werden.
    Vielleicht hätten auch Sie eine solche Uniform getragen, oder ihre Eltern?
    Denken Sie darüber einmal nach.

  • 5
    16
    Distelblüte
    15.08.2019

    @socke64: Es ist richtig, dass Sie die Verfolgung unschuldiger Menschen im Mittelalter und deren Hinrichtung als Hexen in einen Kontext stellen mit der Verfolgung unschuldiger Menschen aus rassistischen Gründen.
    Nur ist letzteres nicht so lange her, dass man sich wie beim Thema Hexenverbrennung kopfschüttelnd über die barbarische, abergläubische, ungebildete Bevölkerung wundern kann - unsere Vorfahren übrigens.
    Das Thema Nazizeit ist dagegen noch immer präsent; keine Familie kann von sich behaupten, damit nichts zu tun zu haben.
    Dazu möchte ich ein Zitat von Karel Stojka, einem Auschwitz-Überlebenden anbringen: "Es waren nicht Hitler oder Himmler, die mich verschleppt, geschlagen und meine Familie erschossen haben.

    Es waren der Schuster, der Milchmann, der Nachbar, die eine Uniform mit einem Totenkopf bekamen und dann glaubten, sie seien die Herrenrasse."

  • 21
    3
    j35r99
    15.08.2019

    Liebe Distel.., in meiner Geburtsurkunde ist noch der Chemnitzer Stadtsiegel, aus dem dritten Reich, mit Hakenkreuz.
    Wie bekomme ich das nur weg, ohne eine Urkundenfälschung zu begehen?

  • 16
    4
    Hinterfragt
    15.08.2019

    Die Berliner "Aktivistin" soll sich lieber um Berlin kümmern ...

    U.a. das Bundesverteidigungsministerium, Bundesministerium für Finanzen logieren NS-Bauten ...

  • 20
    3
    socke64
    15.08.2019

    Kaum jemand wußte bis vor kurzem was davon und nun wird ein riesen Aufriß gemacht.Die Glocken sieht kaum einer,man hört die nur.Und wenn wir jedes Relikt aus dieser Zeit beseitigen wollen,dann haben wir verdammt viel zu tun.Zu unserer Geschichte gehört diese Zeit genau so dazu wie die Hexenverbrennung im Mittelalter!

  • 6
    23
    Distelblüte
    15.08.2019

    Dass ein AfD-Stadtrat die Glocken unbedingt erhalten und auch läuten lassen will, wundert nicht. Dass er 111 Gleichgesinnte gefunden hat, ist im Erzgebirge zu erwarten.
    Es kann nicht sein, dass im Namen der "Tradition" Hakenkreuze toleriert, oder ignoriert werden. Das hat mit Heimatliebe nichts mehr zu tun.

  • 21
    3
    Urlaub2020
    15.08.2019

    Wenn man sonst keine Probleme hat.



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