Graffitikunst in Auer "Bazillenröhre"

Marode und muffig - so kennen die meisten den Fußgängertunnel am Bahnhof. Seit kurzem kleben nun aber kleine, bunt bemalte Ausschnitte der "Freien Presse" aus dem Jahr 1989 an den Wänden. Was hat es damit auf sich?

Aue.

Der Fußgängertunnel unter den Gleisen am Auer Bahnhof könnte in einem finsteren Krimi ein zentraler Schauplatz sein. Triste Wände, spärliche Beleuchtung und Gestank nach Urin. Wohl nur die wenigsten Leute, die hier Tag ein, Tag aus entlang laufen, dürften das mit einem guten Gefühl tun. Doch seit ein paar Tagen erregen kleine Kunstwerke in der "Bazillenröhre" das Interesse von Passanten: Es sind bemalte Zeitungsausschnitte der "Freien Presse" vom 26. Juli 1989.

Doch wer hat die 30 Jahre alten Ausschnitte dort hinterlassen - und was hat es damit auf sich? Auf den Zeitungsschnipseln im Tunnel sind verschiedene Motive zu finden, etwa eine Banane, ein küssendes Herz und dazu der Spruch "You are the Yin to my Yang", zu deutsch "Du bist das Yin zu meinem Yang". Ein Fußgänger, der sie entdeckt hat, sagt dazu: "Das ist ein Hingucker. Normalerweise finden sich hier weit schlimmere Kritzeleien."


Auf allen Kunstwerken prangt das Wort Schiikaa. Ein Hinweis auf den Künstler? Bei einer Recherche im Internet findet sich ein gleichnamiges Profil einer Frau im Fotonetzwerk Instagram, das mehrere Bilder von bunt bearbeiteten Zeitungsausschnitten zeigt - davon viele weitere im Auer Stadtgebiet. Auf Nachfrage von "Freie Presse" antwortet die Betreiberin des Profils mit einem augenzwinkernden Smiley: "Wenn die Paste-ups mit Schiikaa signiert sind, sind sie höchstwahrscheinlich von mir." Paste-ups - das ist ein Begriff aus der Straßenkunst. Darunter versteht man ein mit Kleister oder Leim aufgezogenes Plakat. Zwar ist solches "wildes Plakatieren" eigentlich verboten, wird aber häufig geduldet. Wie die Künstlerin - die lieber anonym bleiben möchte - erklärt, wohnte sie bis vor Kurzem in Dresden, wollte studieren. Weil das nicht klappte, sei sie nun zurück bei ihrer Familie in Aue. "Und so habe ich meine Paste-ups eben auch in Aue geklebt, auch wenn das eher typisch für Großstädte ist", schreibt sie. In einer Botschaft bei Instagram sagt sie über die Stadt auch: "Streetart zu machen, wo schon Streetart ist, ist leicht. Hier bin ich aber, bis auf ein paar Fußballfanatiker, die einzige. Und irgendwie fühle ich mich einfach beobachtet in der Kleinstadt."

Dass sie in ihren kleinen Botschaften alte "Freie Presse"-Ausgaben verwendet, hat mit ihrer Familie zu tun. Die habe ganz viele Zeitungen aufgehoben. "Da bot es sich an, diese gleich für mein Projekt zu nutzen", erklärt die Künstlerin. Und die Banane? Die sei ein Gag. "Wir sollten unsere Wurzeln nicht vergessen, und dass noch sehr viel unserer nahen Verwandten in uns steckt, wie auch die Vorliebe für Bananen, fürs Grimassen schneiden oder viele andere affige Angewohnheiten."

Mit gemischten Gefühle sieht die Stadtsprecherin von Aue-Bad Schlema, Jana Hecker, die bunten Botschaften: "So etwas ist grundsätzlich illegal und Sachbeschädigung." Zugleich erklärt sie: "In meinen Augen sieht das schön aus. Das ist Graffitikunst, wie man sie sich vorstellt." Zudem sei der Tunnel "bisher wirklich kein Aushängeschild" für Aue. "Im Volksmund wird er auch ,Harnröhre' genannt", sagt sie.

Laut Bauamt war der Durchgang zuletzt 2008 saniert worden. Seither sorge Feuchtigkeit in den Wänden aber dafür, dass immer wieder der Putz abbröckelt. Zudem sind in dem Tunnel häufig Vandalen unterwegs; Wände und Lampen würden regelmäßig beschmiert, heißt es.

Eigentümer des Tunnels ist die Deutsche Bahn. Darauf weist die Stadtverwaltung gern hin, wenn es um die Frage geht, wer für den Unterhalt des Bauwerks zuständig ist. Und dennoch: Immer wieder rücken Mitarbeiter des städtischen Bauhofs an, um den Tunnel zu reinigen und Kritzeleien mit Farbe zu übermalen. Jana Hecker sagt: "Wenn es die Bahn nicht bei Gelegenheit macht, müssen wir uns kümmern."

Das gilt auch für eine grundlegende Sanierung. So gibt es wegen des Tags der Sachsen, der im September 2020 in Aue-Bad Schlema stattfinden soll, in der Stadtverwaltung jetzt neue Pläne, den Tunnel auf Vordermann zu bringen. Geld dafür bereitgestellt sei aber noch nicht, sagt Jana Hecker. Unwahrscheinlich - weil teuer - scheint deshalb auch, dass die Treppen um eine Rampe für gehbehinderte Menschen und Radfahrer ergänzt werden. Diesen Wunsch hegen einige Bürger bereits seit längerem.

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