ISS ruft Zwönitz!

Im zweiten Anlauf kam der zuerst für Montag geplante Funkkontakt von Astronaut Alexander Gerst zu neun Gymnasiasten im Erzgebirge gestern zustande. Der künftige ISS-Kommandant verriet, dass man Weltraumkost trotz großer Auswahl auch schon mal satt hat.

Zwönitz/ISS.

Neuntklässler Eric Weidehaas folgt dem weißen Punkt, der auf dem Monitor die Internationale Raumstation ISS darstellt. Der Fleck wandert über die Erdkarte und bugsiert eine ihn umgebende Blase über den Pazifik gen Südamerika. Die Blase markiert den knapp 5000 Kilometer großen Funkbereich, den die Raumstation beim Überflug auf der Erde abdeckt, weiß der 15-jährige Amateurfunker. Bei einem Flugtempo von rund 28.000 Kilometern pro Stunde ist dieses Funkfenster knapp zwölf Minuten offen.

Zusammen mit acht Schulkameraden will Eric Weidehaas um 13.12 Uhr einen neuen Versuch starten, mit Astronaut Alexander Gerst in 400 Kilometern Höhe in Kontakt zu treten. Drei Tage, nachdem am Montag ein erster Versuch scheiterte. Die Nasa - erpicht auf weltweite Schülerkontakte zur Raumstation - hatte ein falsches Protokoll ausgegeben. Konsequenz: Gerst versuchte Montag, Braunschweiger Schüler anzufunken, die gar nicht da waren. Die Funkamateure des Zwönitzer Matthes-Enderlein-Gymnasiums und einer Partnerschule in Kaiserslautern, für die ein Funkplatz vereinbart war, warteten vergeblich auf Astro-Alex.

Eberhard Georgi nahm es mit Humor. So kam der 84-Jährige gestern eben noch mal in die Aula des Gymnasiums, um seiner Ur-Enkelin Jocelyn Scheller (14) beim Funken zuzusehen. Über den Bildschirm auf der Bühne flimmern Bilder von Gersts letztem Start in Baikonur. Auch die Gagarin-Statue wird dort gezeigt. "Damals gab es offenen Funkkontakt ins All noch nicht", erinnert sich der Ur-Großvater an den April 1961, als Juri Gagarin als erster Mensch in eine Umlaufbahn flog. Eberhard Georgi war da 27. "Die Technologie schreitet eben voran, nicht nur in dem Bereich", sagt er.

Auch der Punkt auf der Karte schreitet voran. Er passiert jetzt Bolivien. "Noch 20 Minuten", kündigt Heiko Meier vom Deutschen Amateur-Radio-Club an. Meier leitet die Funk-AG des Gymnasiums und stellte vor zwei Jahren bei der Nasa den Antrag auf ISS-Kontakt.

Die Spannung steigt. Rauschen aus den Boxen. Dann ertönt plötzlich Gersts Stimme. Weil die ISS von Westen kommt, wendet er sich zuerst an die Kaiserslauterner Schüler. Dann ist Kontakt zu Zwönitz möglich. Gerst kommentiert das Chaos vom Montag. Es folgt der Dialog. Im Gänsemarsch treten die Neuntklässler ans Mikrofon, um - minutiös durchchoreografiert - Fragen loszuwerden, jeweils im Zweier-Takt: zwei aus Kaiserslautern, zwei aus Zwönitz. Hier sind Franz und Kassandra als erste dran: Welche Zeitzone wird auf der Station gelebt? Over! Welche physischen und psychischen Auswirkungen hat das Leben auf der Raumstation? Over!

Das Publikum spitzt die Ohren, um aus Gerausche und Geknister Gersts Worte herauszufiltern. Diesmal klappt es, wenn auch nicht ganz. Sechs Zwönitzer Schüler können Fragen stellen, doch ab Gersts vierter Antwort streikt der Empfang. "Ist bei Experimentalfunk manchmal so", zuckt Heiko Meier mit den Schultern. Aus seiner Sicht war der Kontakt dennoch erfolgreich. Die ganze Aula applaudiert zum Abschied. Ob Gerst es hört?

Zumindest bei der Nasa dürften gestern den Verantwortlichen Steine vom Herzen gefallen sein. Ein Fauxpas wie am Montag sollte nicht passieren, selbst wenn bei Experimenten auch mal was daneben geht. "Da herrschte ganz schön Hektik", urteilt Meier nach seinen Rückrufen bei der Raumfahrtbehörde.

Immerhin hält die Nasa auf ihr Amateurfunk-Programm auf der ISS (ARISS) große Stücke. Sogar die leichtfüßig profunden Sätze von Neil Armstrong bei der Mondlandung 1969 bemüht sie, wenn es um die Beschreibung dieses Programms geht: "Ein kleiner Ruf für einen Funker, eine bis heute anhaltende Konversation zwischen Astronauten und Schülern." Hunderttausende Schüler weltweit haben inzwischen über Amateurfunkverbindungen Kontakt zur Crew der ISS aufnehmen können, seit am 21. Dezember 2000 der damalige Commander William Shepherd den Anfang machte.

Damals war es die Luther Burbank School im Südwesten Chicagos, eine sogenannte K-8-Schule (Kindergarten bis achte Klasse), mit deren Schülern der ISS-Kommandant in Dialog trat. Und auch damals gab es zuerst Anlaufschwierigkeiten. Angesichts des direkten Gesprächs mit dem Astronauten waren Schüler wie auch Lehrerin Rita Wright aus dem Häuschen. Immerhin waren sie die ersten Schüler mit Direktdraht zum dauerhaft besetzten Außenposten der Menschheit im Weltraum. "Wir werden auf immer mit der ISS und Commander William M. Shepherd verbunden sein, so wie eines ihrer Solarpaneele, das das durch den Mut, die Forschung und Mühen des Teams Alpha 1 erworbene Wissen reflektiert." So steht es auf einer Tafel, die seither die Chicagoer Schule ziert.

In fast 18 Jahren hat die Nasa ihr Amateurfunk-Programm auf die ganze Welt ausgedehnt - mit Hilfe von Amateurfunkorganisationen in unterschiedlichen Ländern und durchgeplanten Funk-Slots. "Als im Vorjahr ein italienischer Astronaut oben war, gab es eben viele Kontakte nach Italien", weiß Heiko Meier. Dieses Jahr, mit Alexander Gerst als baldigem ISS-Kommandanten, funken viele deutsche Schüler.

Zwar wiederholen sich Fragen immer mal, doch das macht nichts. "Das Hauptziel des Programms ist Reichweite für die Bildung", beschrieb es Frank Bauer, früherer Leiter des Steuerungs-, Navigations- und Kontrollzentrums im Goddard Space Flight Center der Nasa. "Wissen direkt aus dem All zu vermitteln, wie es mit dem ARISS-Programm (kurz für Amateur Radio on the ISS - deutsch: Amateurfunkprogramm auf der ISS) möglich wird, nutzt die einzigartige Umgebung eines Raumschiffs, um das Interesse der Schüler an Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik zu wecken", beschrieb es die Nasa-Lehrbeauftragte Cynthia McArthur.

Bei dem Zwönitzer Gymnasiasten Eric Weidehaas trifft diese Intention auf fruchtbaren Boden. Was müssen wir tun, um Astronauten zu werden? Zwar konnte er diese seine Frage gestern nicht mehr stellen. Dennoch: Sein Interesse an Technik ist längst geweckt. Im Zuge des Projekts erwarb er nicht nur die Amateurfunk-E-Lizenz, sondern gleich die umfassende A-Lizenz. "Beruflich könnte ich mir vorstellen, mal was mit Robotik zu machen", sagt er. Astronaut werden? Tipps dazu kann er sich zur Not in veröffentlichten Antworten anderer ISS-Funkverbindungen holen. Seine Frage gehört schließlich zu den meistgestellten.

Manche Fragen touchieren drängende Probleme der Zukunft. Etwa die des Zwönitzer Schülers Paul Schwarzenberg (14), für die gestern ebenso keine Zeit blieb: Gibt es ein Problem mit Weltraumschrott? Leverkusener Schülern hatte Gerst vor Wochen erklärt, wir müssten aufpassen, "dass wir weniger Müll in den Weltraum schießen ... denn wenn das in sehr hohen Umlaufbahnen passiert, bleibt der fast für immer. Der kann uns irgendwann den Zugang in den Weltraum versperren", mahnte Gerst. Die fußballfeldgroße ISS selbst ist vor Einschlägen von Teilchen bis zu einem Zentimeter abgeschirmt. Größere Teile, etwa Trümmer ausgedienter Satelliten, sind bei der Nasa erfasst und werden verfolgt, um die ISS bei Kollisionskurs zu Ausweichmanövern anzuleiten. Laut Nasa-Erhebung befanden sich 2016 rund 21.000 Teile Weltraumschrott im Orbit, die mehr als einen Meter Durchmesser hatten. Zwischen einem Meter und zehn Zentimetern gibt es schätzungsweise ein halbe Million Teile, unter einem Zentimeter Größe rechnet die Nasa mit 100 Millionen.


Raffael Mewes (14): 

Gibt es einen privaten Raum oder Privatsphäre?

Alexander Gerst: "Ja, Raffael, das gibt's. Jeder hat von uns so 'ne kleine Schlafkabine. Da kann man die Tür einfach zumachen. Da schlafen wir eben, wie gesagt, auch drin. Und wenn man mal die Nase voll hat, kann man da rein und die Tür zumachen. Aber eigentlich braucht man das gar nicht so oft, weil: Dieses Raumschiff ist so groß, dass man sich hier nicht so auf die Füße tritt. Over!"


Kassandra Kaden (14):

Welche physischen und psychischen Auswirkungen hat das Leben auf der Raumstation?

Alexander Gerst: "Was wir rausgefunden haben - das weiß man schon länger - ist, dass wenn man im Weltraum ist und keine Gegenmaßnahmen trifft, dann werden die Muskeln schwächer ... Ich denke nicht, dass das große Auswirkungen hat. Wir haben gelernt, in der Schwerelosigkeit zu leben, auch für ein halbes Jahr oder ein Jahr. Das ist ein riesiger Fortschritt, den die Menschheit gemacht hat in den letzten Jahrzehnten. Und das heißt, dass wir bereit sind, auch weiter und länger raus in den Weltraum zu fliegen. Es gibt natürlich noch Dinge, die wir erforschen müssen. Dinge mit dem Immunsystem oder mit Strahlung. Das heißt, es gibt natürlich noch Dinge, die interessant und wichtig sind, aber die grundsätzlichen Probleme, die können wir lösen. Over!"


Ansh Singh (14): 

Wie ist das mit dem Essen geregelt und wie ist der Geschmack?

Alexander Gerst: "Ja, Essen ist so'n Ding. Wir haben hier so um die 100 verschiedene Menüs oder so Essensgerichte, die wir uns raussuchen können, Komponenten. Und die machen wir warm in so 'nem kleinen Ofen. Das schmeckt an sich sehr gut. Aber irgendwann hat man's doch satt. Einfach weil sich oft Sachen wiederholen ... kein Salat oder so. Das heißt, Essen ist wirklich noch so'n Ding, da können wir noch ein bisschen dran arbeiten. Over!"

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