Ist die Pilzschwemme ein Zeichen für den kränkelnden Wald?

Eine ganze Region im Pilzrausch: Ein Biotechnologe erklärt im Interview Hintergründe zur Schwammeflut

Aue/Schwarzenberg.

Immer neue Pilzfunde machen derzeit Schlagzeilen in der Region. Im Gespräch mit Redakteurin Nicole Jähn erklärt der Mykologe und Pilzfachmann Alexander Karich, was zum Ausnahmezustand in den hiesigen Wäldern geführt hat.

"Freie Presse": Herr Karich, welche Voraussetzungen mussten zusammenspielen, um zu der aktuellen Pilzschwemme in den sächsischen Wäldern zu führen?

Alexander Karich: Für das Wachstum der kulinarischen Pilze ist natürlich in erster Linie die momentan günstige Wetterlage verantwortlich. In den vergangenen drei Jahren war der September sehr heiß mit Tagen um 30 Grad Celsius, auch waren die letzten zwei Sommer extrem trocken und heiß. Dieses Jahr ist anders. Besonders in den vergangenen Wochen war die Wetterlage günstig, das heißt, es gab ausreichend Niederschläge und es ist entsprechend feucht, dass Pilze Fruchtkörper ausbilden können. Das erscheint vielen jetzt als großer Schwung.

Ist das ein Indikator für ein sich veränderndes Klima in den hiesigen Breiten?

Das wäre eine problematische Aussage, denn um etwas über das Zusammenspiel des Pilzwachstums und des sich verändernden Klimas sagen zu können, brauchen wir langfristige Betrachtungen. Nicht drei Jahre, sondern mindestens drei Dekaden, also 30 Jahre. Sicher wäre das eine lohnende Studie, aber im Moment können wir wenig Verlässliches sagen und nur über günstige Wetterlagen sprechen. Es ist davon auszugehen, dass mit verändernden Bedingungen natürlich auch vermehrt Pilze wachsen, die besser an solche Bedingungen angepasst sind, etwa Pilze für Trockenstandorte.

Pilzberater berichten von einer großen Artenvielfalt, die sich in diesem Jahr zeigt. Laien schwärmen von blauen, grünen oder lila Pilzen, die sie nie zuvor sahen. Verzeichnet die Wissenschaft ebenfalls Auffälligkeiten?

Vor kurzem war ich bei einer Pilz tagung in Brandenburg. Dort wurde diskutiert, ob der Krause Adernzähling, ein nicht genießbarer Pilz, der auf Holz wächst, wieder häufiger vorkommt. Um 1900 wurden we nige Exemplare dokumentiert, zu DDR-Zeiten galt er als fast ausgestorben. Die Frage ist, gibt es ihn tatsächlich häufiger oder suchen heute nur mehr Mykologen nach ihm? Ist eine günstige Wetterlage oder weniger saurer Regen der Grund für das Vorkommen? Auch das ist ein Beispiel, wofür es langfristige Studien braucht. Über das Wachstum und Vorkommen von Pilzen lassen sich schwerer Aussagen treffen, als über Pflanzen oder Flechten.

Inwiefern?

Wenn ich etwas über das Flechtenwachstum an Bäumen oder die Verbreitung einer bestimmten Pflanzenart wissen möchte, gehe ich jedes Jahr hin und vermesse die Flechte, beziehungsweise zähle die Individuen der Pflanze. Wenn ich aber ein Monitoring über Pilze auf einem Stück Wiese anstrenge, heißt es noch lange nicht, dass der Pilz verschwunden ist, wenn ich in einem Jahr keine Fruchtkörper finde. Vielleicht war nur das Wetter ungünstig. Den Sommersteinpilz fand ich zum Beispiel erst jetzt, weil es im Juli zu trocken war. Er kann aber auch ein Jahr aussetzen oder erst bei milden Temperaturen im Frühjahr Fruchtkörper ausbilden. Der Fruchtkörper ist ja nur ein geringer Teil des Pilzes. Auch das Zusammenspiel von Pilzen und Pflanzen ist nicht so unkompliziert, dass wir schon alles darüber wüssten.

Dem Wald geht es bekanntlich nicht gut: Trockenschäden, Borkenkäferschäden. Die außergewöhnlich starke Blüte der Fichte galt auch als Zeichen, dass es ums Überleben geht. Lässt sich das auf Pilze übertragen?

Was wir gesichert wissen, ist, dass Mykorrhiza-Pilze wie Steinpilze, Maronen und andere Röhrlinge mit Pflanzen kommunizieren. Die jeweiligen Arten stehen im Stoffaustausch mit Bäumen wie Fichten, Kiefern, Buchen oder Eichen. Die Pilze ermöglichen es dem Baum, über die Wurzeln mehr Nährstoffe und Wasser aufzunehmen. Dafür versorgen sie den Pilz mit Kohlenhydraten. Es ist schon denkbar, dass ein kränkelnder Baum mehr Kohlenhydrate in die Wurzeln und zum Partner schickt, was wiederum zu einem verstärkten Wachstum des Pilzes führt. Es ist ebenso denkbar, dass ein Baum, der durch eine längere Trockenperiode negativ beeinflusst ist, wenn die Wetterlage wieder günstig ist, dann möglicherweise auch wieder mehr Kohlenhydrate an die Pilze weitergibt. Das ist aber alles sehr spekulativ. Einen Beleg durch Studien gibt es dafür nicht. Sicher ist, dass ein abgestorbener Baum auch kein Wachstum des Mykorrhiza-Pilzes mehr ermöglichen kann. In einem toten Fichtenwald finden sich keine Maronen mehr.


Zur Person

Alexander Karich (35) wuchs in Zwickau auf und arbeitet seit acht Jahren am Internationalen Hochschulinstitut Zittau (IHZ). Das ist eine wissenschaftliche Einrichtung der TUDresden. Karich forscht im Bereich Umweltbiotechnologie mit dem Schwerpunkt Enzymologie und Mykologie, also der biotechnologischen Anwendung von Pilzen. Nebenbei befasst er sich ausführlich mit der Taxonomie von Großpilzen. (nij)

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