Jazz und Hardrock vor dem Kirchenaltar

Begeistert wurde ein experimentelles Konzert der Erfurter Spielmannsgruppe Vielgestalt in der Griesbacher Kirche St. Georg & St. Martin aufgenommen. Das war auch sehenswert.

Griesbach.

Mittelalter und Moderne, passt das zusammen oder ist das nur eine musikalische Zwangsvereinigung, entsprungen jugendlichen Querköpfen? Nein, alles kam zu seinem Recht, ergreifende Gesänge der Stille wie auch so eine Art Mittelalter-Hardrock.

Den Vorabend des Kirchweihfestes der Griesbacher Kirchgemeinde St. Georg & St. Martin gestalteten Spielleute der Erfurter Gruppe Vielgestalt. Der schwebende Gesang zweier jugendlich heller Frauenstimmen zu einem Glöckchen, das nur kurz Glanzpunkte setzte, dazu ein raunender Kontrabass erinnerten an Carl Orffs weltberühmte "Carmina Burana". Als Gegenstück bildete ein wilder Fruchtbarkeitstanz aus Ägypten den Kontrast zum stillen heimischen Griesbacher Altar. Da stellt sich die Frage, ob solche feurigen südländischen Animationen auch die hiesige Geburtenrate steigern könnten.

In eine ähnlich animierende Richtung ging der Kreistanz, an dem sich zum Leidwesen des Moderators das Publikum nicht beteiligen konnte. Der Solist bediente eine große Sackpfeife, einen Riesen-Dudelsack, dessen längstes Rohr sich der Spieler auf die Schulter legte. Unten an einem Bein bewegte er dazu eine Schelle. Das Publikum klatschte jedenfalls begeistert mit.

An der Orgel beteiligte sich Gernot Müller, Musiklehrer, Inhaber des Unternehmens "Pianote", weithin bekannter Schneeberger Künstler mit breitem Repertoire und musizierender Familie. Er war Bestandteil eines Experimentes, das es so vielleicht noch nicht gegeben hat. Die Musiker verteilten sich auf der Empore und lieferten mit der Orgel knallige Musiken zwischen Jazz und Hardrock. "Metamorphmusik" nennen die Spielleute ihre Musik der ständigen Formwandlung.

Vielgestalt wurde 2016 von fünf Musikstudenten gegründet, die mit dem Instrumentarium der Alten Musik Neues entwickeln wollten. Der wichtigste indirekte Mitwirkende des 20. Jahrhunderts ist der aus Estland stammende Komponist Arvo Pärt mit seiner asketisch meditativen Musik von ungewöhnlicher Reduktion der Klangmittel. Die heute üblichen zahlreichen lauten Jahrmarktmusiken wollten die fünf Spielleute nicht kopieren, sondern wie Arvo Pärt mit den alten musikalischen Bausteinen neue Klangmöglichkeiten austesten.

Sehenswert war der mit wehenden Haaren wild um sein Instrument tanzende Kontrabassist. Entgegengesetzt, mit himmlischem Frieden im Stil psalmodierender gregorianischer Klangkunst hatte das Konzert mit den sauber geführten Stimmen der Sänger begonnen. Die Musiker, die von der Familie Gernot Müller betreut wurden, baten das Publikum nach der Zugabe zuletzt um "zwei Mark Spende". Der Schlagzeuger von Vielgestalt stammt übrigens aus Griesbach.

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