Kita: Stadtrat entscheidet gegen Eltern

Die Stadt Lauter- Bernsbach muss sparen. Deshalb übergibt sie die Kita "Kinderparadies" an einen freien Träger. Dass die Wahl auf die Volkssolidarität gefallen ist, stößt Personal sowie Müttern und Vätern sauer auf.

Lauter-Bernsbach.

Kurz vor Beginn der jüngsten Stadtratssitzung von Lauter-Bernsbach hat sich die Aula schlagartig gefüllt. Am Ende saßen rund 70 Gäste im Raum. Das hat Seltenheitswert - und in diesem Fall einen Grund: die Übergabe der Bernsbacher Kita "Kinderparadies" an einen freien Träger.

Das Vorhaben löste schon vor Monaten Unruhe im Umfeld der Kita aus. Die meisten Sitzungsgäste waren Erzieherinnen und Erzieher, Vertreter des Elternrats sowie Mütter und Väter. Sie beantragten und erhielten Rederecht. Scheinbar war nicht alles gesagt. Bürgermeister Thomas Kunzmann (Freie Wähler) fasste die Situation zusammen: "Wir haben es ausführlich geprüft." Um einen freien Träger komme man nicht herum.


Die Kommunalaufsicht tritt der Stadt auf die Füße. So gibt es zwar einen abgesegneten Haushaltsplan für das laufende Jahr, aber im Ergebnishaushalt klafft ein dickes Minus. "Wir haben die strikte Auflage erhalten, zu sparen und Einnahmen zu erhöhen, wo es geht", so Kämmerin Sylvia Hedrich. Die Erhöhung der Elternbeiträge bringt 30.000 Euro in die Kasse, angehobene Steuersätze bedeuten ein Plus von 80.000 Euro. Die Übergabe der Kita mit 280 Plätzen und 30 Angestellten in freie Trägerschaft würde weitere 210.000 Euro pro Jahr sparen. "Und trotzdem bleibt noch ein Defizit von 180.000 bis 200.000 Euro, das wir anderweitig stopfen müssen", so Hedrich. "Der Handlungsbedarf ist enorm."

Jährlich zwei Millionen Euro gibt die Stadt für die Kinderbetreuung aus, schuf unlängst 120 Hort- und 50 neue Krippenplätze. Allein die Betriebskosten für letztere belaufen sich laut Hedrich auf 400.000 Euro, die man zusätzlich stemmen muss. Der Bürgermeister: "Daher ist es unfair zu sagen, wir sparen an den Kindern. Wir tun alles, damit sie vor Ort betreut und unterrichtet werden."

Die harte Rechnerei und die damit verbundene Abgabe der Bernsbacher Kita bedeutet für das Personal nicht unerhebliche Lohneinbußen. Doch darum allein gehe es nicht, schon gar nicht in erster Linie, betonte Kita-Leiterin Katja Kluge. "Die Trägervielfalt ist in Gefahr."

So bestünde für Eltern keine Wahlmöglichkeit mehr, da aus vier Bewerbern - Arbeiterwohlfahrt, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz und Volkssolidarität - ausgerechnet die Volkssolidarität in die engere Wahl kam, die schon die Kita "Mini & Maxi" in Lauter und den Hort an der Grundschule betreibt. Kluge: "Ich dachte, unsere Meinung hat Gewicht."

Sowohl Personal als auch Elternrat hatten nach Gesprächen, Konzeptsichtung sowie nach Besuchen in Kitas aller Bewerber für Arbeiterwohlfahrt oder Diakonie plädiert. Kluge und Eltern befürchten nun, dass Erzieher abwandern, wenn das erste Jahr unter neuer Trägerschaft zu alten Konditionen verstrichen ist. Indirekter Vorwurf: Die Kommune habe sich für den billigsten Anbieter entschieden.

Das wies Stadträtin Bärbel Sachse (CDU) zurück: "Der Günstigste und der Teuerste flogen bei der Beratung des Verwaltungsausschusses raus." Zwei blieben - und die Volkssolidarität erhielt acht von elf Stimmen. Dem Stadtrat oblag nun noch der Beschluss zur Volkssolidarität - ja oder nein.

"Ich hätte mir da eine Wahlmöglichkeit gewünscht", sagt Jörg Kunzmann (Freie Wähler/SPD). Er findet es nicht fair, dass ein Teil der Räte - jene, die nicht im Verwaltungsausschuss sind - nun nur zustimmen oder ablehnen konnten. Die teils hitzige und anderthalbstündige Diskussion endete mit dem Beschluss. Durch acht Ja- und vier Nein-Stimmen bei sechs Enthaltungen wird die Volkssolidarität neuer Träger der Bernsbacher Kita "Kinderparadies".


Kommentar: Zwick-mühle

Es gibt Entscheidungen, die tun weh - und zwar allen Beteiligten. Eine solche ist jetzt in Lauter-Bernsbach gefallen. Sie musste fallen. Das hatte die Kommunalaufsicht sehr deutlich gemacht, als sie die Stadt zum rigorosen Sparen aufforderte.

Verständlich ist der Unmut der Betroffenen. Lohneinbußen schmerzen jeden. Ganz unabhängig davon, ob er mit Kindern arbeitet, am Band steht oder im Büro sitzt. Ein Wechsel des Arbeitgebers bedeutet immer auch Ungewissheit, wie künftig alles werden wird.

Leicht gemacht hat sich die Entscheidung in dieser Zwickmühle keiner. Die Stadträte befassten sich monatelang intensiv mit dem Trägerwechsel und seinen Folgen.

Schwer wird es nun für den neuen Träger. Er muss die Emotionen, die hochgekocht sind, auffangen - und einen Weg finden, den alle bereit sind, gemeinsam zu gehen.

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