Landkreis zählt mehr Schulverweigerer

Anzeigen nach Verletzung der Schulpflicht haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Doch im Vergleich mit anderen Regionen steht das Erzgebirge gut da.

Annaberg-Buchholz/Schwarzenberg.

Mitunter sind es banale Dinge: Weil es keinen Wecker im Haushalt gibt, kommt der Schüler morgens nicht aus dem Bett. Und weil auch die Eltern sich nicht rühren, bleibt das Kind gleich ganz zu Hause. Kristina Claas, Schulsozialarbeiterin bei der Diakonie Marienberg, hat diesen Fall erlebt. An Oberschulen in der Region kümmert sie sich auch um Schulverweigerer: "Die meisten sagen: Das ist bei uns kein Problem." Dennoch hat Claas viel zu tun.

Die Zahlen: Die Anzeigen nach Schulpflichtverletzungen im Erzgebirgskreis haben in den vergangenen Jahren leicht zugenommen. Das Landratsamt registrierte 2013 noch 131 Anzeigen, 2014 waren es 142. Im vergangenen Jahr wurden 160 Verfahren eingeleitet. Laut der Behörde sind Schulschwänzer vor allem an Ober-, Förder- und Berufsschulen zu finden.

Dabei steht das Erzgebirge im Vergleich mit anderen Landkreisen noch gut da. Bezogen auf die Gesamtschülerzahl von 34.740 wurde 2015 - rein statistisch - nur einer von 217 Jugendlichen als Schulverweigerer gemeldet. Im Vogtland war es einer von 70, in Mittelsachsen einer von 97. Zwar geht aus der Anzahl der Anzeigen nicht hervor, wie viele Schüler tatsächlich den Unterricht verweigert haben. Doch offenbar wird im Erzgebirge weniger geschwänzt als anderswo.

Warum das so ist, kann auch die Bildungsagentur nicht eindeutig erklären. Lutz Steinert, Sprecher der Behörde, vermutet aber, dass der Kontakt zwischen hiesigen Schulen und Elternhäusern stärker ausgeprägt ist als in anderen Regionen oder etwa Großstädten.

Die Ursachen: Gründe, um die Schule zu schwänzen, gibt es aber auch im Erzgebirge. "Selten hat es etwas mit bloßer Unlust zu tun", sagt Kristina Claas. Verweigern Kinder über einen längeren Zeitraum den Unterricht, sind oft Angst, Mobbing oder psychische Krankheiten die Ursache. Und auch die Einstellung der Eltern spielt eine Rolle - vor allem in sozial benachteiligten Familien. In einigen Fällen, so Claas, decken Mütter und Väter ihre Kinder mit Krankenscheinen.

Claudia Schneider, Sozialpädagogin beim Schwarzenberger Schulprojekt "Lift", bestätigt diesen Eindruck: "Schulschwänzen ist meist familiär bedingt." Der Bedarf an ihrer Arbeit sei groß, hin und wieder müsse sie Anfragen ablehnen. Die Helfer: Wie eine kleine Wohnung sind die Räume beim Schwarzenberger "Lift" aufgebaut, einem Projekt, das die Volkssolidarität Westerzgebirge und der Auer Help-Verein zusammen auf die Beine stellen. Es wird gemeinsam Mittag und Frühstück gegessen, von einer Lehrerin erhalten die Jugendlichen regelmäßig Unterricht in den Kernfächern. Das Ziel: Den Mädchen und Jungen soll eine Struktur für den Alltag vermittelt werden. Indem sie klettern gehen oder in der Hobby-Werkstatt mit Holz arbeiten, wächst ihr Selbstbewusstsein. Aber auch Kleinigkeiten wie Einkaufen oder Behördengänge werden eingeübt. "Was für uns normal ist, stellt für einige eine Herausforderung dar", sagt Claudia Schneider.

Seit Beginn des Projekts im Jahr 2003 sind rund 100 Kinder in Schwarzenberg betreut worden. Nach Angabe von Claudia Schneider konnte ein Drittel davon wieder in den Schulalltag integriert werden, und ein weiteres Drittel ist in Berufsausbildungen untergekommen.

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