Leben auf blauen Schwingen

Christine Beier ist eine Künstlerin. Sie beherrscht das seltene Kunsthandwerk des Blaudrucks. Heute wird die Lebenskünstlerin "zweimal 35".

Schwarzenberg.

Wenn sie etwas nicht mag, dann ist das "im Mittelpunkt stehen". Dabei ist die zierliche Blondine eine ganz Große ihrer Kunst. Denn sie beherrscht das in Deutschland mittlerweile sehr seltene Kunsthandwerk des Blaudrucks. Wobei der Begriff "Druck" eher verwirrt. Gedruckt wird lediglich mittels Holzmodeln eine farbabweisende Masse (Reserve) auf den Stoff, um beim anschließenden aufwendigen Färbeprozess mit Indigo diese Flächen im Leinen weiß zu lassen. Es ist eine alte Färbetechnik, die ihre Ursprünge in Indien hat.

Mit dieser Kunst hat die Schwarzenbergerin speziell in den 1980er-Jahren für Furore gesorgt. Ihr Mann, der Holzgestalter Jörg Beier, fertigte für sie spezielle Modeln an - breite Vogelschwingen, die auf den blauen Stoffbahnen Freiheit symbolisierten, Unbeschwertheit vermittelten und Grenzenlosigkeit forderten.

Ihr Kunst war gefragt und begehrt. Tochter Lydia Schönberg erinnert sich: "Einmal hatte sie eine Verkaufsausstellung in Berlin. Unser kleiner Trabi war bis unters Dach mit Stoffen gefüllt. Sie hatte monatelang dafür gearbeitet. Und schon einen Tag nach der Eröffnung der Ausstellung Unter den Linden waren alle Sachen verkauft."

Christine Beier selbst hat nie die Bodenhaftung verloren. Heute wird die Schwarzenbergerin zweimal 35. Mit der Zahl hat sie so ihre Schwierigkeiten. Nicht etwa, weil sie eitel ist. Das keineswegs. Aber im Rückblick auf das bislang gelebte Leben ist die Wegstrecke doch schon gewaltig, die sie bereits zurückgelegt hat. Gepflastert mit vielen Höhen und Tiefen, mit Hoffnungen und Sehnsüchten - so blau und schier endlos wie die markanten Schwingen, die sie in riesigen Stoffbahnen einzufangen vermag.

Mit einem Kunstwerk der besonderen Art hat sie nach der politischen Wende für Schlagzeilen gesorgt. Denn von Christine Beier stammt jene überdimensionale Jeanshose, die im großen Lichthof des Finanzamtes Schwarzenberg hängt. Das Spektakuläre an dieser Hose ist aber nicht nur deren Größe, sondern es sind vielmehr die nach außen gedrehten leeren Taschen!

Mit der Eröffnung von Kunst & Kneipe (1990 eröffnet und zunächst für eine kurze Nebeneinkunft gedacht) hat sich der "Auftrag" für die Künstlerin gewandelt. Sie vollführte aus der Künstlerfamilie den größten Schritt von Kunst zu Kneipe. Heute ist sie deren "gute Seele". "Sie macht alles, was man nicht sieht", sagt Jörg Beier. Sogar die Bierfässer wuchtet sie die Treppe hoch. "Bedienen ist nicht ihr's", meint Tochter Lydia, die mit ihren Eltern gemeinsam die Kunst-Kneipe führt und selbst als Fotografin künstlerisch tätig ist. Dafür sei "die Tine", wie alle sagen, die, die niemand mit Sorgenfalten im Gesicht sitzen sehen kann. "Sie redet dann so lange auf den ein, bis der das Leben wieder positiv sieht und fröhlich geht. Dabei ist sie sehr direkt. Sie sagt, was sie denkt", so Jörg Beier. Ob das wirklich ihr gemeinsamer Traum vom Leben auf den blauen Schwingen war? Ab und an steigen sie jedenfalls ins Auto, fahren davon, um den Kopf frei zu kriegen, den Horizont zu erweitern. Aber sie kehren ebenso gern wieder zurück.

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