Lehrer zu Schülerin: "Ich bin wahnsinnig verliebt in dich"

Im Missbrauchsprozess gegen einen ehemaligen Grundschullehrer haben gestern mehrere Zeugen ausgesagt - der Richter verlas heikle Botschaften.

Aue/Schwarzenberg.

Ungewöhnlich ruhig, fast schon abwesend, wirkte der Angeklagte gestern am dritten Verhandlungstag am Amtsgericht Aue. Als der Richter einen Zeugen nach dem nächsten zur Vernehmung in den Gerichtssaal bat, starrte er immer wieder minutenlang auf die Anklagebank.

Der Mann, ein früherer Grundschullehrer und späterer Schulleiter aus dem Erzgebirgskreis, steht seit Juni wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes vor Gericht. Eine seiner ehemaligen Schülerinnen (heute 31) hatte Vorwürfe gegen ihn erhoben. Der Angeklagte, der auch ihr Sporttrainer war, soll sich ihr im Zeitraum zwischen 1997 und 2000 sexuell genähert haben. Während Trainingslagern und Auslandsreisen sei es zum Geschlechtsverkehr gekommen. Der Lehrer bestreitet das.

Vor Gericht sagten gestern mehrere Weggefährten des Angeklagten aus. Eine Frau, die Ende der 1990er-Jahre zusammen mit ihm einen Sportkurs geleitet hatte, an dem auch das Mädchen teilnahm, erklärte, der Mann, das Kind und ihre Eltern hätten ein enges freundschaftliches Verhältnis gepflegt. "Ich habe aber nie den Verdacht gehegt, dass da was nicht stimmt." Das Mädchen sei immer fröhlich und sportlich erfolgreich gewesen.

Als Belohnung durfte die damals Elfjährige gemeinsam mit dem Angeklagten als Zuschauerin mit zu einem Sportereignis nach Paris fahren. Laut Anklage kam es dabei zum Missbrauch. Die Trainerin, die ebenfalls mit ihrem Sohn nach Paris gefahren war, konnte das gestern nicht bestätigen: Beischlafgeräusche, sagte sie auf Nachfrage, habe sie nicht gehört. Aber: Lehrer und Kind hätten in einem Zimmer geschlafen; sie mit ihrem Sohn in einem anderen. Der Staatsanwalt reagierte verwundert: "Ich finde die Aufteilung der Zimmer seltsam", sagte er und fragte. "Wer hat die Zimmer so gebucht?" Der Angeklagte, antwortete die Frau. "Ich habe nichts Abwegiges darin gesehen."

Die Leiterin der Grundschule, die in dem Prozess als weitere Zeugin vernommen wurde, berichtete hingegen von Auffälligkeiten in der Beziehung zwischen Lehrer und Kind und sprach von einer "Distanzlosigkeit, die Grenzen überschritten" hat. Als Beispiele nannte sie, dass beide Hand in Hand durch die Grundschule gelaufen seien und dass das Kind bei ihm auf dem Schoß saß. "Er hat sehr viel Nähe zugelassen. Das hat kein anderer Lehrer gemacht."

Als Knackpunkt bezeichnete die Schulleiterin, dass sie beide später einmal in einer Sauna antraf. Der Angeklagte habe nur ein Handtuch umgehabt, das Kind nur einen Bademantel an. "Sie ist ständig über ihn drüber geklettert, über die Brust, den Bauch." Daraufhin habe sie den Lehrer auf die seltsame Nähe angesprochen. "Doch er hat es abgetan und gesagt, es ist nur freundschaftlich." Auch die Eltern des Kindes kontaktierte sie - ohne Reaktion.

Verteidiger Reinhard Röthig hinterfragte die Aussage: Warum sie sich nicht schon eher, sondern erst jetzt gemeldet hat. Die Lehrerin erklärte dazu, erst später habe sie das große Ganze gesehen. Mit ihrer Aussage wolle sie die Schülerin unterstützen. "Es gibt keinen Grund, warum sie sich das ausdenken sollte." Auf die Frage, ob sie auch sexuelle Handlungen beobachtet hat, antwortete sie jedoch mit Nein.

Die junge Frau, die später ins Saarland zog, und ihr Lehrer schrieben sich noch bis Ende 2012 Nachrichten. Aus zwei Briefen las der Richter gestern vor. So schrieb der Mann in einer Nachricht: "Meine geliebte süße Maus". Und: "Ich bin wahnsinnig verliebt in dich." In einer anderen Botschaft hieß es: "Mein Herz ist so voll Liebe, dass es fast zerplatzt." Anwalt Röthig erklärte dazu nach der Verhandlung: Sein Mandant könne sich die Nachrichten heute nicht mehr erklären. Zugleich monierte er das Verlesen einzelner Briefe, da man diese so aus dem Kontext reiße. "Denn der Briefverkehr erfolgte wechselseitig."

Röthig selbst hatte dem Gericht am ersten Verhandlungstag einen umfangreichen Wortwechsel als Beweisstück vorgelegt.

Der Prozess wird am 30. Juli fortgesetzt.

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